ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2001Deutsche Medizin im Dritten Reich

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Deutsche Medizin im Dritten Reich

Dtsch Arztebl 2001; 98(46): A-3034 / B-2583 / C-2392

Klee, Ernst

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LNSLNS Medizingeschichte
Viele Täter blieben unbestraft
Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2001, 416 Seiten, gebunden, 48,90 DM
Einiges in Ernst Klees neuestem Werk ist aus seinen früheren Büchern über die NS-Euthanasie und seine Dokumentation über Medizin in Auschwitz bekannt. Doch das bereits Bekannte wird nun noch einmal in einem anderen, größeren Zusammenhang dargestellt und um neue Fundstücke aus Archiven erweitert, die nicht ohne Brisanz sind. Seine These, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk zieht, lautet: Die Opfer wurden verachtet und fanden auch nach dem Ende des Dritten Reichs nicht die Beachtung, die man ihnen schuldet. Dagegen hat man die Täter nur selten zur Rechenschaft gezogen, sie sind gar nach 1945 zum Teil hoch geachtet gewesen. Wer dieses Buch bis zum Ende gelesen hat, wird Klees Empörung und Unverständnis nachvollziehen können.
Wie groß die Zahl der Mediziner ist, die auf unterschiedlichste Weise in Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstrickt waren und nach 1945 meist dank „Persilscheinen“ oder nach Namensänderung ihrem ärztlichen Beruf wieder nachgehen konnten, machen die Recherchen Klees deutlich. So hat zum Beispiel die Bundes­ärzte­kammer, wie Klee nachweist, bei der Verleihung ihrer höchsten Auszeichnung für Verdienste um die deutsche Ärzteschaft die Vita der Geehrten nicht sorgfältig genug geprüft. Unter den Trägern der Paracelsus-Medaille befinden sich einige, die ihre Rolle im Dritten Reich beschönigt haben oder gar zum engeren Kreis der unbestraft gebliebenen Täter gehören. Zu denjenigen, die sich um die Erforschung der Medizin im Dritten Reich verdient gemacht haben, zählt der kanadische Historiker Michael Kater, der gerne mit dem moralischen Zeigefinger auf die deutsche Ärzteschaft und auf Kollegen zeigt, die seine Meinung nicht teilen. Klee beschuldigt ihn, willfähriger „Diener“ eines Nazitäters gewesen zu sein. Kater habe dem persönlichen Referenten des Reichsgeschäftsführers des SS-Ahnenerbes angeboten, ein für ihn günstiges Gutachten zu erstellen. Klee beruft sich dabei auf Akten im Institut für Zeitgeschichte in München. Dass die Suche nach Zeitzeugen und Quellen oft eine Gratwanderung ist, weiß auch Klee. Er selbst hat es deshalb bisher mit gutem Grund abgelehnt, mit Tätern zu sprechen, da diese „die Wahrheit zurechtgebogen“ hätten. Robert Jütte
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