ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2001Russische Biowaffenlabors: Geänderte Perspektive

POLITIK

Russische Biowaffenlabors: Geänderte Perspektive

Dtsch Arztebl 2001; 98(47): A-3086 / B-2620 / C-2428

Richter, Eva A.

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Im Rahmen des amerikanischen Biowaffen-Präventionsprogramms werden die ehemaligen russischen Biowaffenlabors mit moderner Technik ausgestattet. Foto: ddp
Im Rahmen des amerikanischen Biowaffen-Präventionsprogramms werden die ehemaligen russischen Biowaffenlabors mit moderner Technik ausgestattet. Foto: ddp
Ehemalige russische Biowaffen-Experten arbeiten jetzt mit westlichen Wissenschaftlern an friedlichen Forschungsprojekten.

Ärzte und Naturwissenschaftler russischer mikrobiologischer Institute setzen inzwischen ihre Arbeitskraft wieder zum Wohle der Menschen ein. Noch vor wenigen Jahren waren viele von ihnen in die Biowaffen-Projekte der ehemaligen Sowjetunion involviert. Sie untersuchten, wie Milzbranderreger durch Resistenzentwicklung gegenüber Antibiotika noch effektiver werden, veränderten Pocken- und Ebolaviren gentechnisch. „Jetzt sind sie froh, dass ihre Arbeit friedliche Ziele hat und sie ihre Forschungsergebnisse in internationalen Journalen publizieren können, während sie früher nur im Verborgenen forschten“, berichtet Jens Kuhn auf einer Diskussionsveranstaltung der Berliner Medizinischen Gesellschaft, des Universitätsklinikums Benjamin Franklin, Berlin, der Ärztekammer Berlin sowie der Berliner Mikrobiologischen Gesellschaft zum Thema „Bioterrorismus“.
Gast in Koltsovo
Der 29-jährige Biochemiker und Student der Humanmedizin an der Freien Universität Berlin (Universitätsklinikum Benjamin Franklin) war der erste westliche Forscher, der längere Zeit in einer ehemaligen russischen Biowaffenfabrik arbeitete. Fünf Monate war Kuhn als Gastwissenschaftler in den Sicherheitslabors des Staatlichen Forschungszentrums für Virologie und Biotechnologie in Koltsovo bei Novosibirsk tätig. Sein Forschungsprojekt: die molekulare Charakterisierung der Erreger des Krim-Kongo-Hämorrhagischen Fiebers, das in Osteuropa relativ weit verbreitet ist. Um zu den Laboratorien Zutritt zu bekommen, musste er zahlreiche medizinische Untersuchungen und Sicherheitschecks über sich ergehen lassen. „Es dauerte sechs Wochen, bis ich alle Unterschriften von den verschiedenen Ministerien beisammen hatte“, berichtet er. Obwohl im Institut jetzt offiziell an pathogenen Erregern geforscht wird (früher war Koltsovo als „geheime Stadt“ nicht einmal auf der Landkarte eingezeichnet), werden die Labors streng bewacht. Das Gelände sei nur mit einem Pass zu betreten, erzählte Kuhn, vor jedem Labor stehe ein Wachtrupp, jeweils sei ein eigener Ausweis notwendig.
Dass Kuhn in Koltsovo arbeiten konnte, ermöglichte das Biowaffen-Präventions-Programm des amerikanischen Unternehmens Science Applications International Cooperation (SAIC), Washington D. C. Kuhns Aufgabe war es, persönliche Kontakte zu den russischen Biowaffen-Experten herzustellen und gemeinsame Forschungsprojekte mit friedlichen Zielen anzuregen. Forschungsgelder sowie eine moderne Laborausrüstung für die russischen Institute stellt die US-Regierung zur Verfügung.
