ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2001Krankenhäuser: Nicht mit Hauruck

POLITIK

Krankenhäuser: Nicht mit Hauruck

Dtsch Arztebl 2001; 98(47): A-3085 / B-2619 / C-2427

Clade, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Plädoyer für Verschiebung des Starts zum diagnoseorientierten Fallpauschalsystem

Unter unverändert hohem Zeitdruck bei der Vorbereitung, Umsetzung und Erprobung des neuen Krankenhausvergütungssystems auf der Basis diagnosebezogener Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups) stehen die gemeinsame Selbstverwaltung von Krankenhausträgern und der Krankenkassen-Spitzenverbände ebenso wie die Ärzteschaft und die Krankenhauspraxis. Noch wurden die an die Selbstverwaltung übertragenen Aufgaben im viel zu eng bemessenen zeitlichen Limit bewältigt. Doch hakt es an manchen Ausführungsbestimmungen und praxisgerechten Vorbereitungen bei diesem als Paradigmenwechsel in der Krankenhausfinanzierung beschworenen Umstellungsakt.
In diesen Wochen und Monaten hat die Selbstverwaltung Kärrner-Arbeit geleistet, indem die allgemeinen und die speziellen Kodierungsrichtlinien fertig gestellt wurden und demnächst das Kalkulationshandbuch in der Entwurfsfassung vorgelegt werden soll. Dennoch: Die zeitlichen Vorgaben sind viel zu eng, sodass eine so weitgreifende Klinikfinanzierungsreform nicht im Hauruck-Verfahren durchgesetzt werden sollte.
Bereits zu Beginn der der Selbstverwaltung überantworteten Aufgaben hat die Ärzteschaft für ein Vorgehen mit Augenmaß plädiert. Vor allem sollte der Zeitraum der Vorbereitung und der Umstellung weiter bemessen werden. Die Androhung von Ersatzvornahmen durch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium wäre mehr als kontraproduktiv. Die Umstellung der Klinikfinanzierung darf kein Flop werden.
Auch der Marburger Bund hat die aktive Mitarbeit der Klinikärzte an einige Bedingungen geknüpft. So bringt die freiwillige (optionale) Einführung des DRG-Fallpauschalensystems ab 1. Januar 2003, wie dies im Entwurf des Fallpauschalengesetzes (FPG) der Bundesregierung vorgesehen ist, mehr Unklarheit und Verwirrung, als es der Erprobung des Systems dient. Bei dem ohnedies schon überhand nehmenden Dokumentations- und Verwaltungsaufwand in den bundesdeutschen Krankenhäusern sollte ein erneutes Hin und Her bei den Rahmenbedingungen des neuen Entgeltsystems vermieden werden. Vielmehr wären die Politik und die Selbstverwaltung gut beraten, sich ganz auf die gründliche Vorbereitung und auf verlässliche und kalkulierbare Rahmenbedingungen zu konzentrieren und das neue System erst ab Januar 2004 einheitlich für alle Krankenhäuser (außer der Psychiatrie) zu starten. Dies bedarf allerdings einer Nachbesserung im Entwurf für ein FPG.
Verlängerte Umstellungsphase
Die auf zwei Jahre begrenzte Umstellungs- und Konvergenzphase sollte auf drei Jahre verlängert werden, sodass der Routinelauf des neuen Fallpauschalensystems nicht bereits ab dem 1. Januar 2007, sondern erst ab Januar 2008 gestartet wird. Die Zeit der verlängerten Konvergenzphase sollte genutzt werden, um die individuellen Krankenhausbudgets an den landesweiten Basisfallwert anzupassen und in der Phase der budgetneutralen Umsetzung den Krankenhäusern eine finanziell überblickbare und abgesicherte Umstellung zu ermöglichen, jedenfalls nicht, um die existenziellen Risiken noch zusätzlich zu erhöhen.
Das aus Australien importierte Fallpauschalensystem, das auf dem fünften Kontinent übrigens nur für 60 Prozent aller Krankenhausleistungen eingesetzt wird, sollte im deutschen Krankenhauswesen nur auf der Basis valider und überprüfbarer Daten implementiert werden mit der Möglichkeit, in der Erprobungsphase nachzujustieren und zu korrigieren – im Sinne eines „lernenden Systems“.
Zudem: Bei der Vereinbarung von Mindestanforderungen an die Struktur- und Ergebnisqualität müssen ausreichend und realistisch bemessene Personalschlüssel verwandt werden. Diese müssen die Anforderungen an eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung ebenso berücksichtigen wie die konsequente Umsetzung arbeitsrechtlicher Normen (Arbeitszeitgesetz, Tarifverträge und das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 3. Oktober 2000 zum Bereitschaftsdienst).
Der Marburger Bund hat ermittelt, dass allein die Einführung und Umsetzung des neuen Entgeltsystems je Krankenhaus im Durchschnitt rund 0,5 bis 1,5 Millionen DM zusätzliche Kosten verursacht. Diese Zusatzkosten müssen außerhalb des Budgets vergütet werden, ebenso wie die zusätzlichen zeitaufwendigen Dokumentations- und Kodier-Verpflichtungen der Krankenhäuser.
Allein in den letzten zehn Jahren wurden die Anforderungen an die
Aufzeichnung, Dokumentation und Ausfüllung von Formularen in den
Kliniken versiebenfacht. Diese Zeit geht der Patientenversorgung verloren. Der Bürokratieaufwand ist verdreifacht worden, ohne dass der Stellenplan erweitert und zusätzliche finanzielle Mittel bereitgestellt worden wären. Dr. rer. pol. Harald Clade
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema