ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2001Tempelanlagen auf Malta: Zeugnisse des Glaubens an die Grosse Mutter

VARIA: Feuilleton

Tempelanlagen auf Malta: Zeugnisse des Glaubens an die Grosse Mutter

Dtsch Arztebl 2001; 98(46): A-3061 / B-2602 / C-2410

Schatz, Iris

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Die steinernen Zeugnisse sind Kulturdenkmäler, die für die Zukunft bewahrt werden sollten.
Einige von ihnen wurden jedoch in letzter Zeit von einheimischen Vandalen schwer beschädigt.


Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit ereignete sich in der Nacht zum Karfreitag, am 13. April 2001, auf der Insel Malta ein Kulturfrevel. Einer der ältesten Tempel der Welt, Mnajdra, den die UNESCO zusammen mit der Anlage Hagar Qim 1980 zum Weltkulturerbe erklärt hat, wurde schwer beschädigt.
Es ist aber nicht das erste Mal, dass einheimische Vandalen die Tempel von Malta geschändet haben: 1991 waren es Hagar Qim und Mdina
und 1994 die Tempel-Anlage Borg-in-Nadur. Tonnenschwere Steine wurden mit Hebeln umgestoßen und unwiderruflich zerstört. Jedesmal besteht der Verdacht, dass die Täter, die bis heute noch nicht ermittelt wurden, dieselben sind und ihr Anschlag dazu dient, die Regierung unter Druck zu setzen.
Nur von der lokalen Presse wurden die Schändungen der Tempelanlagen auf Malta registriert.
Nur von der lokalen Presse wurden die Schändungen der Tempelanlagen auf Malta registriert.
Vogelmord und Wählerstimmen
Der Hintergrund der Verwüstungen sind Vogelfang und Vogelmord. Überall in der Landschaft sieht der Tourist die aufgetürmten Steintischchen, auf denen im Frühjahr und Herbst Lockvögel in ihren Käfigen stehen. Nach Schätzungen der rund 1 500 maltesischen Vogelschützer werden jährlich auf Malta mehr als 3 000 Reiher, 1 500 Falken, 500 Eulen, 50 000 Feldlerchen, 100 000 Turteltauben und 200 000 Singdrosseln gefangen, geschossen, getötet. Hinzu kommen Fischadler, Pelikane und andere seltene Vögel. Die seltenen Exemplare werden ausgestopft und als Trophäen gesammelt. Die „Massenware“ wird fortgeworfen. Zwar gibt es Schonzeiten und Jagdverbote. Die Einhaltung dieser Gesetze wird jedoch nicht überwacht. Vogeljagd und Vogelmord sind auf Malta ein Volkssport, den laut Statistik jeder zwölfte Malteser ausübt. Offiziell gibt es rund 35 000 registrierte Vogeljäger, die über 54 000 Waffen verfügen. Bei nur 360 000 Einwohnern ist das ein stattliches Wählerpotenzial. Die Vogeljäger zu verärgern würde Wählerstimmen kosten – und das will sich keine Partei leisten. Im Fall des Tempels Mnajdra liegt das prähistorische Naturdenkmal mitten im Fanggebiet und ist damit den Jägern ein Dorn im Auge. Und so sind nicht nur die verschiedensten artgeschützten Vögel bedroht, sondern auch die alten Kulturstätten. Maltas Tempel sind einzigartig. Sie sind Denkmäler aus dem Neolithikum, einer Epoche, die weit vor den großen Kulturen liegt. Sie sind Zeugnis einer der ältesten Religionen der Menschheit: des Glaubens an die „große Mutter“, des „Tors des Lebens“. Diese Monumente sind älter als die Pyramiden (2800 v. Chr.) oder Stonehenge (2400 v. Chr.). Ihre Bedeutung ist mit den großen Weltwundern gleichzusetzen. Da in der Kultur Maltas keine Mythen aus der Vorzeit überliefert sind, spricht Maltas Mythos allein durch seine Tempel und die prähistorischen Bildwerke und Skulpturen, die man gefunden hat, und aus dem Namen der Insel. Malta, so vermuten
einige Wissenschaftler, komme von „Melitta“, der Biene, dem Symbol frauenorientierter Gemeinschaftsbildung – oder, was auch in Erwägung gezogen wird, dass „Mylitta“ die Namensgeberin gewesen sein könnte, die Herodot als Göttin der Heilkunst und des Schutzes schwangerer und gebärender Frauen beschreibt. Mit Sicherheit aber waren diese ersten Tempel der Menschheit Wallfahrtsorte zur „Magna Mater“, der großen Urmutter und Göttin.
Heilen im Dienste der Göttin
Die am besten erhaltenen megalithischen Tempelanlagen sind Hagar Qim, Mnajdra, Tarxien auf Malta und Gigantija auf Gozo. In ihrer Bauweise sind alle Tempel durch den ersten Tempel Gigantija auf Gozo geprägt. Immer sind es Rundbauten in ovaler Form, die halbrunde Apsiden bilden. Die Anlagen bestehen aus zwei oder mehreren Tempeln, die nebeneinander gebaut sind oder miteinander Berührung haben. Auf der Insel Gozo steht der älteste Tempel der Welt: Gigantija (4000–3000 v. Chr.).
Die Tempelanlage Gigantija wird von einem größeren und einem kleineren Tempel gebildet, die von einer gemeinsamen Außenmauer umgeben sind. Die Grundrisse erinnern auffällig an die figürlichen Umrisse der „großen Mutter“ wie auch die Lage der beiden Tempel an das Bild der Göttin in Doppelgestalt von Mutter und Tochter. In der Ur- und Frühgeschichtsforschung werden figürliche Darstellungen zweier Frauen als Mutter-Tochter-Bilder gedeutet, die die ununterbrochene Fortsetzung des Lebensprozesses durch die Frauen symbolisieren. Deshalb prägte die weibliche Linie sowohl die familiären als auch die
