ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2001Sucht: Mehr Kooperation erforderlich

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Sucht: Mehr Kooperation erforderlich

Dtsch Arztebl 2001; 98(47): A-3092 / B-2625 / C-2432

Richter, Eva A.

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LNSLNS Suchtkranke sollten gleichermaßen durch Ärzte,
Psychologen und Sozialarbeiter betreut werden.


E inige Vorurteile sind bereits beseitigt: Sucht wird heute als chronische Krankheit anerkannt, deren Folgen man lindern kann; sie gilt nicht mehr als persönliches Versagen. Die Medizin ist – zumindest seit der Substitutionsbehandlung mit Methadon – in das Drogenhilfesystem einbezogen. Vielerorts kooperieren Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter gut miteinander. Dennoch gibt es Reibungspunkte. Mit der Rolle der Suchtmedizin im deutschen Drogenhilfesystem beschäftigten sich in diesem Monat gleich zwei Tagungen: der 10. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS) e.V. in Berlin und die Fachkonferenz „Sucht und Medizin“ der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) e.V. in Braunschweig.
Abstinenzdogma ist gefallen
„Es ist erstaunlich, dass sich die psychisch-soziale und die klinisch-psychiatrische Behandlung des Phänomens Sucht unabhängig voneinander entwickelt haben und erst in den letzten Jahren miteinander produktiv kommunizieren“, sagte Marion Caspers-Merk (SPD), Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Tatsächlich hatte sich seit den 70er-Jahren in Deutschland eher eine Tradition der psychosozialen Behandlung der Sucht herausgebildet. Vertreter dieser Richtung standen einer ärztlichen Therapie kritisch bis ablehnend gegenüber. Denn die Ärzte verfolgten damals überwiegend einen anderen Therapieansatz: Sie forderten Abstinenz.
Dagegen wehrt sich die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin: „Sofortige Abstinenz ist eine Hürde, die nur wenige Süchtige überwinden können“, erklärte der Vorsitzende der DGS, Dr. med. Rainer Ullmann. „Wir reagieren auf Rückfälle nicht mit einem Abbruch der Behandlung, sondern intensivieren die Therapie.“ Jede Verminderung des Konsums sei wünschenswert. Gleichzeitig könnten so körperliche Komplikationen und eine soziale Verelendung verhindert werden (harm reduction). Um Drogenkranken unbürokratisch zu helfen, müssten insbesondere die niedrigschwelligen Angebote erweitert werden, erklärte Dr. med. Ingo Flenker, Vorsitzender des Ausschusses „Sucht und Drogen“ der Bundes­ärzte­kammer. „Nur wer überlebt, hat die Chance zur Umkehr“, betonte auch Caspers-Merk. Dabei verwies sie auf von der Bundesregierung unterstützte Projekte: Drogenkonsumräume oder das Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger, das zu Beginn des kommenden Jahres starten wird.
Letzteres wird von einer klinischen Arzneimittelstudie begleitet. Deren Ziel sei es, zu prüfen, ob Drogenabhängige durch die kontrollierte Vergabe von pharmakologisch reinem Heroin besser in das Hilfesystem integriert werden können als durch bisherige Suchttherapien, erläuterte Prof. Dr. med. Michael Krausz vom Institut für Interdisziplinäre Suchtforschung, Hamburg. Im Rahmen des Modellversuchs würden gleichzeitig zwei psychosoziale Therapien evaluiert.
Eine interdisziplinäre Kooperation ist gerade bei der Behandlung Suchtkranker unerlässlich. „Die Entwicklung von Sucht hat viele Ursachen. Darauf muss in der Behandlung reagiert werden, und deshalb sind Mediziner, Psychologen und Sozialarbeiter erforderlich“, betonte Prof. Dr. med. Klaus Wanke, Vorsitzender der DHS. Die medizinische Rehabilitation Suchtkranker habe Erfolgschancen bis zu 75 Prozent – mehr als bei jeder anderen Indikationsgruppe. Nach einer Umfrage der DHS vom Mai dieses Jahres sind 40 Prozent der Bevölkerung der Ansicht, dass Abhängigkeit eine behandelbare Krankheit ist. 34 Prozent gehen davon aus, dass Sucht zwar therapierbar, jedoch selbst verschuldet ist. Lediglich in der Altersgruppe über
60 Jahre meint ein Drittel der Befragten, Abhängigkeit sei eine Charakterschwäche.
Probleme bei der Behandlung Suchtkranker entstehen auch durch das zersplitterte Versorgungssystem. Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter kritisieren die Vielzahl der Kostenträger und umstrittene Zuständigkeiten. Während die medizinische Versorgung über die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung finanziert wird, tragen die Rentenversicherungsträger die Kosten für die Rehabilitation. „Die unterschiedlichen Finanzierungssysteme verfestigen die Kluft zwischen Ärzten und Sozialarbeitern“, sagte Caspers-Merk. Als Organisationsform der Zukunft verwies sie auf das Case Management. Dies sei der Grundgedanke des Sozialgesetzbuches IX. Die Leistung müsse den Menschen folgen – nicht umgekehrt. Eine Vereinbarung der Rentenversicherungsträger und Krankenkassen, die die Finanzierung der Substitution regelt, ist seit dem 1. Juli in Kraft.
Dr. med. Eva A. Richter
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