ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2001Kongress „Innovations for an e-society“: Technologiebewertung im Diskurs

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Kongress „Innovations for an e-society“: Technologiebewertung im Diskurs

Dtsch Arztebl 2001; 98(47): A-3106 / B-2637 / C-2443

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Experten erörterten, wie die informierte Wissensgesellschaft der Zukunft aussehen soll und welche Technologien auf dem Weg dorthin erforderlich, wünschenswert oder gefährlich sind.

Lässt sich die technologische Entwicklung überhaupt durch politische oder gesellschaftliche Ziele beeinflussen?“ Diese Frage stellte Prof. Dr. rer. nat. Armin Grunwald, Forschungszentrum Karlsruhe, zu Beginn des Kongresses in Berlin. Vertreter eines „technologischen Determinismus“ nehmen an, dass die Technologieentwicklung nur ihrer eigenen Dynamik folgt und keine Einflussnahme darauf möglich ist. Allenfalls der gesellschaftliche Umgang mit neuen Technologien kann gestaltet werden, nicht jedoch die Technologieentwicklung selbst. Technologiebewertung ist dann notwendig, um Politik und Gesellschaft in dieser Anpassung zu unterstützen.
Der „konstruktive Ansatz“ hingegen beruht nach Grunwald auf der Annahme, dass Technologiebewertung ein offener Prozess ist, in dem zahlreiche Entscheidungen die endgültige Form von technischen Produkten und Systemen mitbestimmen. Der Prozess von Forschung und Entwicklung ist danach grundsätzlich beeinflussbar, auch wenn die Gestaltungsmöglichkeiten begrenzt sind. Die Probleme der Steuerung und Gestaltung einer E-Society fasst er in drei Aspekten zusammen:
- Globalisierung: Es gibt keine allgemein anerkannte zentrale Autorität, die zum Beispiel technische Entscheidungen legitimieren und weltweit durchsetzen könnte. Damit verbundene Problembereiche sind beispielsweise die Regulierung des Internets und der Schutz des Urheberrechts.
- Beschleunigung: Durch die Beschleunigung der technologischen Entwicklung werden Möglichkeiten der Vermittlung zunehmend erschwert. Entscheidungen werden aus praktischen Erwägungen und unter Zeitdruck getroffen – die sorgfältige Abwägung verschiedener Optionen und ethischer Argumente bleibt oft auf der Strecke.
- Pluralisierung: In einer wachsenden pluralen, heterogenen (globalen) Gesellschaft wird es zunehmend schwieriger, das „Gemeinwohl“ zu bestimmen. Ein Technologie-Konsens im Hinblick darauf ist kaum möglich.
Technologiebewertung für die Gestaltung der E-Society hat nach Grunwald vor diesem Hintergrund zwei Seiten: Bereitstellung von Wissen mithilfe wissenschaftlich gewonnener Einsichten über Technologie und deren Folgen einerseits und gesellschaftliche Verständigung darüber, was im Hinblick auf Technikinnovationen wünschenswert, akzeptabel und vernünftig ist und welchem Zweck technologischer Fortschritt dienen soll, andererseits. Dies sei letztlich nur als ein Lernprozess möglich, in dem Ziele und Umsetzungsmöglichkeiten sowie Chancen und Risiken neuer Technologien diskutiert werden – unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Einsichten und ethischer Erwägungen.
Internet und Demokratie
Entscheidend sei, so der US-amerikanische Politologe Benjamin Barber, wie die Technik genutzt werde: „Das Internet kann gleichermaßen als Werkzeug dienen, Menschen zu unterdrücken, als auch dazu, ihre Fähigkeiten zu entfalten.“ Dies vorausgesetzt, könne das Web auch zur Förderung von Demokratie eingesetzt werden. Allerdings empfiehlt Barber, die Eigenschaften des Internets und der digitalen Technologien im Hinblick darauf, wie sie für demokratische Entscheidungsprozesse fruchtbar gemacht werden können, genau zu analysieren: Beispiel Geschwindigkeit: Dieses Charakteristikum des Internets erweist sich nach Auffassung Barbers für den Prozess der politischen Meinungsbildung nicht als Vorteil. In der politischen Diskussion gehe es eher um Entschleunigung. Demokratie funktioniere besser, wenn die Menschen Zeit hätten nachzudenken. So könne die schnelle Entscheidung über einen „Ja/Nein-Button“ anstelle einer ausführlichen Diskussion auch gefährlich sein für Meinungsbildung und demokratische Entscheidungsfindung. Beispiel Interaktivität: Das Internet verändert die vertikalen Strukturen der Politik. Im Web sprechen der Politiker und die Bürger auf derselben Ebene. Die Chance: Aus Zuschauern könnten so engagierte Bürger werden. Beispiel Verwurzelung im Wort: Das Internet ist im Unterschied zum Fernsehen ein wortbasiertes Medium, geeignet zum gesellschaftlichen Diskurs. Diese Eigenschaft werde sich mit dem Einzug der Breitband-Technologien vermutlich aber ändern und das Internet zum interaktiven Fernsehen wandeln.
Das Fazit Barbers: Die im Umgang mit den „alten“ Technologien erworbene Fähigkeit zur Beurteilung und Nutzung der Inhalte – die Medienkompetenz – ist letztlich auch Voraussetzung für die sinnvolle Nutzung der neuen Technologien: „Im Internet steht die Information über den Islam gleichberechtigt neben der Geschichte vom Marsmenschen. Es kommt auf die Fähigkeit des Nutzers an, hier zu differenzieren.“ Das Internet zeige auch, dass Inseldasein und Unabhängigkeit in unserer Welt nicht mehr möglich seien, so Barber. Eine positive, konstruktive Interdependenz der Gemeinschaften kann durch die Technologie unterstützt werden. Voraussetzung ist jedoch der politische Wille zur Demokratie: „Wir müssen mit bewussten politischen Entscheidungen bestimmen, zu welchem Zweck wir neue Technologien nutzen wollen – erst dann kann die Technologie ein wirkungsvolles Werkzeug für demokratische Prozesse werden.“
