ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2001Suizidalität bei Ärzten: Kein Tabuthema mehr?

THEMEN DER ZEIT

Suizidalität bei Ärzten: Kein Tabuthema mehr?

Dtsch Arztebl 2001; 98(47): A-3110 / B-2641 / C-2447

König, Frank

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LNSLNS Die Prävalenzrate psychiatrischer Erkrankungen sowie
die Suizidrate von Ärzten liegt über der der Allgemeinbevölkerung. Ärztinnen sind besonders gefährdet.


Die Frage psychiatrischer Morbidität und Suizidalität bei Ärzten gewinnt besonders angesichts der Veränderungen im Gesundheitswesen zunehmend an Bedeutung. Ärztliche Tätigkeit impliziert hohe Verantwortung für das Leben anderer. Am Berufsanfang stehen oft Ängste vor einem möglichen Versagen, später eine jahrelange Konfrontation mit der Endlichkeit ärztlichen Handelns. Der ärztliche Berufsstand ist in der Meinung der Bevölkerung immer noch mit viel Anerkennung verbunden. Zunehmend wird jedoch teilweise Sozialneid spürbar. Gesundheitspolitische Veränderungen führen dazu, dass das Berufsbild des Arztes nicht mehr die Wunschliste der Berufsziele junger Menschen anführt.
Aufgrund der naturwissenschaftlichen Basis der ärztlichen Ausbildung ist die Konfrontation mit Sterben und Tod zwar berufsimmanent, jedoch sind die wenigsten Ärzte ausreichend emotional auf diese Inhalte vorbereitet. Gesundheitsstrukturelle Veränderungen der letzten Jahre, die teilweise existenzielle Bedrohungen für viele Ärzte implizieren (befristete Verträge, Mobbing in Kliniken, Regressdrohungen in der niedergelassenen Praxis), beeinflussen die Ausübung des Berufes negativ.
Es stellt sich deshalb die Frage, inwieweit diese Einflüsse zu einem erhöhten Risiko psychischer Erkrankungen bei Ärzten führen. Validierte Studienergebnisse zur Frage psychiatrischer Morbidität und Suizidalität von Ärzten sind im deutschen Sprachraum eher selten. In einer Promotionsarbeit wurden im Zeitraum von 1963 bis 1979 Suizide von Ärzten in Oberbayern untersucht (1). Eine Übersichtsarbeit Anfang der 90er-Jahre schätzte die Suizidrate der deutschen Ärzte zwischen 1,3 bis 1,6fach höher als die Suizidrate der Allgemeinbevölkerung (8). In Bayern suizidierten sich die 30- bis 50-jährigen Ärzte sowie die über 50-jährigen Ärztinnen signifikant häufiger.
Risikofaktor für Frauen: Doppelbelastung
Im angloamerikanischen und skandinavischen Sprachraum haben sich in den 90er-Jahren verschiedene Forschungsgruppen der Thematik zugewandt (4, 5, 7, 10). Bereits in den späten 70er-Jahren wurden in der so genannten Landmark-Studie 111 Ärztinnen mit einer Kontrollgruppe von berufstätigen Frauen in St. Louis (USA) verglichen (4). 57 Prozent der Ärztinnen erfüllten die Kriterien für eine psychiatrische Diagnose, am häufigsten fanden sich depressive Syndrome. Das vergleichsweise häufigere Auftreten psychiatrischer Erkrankungen bei Ärztinnen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung (57 Prozent versus 30 bis 47 Prozent) wurde unterschiedlich erklärt. Vor allem die Doppelbelastung durch Beruf und Mutterrolle wurde als wesentlicher Faktor genannt.
Das Gefühl des zunehmenden Kontrollverlustes am Arbeitsplatz sowohl in der Klinik als auch in der Praxis schien in den USA eine häufigere Rolle, insbesondere vor Suizidversuchen, zu spielen als beispielsweise in Skandinavien. 51,1 Prozent (von 1 063 befragten norwegischen Ärzten) schilderten im Lebensverlauf Gefühle von Lebensmüdigkeit; 1,6 Prozent hatten Suizidversuche unternommen (5, 7). Risikofaktoren waren hier seltener die Probleme am Arbeitsplatz (5), sondern vor allem das Alleinleben, weibliches Geschlecht, depressive Syndrome sowie persönliche und familiäre Probleme.