gesellschaftlich-kulturellen Strukturen und garantierte ihre Fortentwicklung. Und so ist der Tempel von Gigantija wahrscheinlich der erste Sakralbau, in dem diese Auffassung in Stein manifestiert wurde. Drei hintereinander liegende Schwellen und Durchgänge führen in die bauchigen Innenräume der Tempel. Das erste Raumpaar diente wohl der Vorbereitung auf die Opferzeremonie. In einem mächtigen, in die gewölbte Außenwand eingefügten Monolithen befindet sich das Orakelloch. Aus ihm sprach eine wissende Stimme zu denen, die um Rat suchen. In Nischen entlang der Seitenrundungen stehen mehrere kleine Seitenaltäre. Die Innenwände waren verputzt, mit Stuck verziert und in Ocker bemalt. Reliefdarstellungen mit Spiralen, Pflanzen-, Blumen- und Tiermotiven auf den Altarsteinen weisen auf die Opfergaben hin, die der Großen Göttin geweiht wurden.
Der Mnajdra-Komplex (3500–3000 v. Chr.) ist besonders interessant wegen seiner geheimen Kammern, die in den dicken Mauern verborgen sind, und den Löchern, die sie mit dem Innenteil des Tempels verbinden. Man vermutet, dass es Orakelkammern waren, es könnte aber auch eine Anlage gewesen sein, durch die Kräuterdüfte in die Kammern eindrangen, um so den Kranken Linderung zu bringen und den Heilschlaf zu fördern. In der Tempelanlage in Tarxien liegt am östlichen Ende des Vorhofs ein flacher Stein mit hohem Rand und sechs Löchern. Er diente wahrscheinlich der Aufnahme von flüssigen Opfergaben, die durch die Löcher in die Erde geleitet wurden. Eine andere Deutung
jedoch besagt, dass dort Heilkräuter verrieben wurden. Möglicherweise wurden die Kammern von Gebärenden benutzt, die in den Tempeln der „Großen Mutter“ ihre Kinder zur Welt brachten, vielleicht dienten sie auch dazu, die Kranken zu beherbergen, und so aus den Tempeln die ersten frühen Krankenhäuser der Welt entstanden.
Tonnenschwere Steinblöcke wurden im Mnajdra-Tempel umgestoßen und zerbrochen – ein nicht zu restaurierender Schaden. Fotos: Iris Schatz
Tonnenschwere Steinblöcke wurden im Mnajdra-Tempel umgestoßen und zerbrochen – ein nicht zu restaurierender Schaden. Fotos: Iris Schatz
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Versteinerte Geheimnisse
Viele der Steine in den Tempeln sind mit einem Punktdekor überzogen, das bei entsprechendem Sonnenlichteinfall reizvolle Schatten wirft. Da die Tempel in ihrer Urform nicht mehr erhalten sind, können diese Effekte nicht mehr zugeordnet werden. Es war wohl das Spiel des Lichtes, was den Astronomen Paul Micallef veranlasste, den Südtempel von Mnajdra zu vermessen. Er fand heraus, dass die ersten Sonnenstrahlen bei Tag- und Nachtgleiche durch das Haupttor dringen und die Kopfnische beleuchten. Micallef folgert daraus, dass dieser Bau ein Sonnentempel gewesen war, in dem astronomisches Urwissen architektonisch umgesetzt wurde.
Um 2700 v. Chr. wurde Hagar Qim erbaut. In diesem Tempel wurden mittelgroße fettleibige Kalkstatuen gefunden, darunter auch die „Venus von Malta“, eine 13 cm hohe Figur. Wie alle anderen Skulpturen aus Hagar Qim dürfte die maltesische Venus bereits einer Spätphase der Tempelkultur angehören, ebenso wie das Fragment der großen Göttin aus dem Heiligtum von Hal Tarxien. Sie ist, für die damalige Zeit, die größte Kolossalskulptur aus Stein.
Aber noch andere Besonderheiten weist die Tempelanlage von Tarxien (3800–2500 v. Chr.) aus, die 1915 entdeckt wurde: In dem Vorhof des Südwesttempels liegen vor dem Eingang Steinkugeln in verschiedenen Größen. Man nimmt an, dass sie als Transportwalzen für das Herbeischaffen der Steinblöcke dienten. Aber man stellte noch einen Verwendungszweck fest: Der Tempel selbst steht auf solchen Steinkugeln, eine Maßnahme, den Kolossalbau gegen Erdbeben zu sichern.
Die Tempel von Malta zeigen der Nachwelt, dass in der Prähistorie dort Menschen jahrtausendelang ohne jede Gewalt, das heißt ohne Waffen und Krieg, in Frieden miteinander gelebt haben. Bei den Tausenden von Knochenfunden aus dieser Kultur wurde nicht ein Skelett entdeckt, an
dem Gewalteinwirkungen oder Kriegsspuren zu finden waren – und Waffen fand man gar nicht aus dieser Epoche. Um 2000
v. Chr. ist die Frauen-Kultur der Magna Mater im Dunkel der Geschichte verschwunden. 200 Jahre später wird Malta erneut von den Völkern der Bronzezeit besiedelt. Was blieb, sind die steinernen Zeugnisse, die es für die Zukunft zu bewahren gilt.
Iris Schatz

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