Sie beauftragte 1996 SAIC mit dem „Abrüstungs-Projekt“, um dem Missbrauch des Wissens der russischen Biowaffen-Experten zu begegnen. Die Gefahr des „brain drain“ bestand: Als der russische Staatspräsident Boris Jelzin das russische Biowaffen-Programm 1992 einstellte, waren auf einen Schlag schätzungsweise 10 000 bis 20 000 Wissenschaftler ohne Arbeit. Die russische Regierung konnte sie auf dem Gebiet der Biotechnologie gar nicht oder nicht adäquat beschäftigen. Wenn diese enttäuschten Wissenschaftler vom Irak, der ebenfalls ein großes Biowaffen-Programm startete, oder einzelnen Terrororganisationen „gekauft“ würden, stünde diesen mit dem Wissen und Know-how der russischen Experten ein gewaltiges Vernichtungspotenzial zur Verfügung. „Dies zu verhindern ist ein gemeinsames Anliegen der USA und von Russland. Denn das Wissen der russischen Biowaffen-Experten ist schon an sich eine Waffe“, erklärt Dr. Barbara Johnson, Leiterin der Abteilung für biologische Bedrohung am SAIC, in Berlin. Ihr Programm wolle deshalb diesen Wissenschaftlern die Chance geben, in ihrem Fachgebiet an Projekten zu arbeiten, die für beide Staaten wichtig sind und die den internationalen wissenschaftlichen und pharmazeutischen Interessen entsprechen. Dadurch soll die Gefahr des „brain drain“ entschärft werden.
„Die Entwicklung von B-Waffen ist keine Folge der modernen Forschung“, meint Prof. Dr. med. Erhard Geißler vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, Berlin. Bereits im 18. Jahrhundert hätten britische Truppen den Indianern Decken aus einem Pocken-Hospital überreicht, mit dem Ziel, diese auszurotten. „Die Rüstungsspirale auf dem Sektor der B-Waffen nahm dann während des Ersten Weltkriegs ihren Anfang“, erklärt Geißler. Damals hätte der deutsche Geheimdienst Bacillus anthracis als Waffe eingesetzt – allerdings nur gegen Tiere. Falsche Berichte des britischen Geheimdienstes hätten die internationale B-Aufrüstung gefördert. So wären die Briten damals von einer groß angelegten Anthrax-Produktion in Berlin überzeugt gewesen.
Das russische Biowaffen-Programm war größer, als man zunächst vermutet hatte. Dies wurde durch Berichte von Überläufern in westliche Staaten bekannt. Was allerdings mit den pathogenen Erregern passiert ist, die in den sowjetischen Labors produziert wurden, bleibt jedoch im Dunkeln. Nach den Berichten der Überläufer soll es sich um Tonnen von Erregern handeln. Die Biowaffen-Institute waren über das gesamte Land verteilt und als zivile pharmazeutische Unternehmen getarnt. Seit 1999 bestünden Kooperationsvereinbarungen mit diesen russischen Instituten, berichtet Johnson. So laufen beispielsweise gemeinsame Projekte mit dem Forschungszentrum für Molekuare Diagnostik und Therapie, Moskau, dem Staatlichen Forschungszentrum für angewandte Mikrobiologie, Obolensk, dem Forschungszentrum für Toxikologie und Hygiene, Serpukov, und dem Zentralen Institut für Epidemiologie, Moskau. „Wir gehen davon aus, dass noch die Hälfte der Biowaffen-Experten an den Instituten tätig ist“, erklärt Johnson. Sie sind nun in friedliche Projekte eingebunden: Die Wissenschaftler arbeiten an der Entwicklung von Gegenmitteln, Impfungen und Sicherheitsstandards im Umgang mit den pathogenen Erregern.
„Die Sicherheitsvorkehrungen in den russischen Labors waren mangelhaft“, berichtet Kuhn. „Teilweise wurden sogar Basics, wie zum Beispiel Handschuhe, vernachlässigt. Pipettenspitzen für die PCRs werden ausgewaschen und wiederverwendet – so wird die PCR zum Abenteuer.“ In den Hochsicherheitslabors, zu denen Kuhn während der letzten beiden Monate seines Aufenthalts Zutritt hatte, wären die Sicherheitsbedingungen hingegen sehr gut gewesen. Die Sicherheitsanzüge wurden täglich kontrolliert, beobachtete Kuhn.
Die Forscher in Koltsovo beschäftigten sich derzeit hauptsächlich mit den Fiolviren (Ebola und Marburg) sowie Pockenviren. An anderen Instituten werden beispielsweise Bacillus anthracis und die Anthrax-Infektion untersucht oder eine effektive Impfung gegen Yersinia pestis entwickelt. Im Anschluss an sein Praktisches Jahr will sich Jens Kuhn wieder der Virologie widmen. Eine Reise nach Sibirien ist bereits geplant. Dr. med. Eva A. Richter
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