ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2001Krebserkrankungen: Hoher Dokumentationsgrad in Brandenburg

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Krebserkrankungen: Hoher Dokumentationsgrad in Brandenburg

Dtsch Arztebl 2001; 98(47): A-3108 / B-2639 / C-2445

Kurbjuhn, Hasso; Quehl, Adelheid

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LNSLNS Die onkologischen Zentren in Brandenburg erheben heute nahezu flächendeckend klinische Daten zur Diagnostik, Therapie, Nachsorge und zum Langzeitverlauf von Tumorerkrankungen.

Adelheid Quehl, Hasso Kurbjuhn


Am 1. Januar 1999 trat gemäß § 4 Abs. 2 des Gesetzes zu dem Staatsvertrag für das Land Brandenburg der Staatsvertrag über das Gemeinsame Krebsregister der Länder Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und der Freistaaten Sachsen und Thüringen in Kraft. Dieses Gesetz setzt auf Strukturen und Aktivitäten der fünf Tumorzentren, Onkologischen Schwerpunkte und Arbeitskreise im Land Brandenburg. Aufgabe und Ziel ihrer gemeinsamen Anstrengungen zur besseren Versorgung der Tumorpatienten ist es, alle an der onkologischen Versorgung beteiligten Ärzte und Kliniken regional zur Kooperation zu bewegen, die Häufigkeiten der Krebserkrankungen, die Befunde und erreichten Behandlungsergebnisse mit klaren Daten zu belegen und mithilfe dieses Datenbestandes wichtige klinische und epidemiologische Fragestellungen zu beantworten.
In den Jahren 1991 bis 1995 wurden mit Fördermitteln des Landes Brandenburg und des Bundes die Tumorzentren in Cottbus und Potsdam, die Onkologischen Schwerpunkte in Frankfurt/Oder und Schwedt und der Onkologische Arbeitskreis in Neuruppin aufgebaut. Den fünf onkologischen Zentren ist jeweils eine Nachsorgeleitstelle angegliedert, die ein klinisches Krebsregister für die jeweilige Region führt und mit diesen Daten die Behandlung, Nachsorge und Langzeitbetreuung der Tumorpatienten unterstützt. Die Aufgaben und die Finanzierung der Nachsorgeleitstellen sind in einer Vereinbarung zwischen den Krankenkassenverbänden, der Landeskrankenhausgesellschaft, der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg und der Landesregierung nach § 115 SGB V geregelt.
Der Stand der Krebsregistrierung in Deutschland wird allgemein kritisiert. Bisher ist nur das Saarland flächendeckend vertreten. Nur für 1 Million der 82 Millionen Einwohner Deutschlands liegen bevölkerungsbezogene Krebserfassungen vor, und zwar ausschließlich epidemiologische Daten. Im Gegensatz dazu verfügen andere europäische Länder über vollständige Erhebungszahlen zur Erkrankungshäufigkeit, zum Tumorstadium, zur Primärtherapie und zur Überlebensrate.
Die onkologischen Zentren des Landes Brandenburg mit einer gegenüber dem Saarland 2,6fach höheren Einwohnerzahl erheben heute nahezu flächendeckend klinische Daten zur Diagnostik, Therapie, Nachsorge und zum Langzeitverlauf der Tumorerkrankungen im Land und legen damit die Grundlage zur Berechnung von Überlebensraten. Die Erfassungsrate gegenüber der geschätzten Inzidenz wird die für nationale und internationale Auswertungen geforderte 90-Prozent-Marke demnächst übersteigen.
Mit ihrem hohen Dokumentationsgrad und mit ihren Serviceleistungen entsprechen die klinischen Krebsregister im Land Brandenburg der von der Deutschen Krebsgesellschaft für die gesamte Bundesrepublik gestellten Forderung, Mittel zur Transparenz in der onkologischen Versorgung und ihrer Ergebnisqualität bereitzustellen und sie für das datengestützte Qualitätsmanagement sowie für die durchgehende Qualitätssicherung in der onkologischen Versorgung verfügbar zu machen.
Über den Stand der Arbeit der Tumorzentren, Onkologischen Schwerpunkte und Onkologischen Arbeitskreise des Landes Brandenburg wird fortlaufend – zuletzt im Sachbericht 1999 – berichtet. Für diesen Bericht lagen aus den Diagnosejahren bis einschließlich 1999 Informationen zur Tumorerkrankung von über 54 000 Patienten vor. Diese Zahl wird jährlich um mehr als 10 000 zunehmen.
Meldeumfang
Der Meldeumfang an die klinischen Register des Landes hat seit 1997 kontinuierlich zugenommen. Besonders beachtenswert ist die Zunahme der bearbeiteten Nachsorgemeldungen (das heißt klinische Beurteilung des aktuellen Gesundheitszustandes) von etwas über 20 000 im Jahr 1997 auf fast 45 000 im Jahr 1999. Damit wird die jedes Jahr steigende Anzahl an zu betreuenden Patienten in den Registern des Landes deutlich. Die Diagnosemeldungen und Therapiemeldungen werden zum überwiegenden Anteil von den Ärzten in den Krankenhäusern erstellt, während die Nachsorgedokumentation und damit auch die Langzeitbetreuung der Tumorpatienten zu etwa zwei Dritteln im niedergelassenen Bereich erfolgt. !
