ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2001Gesundheitswesen: Realistisch bleiben

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Gesundheitswesen: Realistisch bleiben

Dtsch Arztebl 2001; 98(47): A-3115 / B-2625 / C-2332

Hofmann, Carolin

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LNSLNS Immer wieder mit großem Entsetzen nehme ich Artikel dieser Art „aus den eigenen Reihen“ der Ärzte zur Kenntnis. Ich möchte nicht widersprechen, dass ein Teil der Ärzteschaft nicht korrekt abrechnet, doch immer wieder generell Arzt gleich Betrüger hinzustellen, finde ich infam!
Es ist sehr schwierig nachzuvollziehen, warum ein Berufsstand derart in Misskredit gebracht wird wie die Ärzte. Sicherlich, nach „fetten“ Jahren in den 70ern, musste auch hier das Einkommen „runtergefahren“ werden, aber bleiben Sie doch bitte, als Interessenvertreter und Sprachrohr der Ärzte, realistisch. Es mag einigen Ärzten gelingen, im großen Stil zu betrügen, aber stellen Sie doch einmal dazu ins Verhältnis, wie viele Praxen jedes Jahr in Konkurs gehen. Durch die völlig irrwitzige Budgetierung bleibt dem Arzt doch gar kein Spielraum. Wie weit wollen Sie den Quartalssatz von durchschnittlich 50 DM pro Patient noch drücken – eine qualitative medizinische Versorgung ist hier nicht mehr gegeben – vom völlig verrückten Medikamentenregress möchte ich hier gar nicht sprechen. Vielmehr müssten die Versicherungen zu drastischen Einsparungen gezwungen werden. Es kann nicht sein, dass hier die Verwaltungskosten in das Unermessliche steigen (unkontrolliert) und dies dann auf dem Rücken der Patienten und Ärzte ausgetragen wird. Ich stelle generell das System „Kassen oder Privat“ infrage. Mag dies aber – letztendlich aus Traditionsgründen – beibehalten werden, würde eine einzige Kasse und ein einziges Rechenzentrum völlig genügen. Was braucht eine AOK in einer Stadt wie München an die 20 Filialen? Das ist Unwirtschaftlichkeit und nicht die „dritte Spritze im Quartal“, die ein Patient erhält. Würden sie dazu noch pro Arztbesuch 25 DM pro Patient direkt abkassieren (Kinder und chronisch Kranke können ja ausgenommen werden), dann hätten wir auch endlich wieder einen „normalen“ Arztkonsum. Auch die Patienten müssen lernen, dass jahrelanger Konsum von zu fettem Essen, Alkohol und Nikotin in Kombination mit totalem Bewegungsmangel zu Gebrechen und Krankheiten führen können, die keinesfalls von der Gesamtbevölkerung getragen werden müssen.
Davon ist aber niemals die Rede – die Sparmaßnahmen sind immer einseitig bei den Ärzten. Anscheinend ist nur der ein guter Arzt, der keine Leistungen abrechnet! Hier stimmt aber etwas gewaltig nicht, und ich möchte Sie bitten, dass Sie sich als öffentliches Medium für die Ärzte auch endlich einmal hinter die Vielzahl der Ärzte stellen, die nach einem 20-Stunden-Pensum täglich mit Wochenendarbeit zusehen müssen, wie sie ihre Praxen „über Wasser halten“. Nach dieser langen, beschwerlichen und sehr, sehr entbehrungsreichen Ausbildungszeit eines Arztes hat dieser auch Anspruch – mit durchschnittlich 40 Jahren – auf
ein adäquates Gehalt.
Carolin Hofmann, Dipl.-Betriebswirtin, Oettingenstraße 24, 80538 München
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