ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2001Das Inzidentalom der Nebenniere: Unklare Indikationsstellung
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LNSLNS Im Jahre 1995 wurde in dieser Zeitschrift von M. Reincke und B. Allolio ein Artikel veröffentlicht mit dem Titel: „Die Kunst der Beschränkung in der Diagnostik und Therapie“ (1). Die Autoren kamen – in verkürzter Form – zu dem Schluss, dass bei einer vergrößerten Nebenniere mit einem Durchmesser unter 5 cm und fehlendem Hinweis auf ein Tumorleiden, fehlenden klinischen und laborchemischen Hinweisen auf hormonelle Aktivität und fehlender Wachstumstendenz innerhalb eines halben Jahres keine weiteren diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen zu ergreifen sind. Der Artikel von Junginger et al. suggeriert – schon im Titel – dass auch bei klinisch erwiesenem hormoninaktiven Inzidentalom von weniger als 5 cm Durchmesser eine Operation zu erwägen sei und dies unter Beachtung der „Beantwortung der Frage, ob die endoskopische Adrenalektomie beim Inzidentalom die Entscheidung zur Operation erleichtert“.
Wenn aber nach den Vorstellungen von Allolio und Reincke, die meines Wissens allgemein anerkannt sind und die von Junginger et al. in ihrem Artikel zitiert werden, die Adrenalektomie meistens beim Inzidentalom nicht indiziert ist, ergibt sich die Frage, ob die endoskopische Adrenalektomie beim Inzidentalom von weniger als 5 cm Durchmesser ethisch überhaupt zu rechtfertigen ist, unabhängig von eventuell sinnlosen Kosten. Hier wird eine Therapie ohne Indikation propagiert. Dadurch, dass die Autoren ihr Operationsverfahren am häufigsten beim Inzidentalom angewandt haben – und das sogar bei Größen bis 2 cm Durchmesser – haben sie sich meiner Meinung nach über geltende Vorstellungen der Medizin hinweggesetzt. Nun heben die Autoren darauf ab, dass beim Inzidentalom der Größe 3 bis 5 cm eine gewisse Grauzone der Operationsindikation bestehe. Die zum Beleg zitierten Arbeiten können die eventuelle Erweiterung bezüglich der Operationsindikation auf einen Durchmesser ab 3 cm nicht anhand von Daten begründen, sondern nur durch Zitate von Meinungen anderer Autoren oder recht alten Originalarbeiten. Auch Junginger und Mitarbeiter geben nicht an, ob bei den von ihnen operierten Inzidentalomen mit einer Größe von 3 bis 5 cm
Gesichtspunkte aufgefallen sind, die einen klaren Grund für eine Indikation einer Adrenalektomie kleinerer Inzidentalome ergeben oder ob nicht vielmehr ihre Ergebnisse die Annahme der Sinnlosigkeit der Adrenalektomie bei hormoninaktiven Inzidentalomen von weniger als 5 cm Druchmesser untermauern.

Literatur
1. Reincke M, Allolio B: Das Nebenniereninzidentalom. Die Kunst der Beschränkung in Diagnostik und Therapie. Dt Ärztebl 1995; 92: A-764–770 [Heft 11].

Dr. med. Hans Joachim Schmeck-Lindenau
Medizinische Klinik I
Zentralkrankenhaus Reinkenheide
Postbrookstraße 103
27574 Bremerhaven

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