ArchivDeutsches Ärzteblatt40/1996Fruchtbarkeitssymbole: Die Frau als Spenderin des Lebens

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Fruchtbarkeitssymbole: Die Frau als Spenderin des Lebens

Wilp, Rita

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LNSLNSLNSLNS Sie haben dicke Bäuche, ausladende Hüften und große Brüste. Sie kommen aus Afrika, Zypern, Dänemark, Asien und Österreich. Die älteste ist rund 30 000 Jahre alt, die jüngste stammt aus unserer Zeit und ist ein Stück moderner Kunst. Sie alle gehören zur Sammlung "Muttergottheiten, Fruchtbarkeitssymbole und Mutterschaft", die der Gynäkologe Prof. Dr. Heinz Kirchhoff in jahrzehntelanger Arbeit zusammengetragen hat. Die weltweit wohl einmalige Sammlung präsentiert rund 300 Skulpturen und Bilder und ist im Museum für Völkerkunde in Göttingen zu sehen.
Bereits als Kind habe seine Sammelleidenschaft begonnen, erzählt der 91jährige Kirchhoff. Als Arzt habe er dann auf seinen Reisen durch die ganze Welt damit angefangen, weibliche Symbole für Fruchtbarkeit und Mutterschaft zu sammeln und zu einer Ausstellung zusammenzutragen. Viele Ausstellungsstücke sind allerdings keine Originale, sondern Reproduktionen, die aus verschiedenen anderen Museen stammen. Kirchhoff, der lange Zeit die Frauenklinik der Universität Göttingen leitete, will mit seiner Sammlung die Frau als "Spenderin des Lebens" würdigen. Außerdem habe er eine möglichst lückenlose, von der Altsteinzeit bis heute reichende und verschiedene Kulturen umfassende Sammlung zum Thema Frau, Muttergottheiten, Fruchtbarkeitsidole und Mutterschaft aufbauen wollen. Die Frau sei das "Ursymbol der Fruchtbarkeit im Leben der gesamten Menschheit".
Zu den ältesten Figuren der Altsteinzeit gehört die "Venus von Willendorf" aus Österreich, die aus dem Jahr 30 000 vor Christus stammt. Sie hat das typische Aussehen einer Fruchtbarkeitsfigur, wie es in vielen Epochen und Ländern anzutreffen ist: sehr breite Oberschenkel, ein auffallend ausladendes Becken, einen vermutlich von einer Schwangerschaft geblähten Bauch und voluminöse Brüste. Die Künstler der Altsteinzeit gaben den Figuren häufig kein Gesicht. Oft haben die Skulpturen auch keine Füße oder Standbeine, da sie meist als Grabbeilage dienten oder an Weihestätten einfach in den Sand gestellt wurden.
Mit dem Beginn der Jungsteinzeit veränderte sich das Aussehen der Figuren. Die Frau als Herrin über Himmel und Erde, über Mensch und Tier blieb nicht mehr anonym, sondern wurde zur Gottheit, erläutert Kirchhoff. Die künstlerischen Figuren, die diese Gottheiten darstellten, bekamen jetzt zum Teil Gesichter und Namen. Bei den Griechen hießen sie "Demeter" oder "Aphrodite", die Römer nannten sie "Fortuna", "Ceres" oder "Juno". Die Göttinnen der Germanen hießen "Freia" oder "Frigga".
Außer Exponaten aus der Ur- und Frühgeschichte Europas sind auch Frauenfiguren aus der heutigen Zeit zu sehen. Die französische Künstlerin Niki de Saint Phalle hat Kirchhoff eine ihrer berühmten "Nana"-Plastiken geschenkt. Diese Figur, die "Black Venus", hat auffallende Ähnlichkeit mit der Venus von Willendorf: breite Schenkel, ausladende Hüften und mächtige Brüste. Einziger Unterschied, die Saint-Phalle-Plastik ist knallbunt. Die Symbole der Fruchtbarkeit haben in der Kunst anscheinend Jahrtausende überlebt.
Einige Exponate zeigen auch Frauen während des Geburtvorgangs. Dazu gehören Geburtsszenen der Ashanti in Ghana oder der Ochoe-Kultur in Peru. Darstellungen und Skulpturen von Liegend- oder Sitzendgebärenden zeigen, wie sich die Gebärpositionen im Laufe der Jahrhunderte verändert haben.
Die Sammlung befindet sich zur Zeit noch im Göttinger Museum für Völkerkunde und ist sonntags von 10 bis 13 Uhr geöffnet. Sie soll jedoch im kommenden Jahr in das Göttinger Universitätsklinikum umziehen. Wer keine Zeit findet, sich die Kirchhoff-Sammlung in Göttingen anzusehen, der kann sich auch zu Hause einen Eindruck verschaffen: Das Göttinger Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) hat einen Videofilm erstellt, in dem Kirchhoff durch die Ausstellung führt und über die Exponate spricht. Der Film ist für 39 DM beim IWF, Postfach 23 51, 37013 Göttingen, zu bestellen. Rita Wilp
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