Rund 35 von 10 000 Ärzten sterben jährlich in den Vereinigten Staaten durch Suizid, wobei die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher geschätzt wird. Im Unterschied zu den Ergebnissen in Bayern (1) schien die Häufigkeit von Suiziden unter männlichen Ärzten mit dem fünften Lebensjahrzehnt zu korrelieren, während Suizidalität bei Ärztinnen häufiger in früheren Lebensdekaden beobachtet wurde. Als Suizidmethoden dominierten die Intoxikation durch Tabletten oder durch Medikamentenzubereitungen mit hoher Toxizität, auf die leicht zugegriffen werden konnte (zum Beispiel kardiologische oder anästhesiologische Medikamente) (7).
Ein depressives Syndrom mit dem psychopathologischen Kriterium der Hoffnungslosigkeit, einer hinzukommenden akuten Krise, fehlender sozialer Einbindung und einer weiteren psychiatrischen Komorbidität (Panikstörung, Substanzabhängigkeit) erhöhen das Suizidrisiko drastisch. Der Substanzabusus bei Ärzten wird in der Regel noch später diagnostiziert als primäre Depressionen. Häufig ist auch der Abusus von Benzodiazepinen beziehungsweise in angloamerikanischen Untersuchungen von Amphetaminen (4, 9). Mehr als ein Drittel der Ärztinnen mit Alkoholproblemen lebte allein oder mit einem alkoholabhängigen Partner zusammen (4).
Die Frage, ob die Charaktereigenschaften eines jungen Menschen die Motivation zur Auswahl des Arztberufes maßgeblich beeinflussen, war in verschiedenen Studien Gegenstand der Diskussion. Mehrere Forschungsgruppen beschrieben, dass Medizinstudentinnen häufiger depressiv waren als männliche Kommilitonen. 22,1 Prozent der skandinavischen Ärzte und 25,9 Prozent der Ärztinnen hatten eine Vorgeschichte von Suizidgedanken oder
-versuchen (5, 7). Jedoch gibt die Literatur keine klare Antwort darauf, inwieweit sich Studenten in der Wahl des Arztberufes oder des späteren Fachgebietes bereits in einer persönlichen Vulnerabilität bewegen, die durch Stressoren später in eine manifeste psychiatrische Störung münden kann.
Die Häufigkeit von Suizidversuchen ist in der weiblichen Allgemeinbevölkerung zwei- bis dreifach höher als in männlichen Vergleichsgruppen. In der bisher umfangreichsten amerikanischen Stichprobe von 4 500 befragten Ärztinnen (women physicians ill study, 4) wurde ein Fragenkatalog ausgewertet. Als Ergebnis fand sich ein Lebenszeit-Risiko für eine schwere Depression zwischen sieben und 25 Prozent. Von Interesse erscheint auch die Frage, welche Facharztgruppen besonders häufig Suizidversuche oder Suizide unternahmen. In einer deutschen Übersichtsarbeit Anfang der 90er-Jahre vertrat der Autor die These, dass eine gewisse psychische Labilität die Suizidgefährdung von Psychiatern erklären würde (8).
Dieses Postulat wird seit Ende der 90er-Jahre im internationalen Vergleich relativiert. Zunehmend erscheinen Facharztgruppen gefährdet, deren alltägliche Berufsverpflichtungen durch einen hohen emotionalen Stress gekennzeichnet sind. So war in der amerikanischen Studie die Suizidrate von Ärztinnen, die notfallmedizinisch in
interdisziplinären Notfallaufnahmen (Emergency Rooms) als Chirurgin, Internistin oder Anästhesistin tätig waren, mit 5,8 Prozent deutlich höher als die Suizidrate von Gebietsärztinnen für Neurologie, Psychiatrie und Dermatologie mit einer Suizidrate von 0,6 Prozent. Chirurgische Tätigkeit sowie die Anstellung im öffentlichen Gesundheitsdienst, in den USA, stellten Risikofacharztgruppen für suizidales Verhalten dar. Skandinavische Anästhesisten berichteten signifikant häufiger über manifeste Suizidabsichten als andere Gebietsärzte (5).
