ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2001Therapeutisches Klonen: Lobbyarbeit per Fachpublikation

AKTUELL: Akut

Therapeutisches Klonen: Lobbyarbeit per Fachpublikation

Dtsch Arztebl 2001; 98(48): A-3157 / B-2677 / C-2485

Koch, Klaus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Eigentlich war es ein glatter Fehlschlag: Zumindest der erste veröffentlichte Versuch, aus Hautzellen eines Erwachsenen einen menschlichen Embryo zu klonen, ist misslungen. Doch es ist charakteristisch, dass das US-Unternehmen Advanced Cell Technology (ACT) vergangenen Sonntag doch mit einer Erfolgsmeldung in die Schlagzeilen geriet: „Embryonen-Durchbruch“ meldeten einige Agenturen. Was das Unternehmen wirklich erreicht hat, beschreibt eine Arbeit in der elektronischen Zeitschrift „e-biomed: The Journal of regenerative Medicine“ (2001; 2: 25 und www.liebertpub.com/ebi/ebiopaper1. pdf). Zudem haben die Wissenschaftler einen Bericht in der Online-Ausgabe des „Scientific American“ veröffentlicht (www.sciam.com/explora tions/2001/112401ezzell/). Beide zeigen, dass ACT noch weit davon entfernt ist zu belegen, dass „therapeutisches Klonen“ möglich ist.
Das Prinzip: Die Forscher entnehmen einer Eizelle ihr Erbgut und injizieren stattdessen den Kern beispielsweise aus einer Hautzelle eines Erwachsenen. ACT will dadurch menschliche Embryonen entwickeln, um aus denen Stammzellen zu gewinnen. Dazu muss sich der klonierte Embryo jedoch relativ weit entwickeln, in der Blastozyste muss eine „Innere Zellmasse“ erkennbar sein. Zu den Versuchen hatte sich die Firma Anfang des Jahres das Einverständnis bei seiner eigenen Ethikkommission geholt und daraufhin per Inserat Ei-Spenderinnen rekrutiert. Insgesamt waren sieben Frauen 71 Eizellen entnommen worden. In elf dieser Eizellen hatte die Gruppe Kerne aus Hautzellen übertragen, in keinem Fall setzte Zellteilung ein. Daraufhin haben die ACT-Forscher in acht weitere Eizellen „Kumuluszellen“ injiziert.

Aus solchen Nährzellen der Eizelle hatten japanische Forscher 1998 die ersten Mäuse kloniert. Auch diese Zellen funktionierten nur bedingt besser: „Zwei (Embryonen) teilten sich bis zum Vierzell-Stadium, und einer entwickelte sich bis zum Sechszell-Stadium, bevor das Wachstum abbrach“, schreibt die Gruppe im „Scientific American“. In einem dritten Experiment versuchte das Unternehmen 22 unbefruchtete Eizellen durch chemische Stimulation zur Teilung anzuregen, doch auch mit Parthenogenese ließen sich keine embryonalen Stammzellen gewinnen. Zwar teilten sich sechs der 22 Eizellen einige Zeit lang, aber die entstehenden Embryonen waren schwer missgebildet – ihnen fehlte die „Innere Zellmasse“, aus der sich der Embryo entwickelt.

Glenn McGee (University of Pennsylvania), der bereits früher die Ethikkommission des Unternehmens verlassen hatte, bezeichnete die Publikation als „heiße Luft“. Solche voreiligen Ankündigungen würden nur harte Gegenreaktionen provozieren. US-Präsident George W. Bush lehnte die Experimente prompt ab. Ohnehin steht im amerikanischen Senat die Entscheidung über einen Gesetzentwurf an, der Klonen von Menschen komplett verbieten soll. Offenbar will ACT durch seine Veröffentlichung Argumente liefern, therapeutisches Klonen aus dem Verbot herauszunehmen (dazu auch Beitrag „Druck von allen Seiten“ in diesem Heft). Klaus Koch
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema