ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2001Englisch in der Medizin: Der Aus- und Weiterbildung hinderlich

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Englisch in der Medizin: Der Aus- und Weiterbildung hinderlich

Haße, Wolfgang; Fischer, Rudolf

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LNSLNS Eine Umfrageaktion ergab, dass die meisten Ärzte Englisch als alleinige Kongresssprache sowie Fachpublikationen deutscher Verlage in Englisch ablehnen.


Die englische Sprache dient in Wissenschaft und Forschung der internationalen Verständigung (1, 4, 5, 6, 7, 8). Die fortschreitende Übernahme der angloamerikanischen Terminologie (3) und die zunehmende Dominanz des Englischen in Fachzeitschriften und Lehrbüchern deutscher Verlage hat allerdings die Diskriminierung vieler Ärzte und Studenten zur Folge. „Diagnosebezogene Patientengruppen“ sind heute „Diagnosis Related Groups“, der „Leitfaden“ ist ein „Lightfaden“ (Verlag Urban und Fischer), altbekannte Begriffe wie Gewebe-, Gelenk-, Herzklappen- oder Zellersatz mutieren zum „Tissue Engineering“; die „zertifizierte Fortbildung“ verwandeln Thieme- und Springer-Verlag in „Continuing Medical Education“ (CME).
Eine bundesweite Befragung sollte darüber Auskunft geben, wie Ärzte in Klinik und Praxis diesen Trend beurteilen. 500 Fragebögen wurden an neun Universitätskliniken, 76 kommunale Kliniken oder Abteilungen sowie an 50 Nichtkliniker verschickt. 323 Antworten (64,4 Prozent) konnten ausgewertet werden; davon gehörten 140 (43 Prozent) der Gruppe „leitende Ärzte“* an, 144 (45 Prozent) den „Klinikern“, und 39 Fragebögen wurden von „Nichtklinikern“ beantwortet.
Die Ergebnisse: Zunächst wurden die grundlegenden Englischkenntnisse erfragt. Nur 18 Prozent der Teilnehmer erklärten, dass sie „Englisch in Wort und Schrift sicher“ beherrschen; 41 Prozent sprechen die Sprache „ganz gut“; für 39 Prozent ist eine „Verständigung möglich“; sechs Teilnehmer hatten keine Englischkenntnisse.
Mühelos wissenschaftliche Arbeiten auf Englisch lesen können nur 144 der 320 Befragten; in der Gruppe der leitenden Ärzte sind es 71 von 140. Vorträge in Englisch verstehen ebenfalls nur 45 Prozent der Umfrageteilnehmer. Medizinische Fachzeitschriften inländischer Verlage mit ausschließlich englischsprachigen Publikationen lehnt die Mehrheit der Befragten ab (85 Prozent); davon 90 Prozent der leitenden Ärzte, 81 Prozent der Kliniker und 82 Prozent der Nichtkliniker.
91 Prozent der leitenden Ärzte, 80 Prozent der Kliniker und 92 Prozent der Nichtkliniker würden die Forderung, dass „Ergebnisberichte aus deutschen Universitäts- und Forschungsinstituten oder Kliniken primär in deutscher Sprache publiziert werden sollten, da sie in hohem Maße dem wissen- schaftlichen Studium und der akademischen Ausbildung dienen“, unterstützen. Ein Teilnehmer fügte seiner Antwort den Kommentar hinzu: „Da wir unsere Forschung weitgehend mit Mitteln betreiben, die uns der deutsche Staat zur Verfügung stellt, haben wir eine Bringschuld gegenüber der deutschen Öffentlichkeit.“ Auch ein englischer Arzt, der an einer deutschen Universitätsklinik tätig ist, hat sich für die deutsche Sprache ausgesprochen.
Eindeutig stimmten die Teilnehmer der Umfrage der Aussage zu, dass Weiterbildungsveranstaltungen sowie nationale Kongresse und Tagungen mit deutschsprachigen Referenten in der Landessprache durchgeführt werden sollten: 98 Prozent der leitenden Ärzte, 99 Prozent der Kliniker und alle Nichtkliniker. Ausländische Gastredner können hingegen nach Ansicht der Befragten auch in englischer Sprache vortragen.
Bei Kongressen internationaler Gesellschaften befürwortet die überwiegende Mehrheit, Deutsch und Englisch als gleichberechtigte Kongresssprachen einzusetzen (Grafik). Schließlich waren 57 Prozent der leitenden Ärzte, 59 Prozent der Kliniker und 70 Prozent der Nichtkliniker der Auffassung, dass bei Kongressen oder Fortbildungsveranstaltungen in englischer Sprache ihre fachliche Weiterbildung aus sprachlichen Gründen beeinträchtigt wird. Eine Ärztin aus dem Land Brandenburg fügte den Kommentar hinzu: „Wir Ärzte im Osten sind ausgegrenzt.“
Die Antwortquote von rund 65 Prozent zeigt, dass die Ärzteschaft den sprachlichen Problemen in der Medizin große Aufmerksamkeit schenkt. Englisch als Lingua franca hat unwidersprochen seinen Platz in der internationalen Spitzenwissenschaft und -forschung (1, 4, 8). Ein weiteres Vordringen des Englischen in Wort und Schrift in die allgemeine Wissenschaftssprache könnte allerdings die Spaltung der gemeinsamen Fachsprache und der kollegialen Umgangssprache bedeuten. Wenn die Mehrheit der Ärzte Vorträge nicht mehr verstehen kann und ein „Englisches Lexikon für Ärzte“ zu Hilfe nehmen muss, um Nutzen aus einer Publikation ziehen zu können, ist die Effektivität für die Aus- und Weiterbildung bedroht. Der Umkehrschluss, dann müssten alle Ärzte Englisch perfekt erlernen, erscheint realitätsfremd. Darüber hinaus ist diese Form der Monolingualität in der Medizin eine undemokratische Rückentwicklung.

Literatur
1. Ammon U: Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache? Walter de Gruyter, Berlin, New York 1998: 205–213; 2835–286.
2. Ehlich K: Abstract zu „Deutsch als Wissenschaftssprache für das 21. Jahrhundert“ in „German as a Foreign Language (GFL)“ Internet Journal no. 1/2000; www.gfl-journal.com.
3. Görg H: Wandel um jeden Preis? Dt Ärztebl 2001; 98: A 1172–1176 [Heft 18].
4. Hucho F u. C: Bad English, unsere weltmännische Sprachprothese: Gegenworte; Zeitschrift für den Disput über Wissen: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften 2001: 18–20 [Heft 7].
5. Lippert H: Rückzug der deutschen Sprache aus der Medizin: Med Klin 1978; 73: 487–496 [Heft 14].
6. Lippert H: Schlußwort, Diskussion: Rückzug der deutschen Sprache aus der Medizin: Med Klin 1979; 74: 409–411 [Heft 11].
7. Reinhardt K: Stellungnahme; H. Lippert: Rückzug. Med Klin 1979; 74: 408–409 [Heft 11].
8. Skudlik S: Sprachen in den Wissenschaften, Deutsch und Englisch in der internationalen Kommunikation: Forum für Fachsprachenforschung 1997; Gunter Narr Verlag, Tübingen.

Anschriften der Verfasser:
Prof. Dr. med. Wolfgang Haße
Eitel-Fritz-Straße 35, 14129 Berlin

Priv.-Doz. Dr. Rudolf Fischer
Institut für Medizinische Informatik
und Biomathematik
Westfälische-Wilhelms-Universität Münster
Domagkstraße 9, 48129 Münster
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