Die Rate von manifesten behandlungsbedürftigen Depressionen war bei US-Ärztinnen für Psychiatrie mit 34,6 Prozent sehr hoch, während ihre Suizidversuchsrate mit 2,1 Prozent eher als gering anzusehen war. Einer der Gründe hierfür könnte sein, dass Fachärzte mit psychiatrischen Grundkenntnissen oder Nervenärzte sich auch im Falle einer psychischen Erkrankung optimaler mit Antidepressiva oder Neuroleptika behandeln können als andere Facharztgruppen. Soziale Faktoren, die immer im Zusammenhang mit Suizidalität von Ärzten diskutiert wurden, sind fehlende Partnerschaft, affektive Erkrankungen, Berufsunzufriedenheit und das subjektive Gefühl von Kontrollverlust im Berufsalltag. Untersuchungen in den USA zufolge waren bei Ärztinnen die Faktoren sexueller Missbrauch in der Biografie, ethnische Zugehörigkeit und der Besitz von Feuerwaffen nicht zu vernachlässigen (3).
Trotz methodischer Unschärfen waren sich sowohl die großen US-amerikanischen Studien als auch die europäischen Autoren einig, dass die Prävalenzrate von manifesten psychiatrischen Erkrankungen, insbesondere von Depressionen, Suchtmittelabhängigkeit bei Ärzten sowie die Suizidrate über der der Allgemeinbevölkerung zu liegen scheint.
Das Thema Suizidalität ist oft schambesetzt
Wie kann Suizidalität bei Ärzten vorgebeugt werden? Seelische Probleme bei Kollegen sind grundsätzlich ernst zu nehmen und ohne Stigmatisierung durch eine Vertrauensperson zu besprechen. Suizidale Krisen und Suizidalität sind auch beim ärztlichen Kollegen behandelbar und bei schwerer Ausprägung durch stationäre Krisenintervention zu behandeln. In der Regel gehen behandelnde Ärzte mit ihren suizidalen Kollegen scheuer und schonender um als mit anderen Patienten (8). Dieses Thema erscheint häufig schambesetzt und somit einer offenen Diskussion (zum Beispiel in Fortbildungsveranstaltungen) schwer zugänglich. Andere positive Beispiele wiederum zeigen, dass Dienstvorgesetzte in Kliniken oder ärztliche Kollegen dieser Thematik vielfach offen und solidarisch gegenüberstehen. Die Thematisierung von Depressivität, Angstzuständen, Schlafstörungen, Suchtproblemen und konsekutiver Suizidalität bei Ärztinnen und Ärzten be-
darf eines großen Respekts vor der individuellen Lebenswirklichkeit. Die Diskussion von möglicher eigener Suizidalität, die deutlich wird durch Gegenübertragungsgefühle bei Kontakt mit suizidalen Patienten, sollte bereits im Studium, spätestens jedoch in der Facharztausbildung beginnen (6). Negative Gegen-übertragungsgefühle zum Beispiel von Intensivmedizinern während des Kontakts zu Suizidenten sind vielfach beschrieben und kennzeichnen psychodynamisch die Abwehr in Form von Rationalisierung und Verleugnung (11).
Die begrüßenswerte Diskussion über Mobbing (DÄ, Heft 18/2001) und über die Situation von Assistenzärzten in der Klinikhierarchie auf dem 107. Deutschen Ärztetag in Ludwigshafen (DÄ, 22/2001) zeigen, dass frühere Tabuthemen öffentlich gemacht werden. Wünschenswert wäre, dass auch die Prophylaxe von Suizidalität bei Berufskollegen künftig in diesen Themenkreis aufgenommen wird. Zum Erhalt der psychischen Stabilität ist es für den Arzt wichtig, seine Psychohygiene zu verbessern, beispielsweise durch Schaffung von sozialen Freiräumen, flexiblen Arbeitszeitmodellen, einem kontinuierlichen Finanz- und Zeitmanagement und vertrauensvollen Sozialbeziehungen. Ärzten in psychischer Not ist unbedingt zu empfehlen, sich an einen kompetenten Kollegen zu wenden sowie psychotherapeutische und psychopharmakologische Behandlungsmöglichkeiten zu nutzen – insbesondere wenn sich zunehmende Suizidgedanken entwickeln. Die oft befürchtete psychiatrische Stigmatisierung ist heute durch rechtzeitige Inanspruchnahme diskreter Versorgungsangebote vermeidbar.
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Dr. med. Frank König
Sanitas Klinik Ludwigsbad, Fachklinik für Psychosomatik und orthopädische Rehabilitation
Seidlpark 10, 82418 Murnau am Staffelsee
E-Mail: fkoenig.ludwigsbad@sanitas-kliniken.de
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