E-Learning
Die Schlagworte „lifelong learning“ und „learning on demand“ stehen für den Wandel, dem die Wissensgesellschaft im Bereich der Aus- und Weiterbildung unterliegt. Neue Formen des Lernens mithilfe neuer Medien und Kommunikationsformen werden immer wichtiger, um die ständig erforderliche Weiterentwicklung der Kenntnisse und Fähigkeiten des Menschen zu unterstützen. Dr. rer. nat. Joachim Schaper vom Campus Engineering Center (CEC), Karlsruhe, dem europäischen Forschungszentrum der SAP AG, stellte das Projekt „L3“ („Lebenslanges Lernen – Weiterbildung als Grundbedürfnis“; www.l-3.de) vor, das die Möglichkeiten der Wissensaufbereitung und -vermittlung auf der Basis von Internet-Technologien erprobt. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt wurde in das Aktionsprogramm der Bundesregierung „Innovation und Arbeitsplätze in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ aufgenommen. Angestrebt wird ein ganzheitliches multimediales Servicekonzept für Bildung, das es allen Bürgern ermöglichen soll, sich permanent beruflich weiterzubilden, indem die Wissensvermittlung über das Internet in den Arbeitsprozess integriert wird.
Etablierte und bewährte Formen des Lernens sollen dabei mit neuen Lerntechniken (virtuelle Lerngruppen, Remote Tutoring, Tele-Learning, individuell angepasste Kursgestaltung und an-dere) kombiniert werden. Servicezentren sollen die Lerninhalte bereitstellen, institutsübergreifende Aktivitäten koordinieren und die technische Infrastruktur betreuen. Über Lernzentren, die beispielsweise in Weiterbildungsinstituten angesiedelt sein können, werden die Lernangebote zur Verfügung gestellt. Bis Ende 2002 soll der Zugang von jedem internetfähigen PC – das heißt sowohl von zu Hause als auch vom Arbeitsplatz aus – möglich sein. Die Lernzentren erproben die Infrastruktur aus didaktischer, wirtschaftlicher und technischer Sicht. Dazu gehört auch, Geschäftsmodelle für das E-Learning zu konzipieren und Wege zur Zertifizierung und Qualitätsauszeichnung zu entwickeln. Unter didaktischen Gesichtspunkten sind beispielsweise die Voraussetzungen für gelenktes exploratives Lernen, für kooperatives Lernen und für Lernen „on Demand“ zu schaffen. Zu den technischen Aufgaben gehört die Entwicklung skalierbarer Online-Lernplattformen, die eine kooperative Lernumgebung verfügbar machen. Im Lernmodell der Zukunft sind die Lerninhalte als dynamischer, kombinierbarer „Wissens-Set“ abrufbar, personalisierbar und dynamisch adaptierbar an den Wissensstand der Lernenden.
E-Health und Internet
Informationsmanagement spielt im und für das Gesundheitswesen eine zentrale Rolle, bedingt durch die Vernetzung der Leistungserbringer. Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien ist zur Steuerung der Versorgungsprozesse unerlässlich. Dr. Anne Eckhardt stellte eine Untersuchung des Schweizerischen Wissenschaftsrates vor, die prognostiziert, dass sich virtuelle Patientenakten in den kommenden Jahren durchsetzen werden. Die Studie („Computerbasierte Patientendossiers“; www.sgmissim. ch/bulletin/B44_Ludwig.htm) ergab zugleich, dass eine systematische Planung des Informatikeinsatzes notwendig ist. Ähnlich wie in Deutschland ist der Gesundheitssektor in der Schweiz, aufgrund der föderalen Struktur, zersplittert und gekennzeichnet durch Insellösungen. Gefordert wird daher eine vom Bund getragene, unabhängige institutionenübergreifende Fachstelle, die sich der Qualitätssicherung widmet, die Kompatibilität der eingesetzten Technologien mit internationalen Normen sicherstellt und zugleich nationale Entwicklungen vorantreibt. Darüber hinaus arbeitet eine Arbeitsgruppe „Patientendossier 2003“ der fünf schweizerischen Universitätskliniken gegenwärtig an gemeinsamen Richtlinien für das computergestützte klinische Informationsmanagement. Ziel ist, einen Anforderungskatalog für Produkte zu definieren, die im Zusammenhang mit computerbasierten Patientenakten eingesetzt werden, und anhand dieser Checkliste geeignete Produkte zu evaluieren.
Dee Sarwar von der Leeds Metropolitan Universität verwies auf die sich wandelnde Beziehung von Arzt und Patient: Während sich früher die Kontrolle über die medizinischen Inhalte allein in den Händen des Arztes befunden hätte, der in einer „Spezialsprache“ kommuniziert habe, vergrößere sich durch das Internet der Informationszugang für den Patienten und befähige ihn, mehr Verantwortung und Eigeninitiative zu übernehmen. Künftig werde das Internet eine wichtige Quelle, um den geeigneten Gesundheitsservice, den Arzt oder das Krankenhaus zu finden. Doch auch hier entscheidet die Medienkompetenz darüber, wie das Internet genutzt wird und ob seriöse und nichtseriöse Angebote unterschieden werden können. Ärzte seien hier künftig als Ratgeber und Multiplikatoren von qualitätsgeprüften Inhalten gefragter denn je.
Heike E. Krüger-Brand
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