Nach Angaben des Statistischen Landesamtes, Stand 31. Oktober 1998, hatte das Land Brandenburg 2 586 300 Einwohner. In Tabelle 1 ist die Zahl der an die Register des Landes gemeldeten Tumorneuerkrankungen in den Jahren 1994 bis 1999 aufgelistet. Deutlich wird, dass diese Zahl in dem genannten Zeitraum kontinuierlich zugenommen hat, was auf eine gesteigerte Mitarbeit der Ärzteschaft zurückgeführt werden kann.
Der Vollständigkeitsgrad der erfassten Tumorneuerkrankungen der einzelnen Jahre lässt sich nur grob schätzen. Das gemeinsame Krebsregister der neuen Bundesländer und Berlins benutzt hierfür die beobachteten Inzidenzen des Saarlandes und die Mortalitätsstatistik des jeweiligen Bundeslandes. Bezogen auf die jeweilige Bevölkerungszahl, ist der Erfassungsgrad in den klinischen Krebsregistern Brandenburgs von 69 Prozent (1996) auf über 86 Prozent für das Erkrankungsjahr 1999 gestiegen.
Der Anteil der Mehrfachtumoren ist von 5,9 Prozent im Diagnosejahr 1997 und 6,9 Prozent im Jahr 1998 auf 8,7 Prozent im Diagnosejahr 1999 angestiegen. Dies hängt wahrscheinlich mit der zunehmenden Laufzeit der Register zusammen, die jetzt die Zweittumoren früherer Ersterkrankungen gemeldet bekommen. Von den in den Registern dokumentierten 54 121 Tumoren mit einem Diagnosedatum bis Ende 1999 sind 50 932 Ersttumoren (94,1 Prozent), 2 833 Zweittumoren (5,2 Prozent) und 352 Dritt- und weitere Mehrfachtumoren (0,6 Prozent).
In den klinischen Krebsregistern der onkologischen Zentren werden die malignen Neubildungen der Patienten erfasst, die ihren Wohnsitz im Land Brandenburg haben. Tumoren des Kindes- oder des frühen Jugendalters werden von den behandelnden Ärzten direkt an das Mainzer Kinderkrebsregister gemeldet und dort dokumentiert.
Die Altersverteilung der in den Krebsregistern des Landes Brandenburg erfassten Tumorpatienten (Tabelle 2) zeigt erwartungsgemäß, dass die Zahl der malignen Neuerkrankungen in den Altersgruppen zwischen 55 und 79 Jahren am größten ist. Dabei ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern in den Altersgruppen zwischen 20 und 44 Jahren sowie in den Altersgruppen zwischen 60 und 69 Jahren besonders groß. In den Ersteren ist die Zahl der erkrankten Frauen mehr als doppelt so hoch wie die Zahl der erkrankten Männer, in den Letzteren ist die Zahl der erkrankten Männer 50 Prozent höher als die der erkrankten Frauen (Grafik).
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Die einheitliche Tumordokumentation und der Einsatz der gleichen Software (GTDS) in den klinischen Krebsregistern der Tumornachsorgeleitstellen des Landes Brandenburg ermöglichen eine registerübergreifende Auswertung der Daten. Die häufigsten malignen Neubildungen betreffen bei Männern Lunge, Prostata, Kolon und Rektum, Harnblase und Niere. Bei den Frauen sind es Mammatumoren, Tumoren des Kolons und Rektums, des Corpus uteri, maligne Systemerkrankungen und Tumoren der Cervix uteri.
Im Vergleich mit den vom Robert Koch-Institut geschätzten Zahlen an zu erwartenden Neuerkrankungen in Deutschland besteht bei den Männern für die drei wichtigsten Tumorentitäten Übereinstimmung mit den Brandenburger Daten. Bei den Frauen steht an dritter Stelle der häufigsten Tumorerkrankungen gemäß den Brandenburger Auswertungen das Uteruskarzinom, während gemäß den Schätzungen des Robert Koch-Instituts die Leukämien und Lymphome die dritte Position einnehmen. Eines der wichtigsten Auswertungskriterien ist die Berechnung von stadienabhängigen Überlebensraten aus dem vorliegenden Datenmaterial. So wurde etwa beim Bronchialkarzinom eine mittlere 5-Jahres-Überlebenszeit von 40 Prozent im Stadium I, 27 Prozent im Stadium II, 8 Prozent im Stadium III und 4 Prozent im Stadium IV ermittelt.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 3108–3109 [Heft 47]

Anschriften der Verfasser:
Dr. rer. nat. Adelheid Quehl
Tumorzentrum Potsdam e.V.
Klinikum Ernst von Bergmann
Charlottenstraße 72
14467 Potsdam

Dr. rer. nat. Hasso Kurbjuhn
Brandenburgisches Tumorzentrum –
Onkologischer Schwerpunkt Cottbus e.V.
Carl-Thiem-Klinikum Cottbus
Thiemstraße 111, 03048 Cottbus

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