ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2001Stammzellen-Import: Druck von allen Seiten

POLITIK

Stammzellen-Import: Druck von allen Seiten

Dtsch Arztebl 2001; 98(48): A-3163 / B-2681 / C-2489

Richter, Eva A.

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Prof. Dr. med. Oliver Brüstle will möglichst bald embryonale Stammzelllinien importieren. Foto: Eberhard Hahne
Prof. Dr. med. Oliver Brüstle will möglichst bald embryonale Stammzelllinien importieren. Foto: Eberhard Hahne
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft wird ihre Entscheidung vermutlich nochmals vertagen. Doch die Forscher drängen.


Reine Verzögerungstaktik“ nennt Prof. Dr. med. Oliver Brüstle das nochmalige Verschieben der Entscheidungen über den Import von embryonalen Stammzellen. Mit seiner Einschätzung mag der Bonner Neuropathologe und Stammzellforscher Recht behalten. Denn trotz aller ethisch-moralischen Einwände scheint die (gesellschaftlich gebilligte) Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen in Deutschland nur noch eine Frage der Zeit zu sein.
Brüstle ist optimistisch und dennoch frustriert. Bereits vor eineinhalb Jahren hatte er bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beantragt, menschliche embryonale Stammzellen zu importieren. „Während unsere Diskussion über den Import festzufahren scheint, wird im Ausland emsig an embryonalen Stammzellen geforscht“, kritisierte er bei einer Diskussionsveranstaltung der Berliner Medizinischen Gesellschaft am 21. November. In den USA sei inzwischen eine internationale Stammzell-Bank eingerichtet worden, die den Austausch der Zelllinien koordiniere. Auch die Europäische Union stelle mittlerweile Fördergelder zur Verfügung.
Brüstle drängt auf die Entscheidung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Er müsse endlich wissen, woran er wäre. Auf Bitte der Politik hatte die DFG diese bereits zweimal verschoben, zuletzt auf den 7. Dezember. Jetzt ist ein weiterer Aufschub im Gespräch, nämlich auf die nächste Sitzung des Hauptausschusses am 31. Januar. Ein Brief des DFG-Präsidenten Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker ging in diesen Tagen an die Mitglieder des Hauptausschusses, in dem er empfiehlt, einer nochmaligen Vertagung zuzustimmen. Doch so lange will Brüstle nicht mehr warten. „Meiner Meinung nach muss die DFG noch in diesem Jahr klar Stellung beziehen“, sagte Brüstle gegenüber der Frankfurter Rundschau. „Das könnte so aussehen, dass sie meinem Antrag zustimmt, aber das Anlaufen der Forschungsförderung verschiebt bis nach der Bundestagsdebatte.“
Eine Alternative wäre die Stammzellforschung im privaten Sektor, deutet Brüstle an. Dies führe jedoch zu weniger Kontrolle und Transparenz. Dass das tatsächlich so ist, zeigt das jüngste Beispiel aus den USA: Ein amerikanisches Biotechnik-Unternehmen hat jetzt erstmals menschliche Embryonen geklont. Präsident George W. Bush hatte im Sommer zwar die Forschung an existierenden Zelllinien befürwortet, sich aber gegen das Klonen ausgesprochen. Eine entsprechende Gesetzesvorlage wird derzeit vom US-Senat erarbeitet.
Die DFG und ihr Präsident stehen unter Druck – und das gleich von mehreren Seiten. Die Forschungsgemeinschaft werde vorgeführt, die wissenschaftliche Selbstverwaltung geschwächt, meinen Brüstle und weitere Forscher. Andererseits kann Winnacker schwerlich die Bitte von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sowie mehreren Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die Entscheidung zu vertagen, ignorieren. „Wir haben den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen“, sagte er der Wochenzeitung „Die Zeit“. Der Politik stellt Winnacker ein Ultimatum. Die DFG benötige eine feste Zusage, dass sich der Bundestag tatsächlich während der Sitzungswoche Ende Januar entscheide, betonte der DFG-Präsident. „Wenn sich anbahnt, dass keine Debatte stattfindet, aus welchen Gründen auch immer, dann ist das für uns ein ganz klares Signal, zu handeln.“ Winnacker lässt keinen Zweifel, wie die DFG-Entscheidung ausfallen wird: „Der Import ist rechtlich nicht verboten.“
Rückendeckung erhält die DFG von Bun­des­for­schungs­minis­terin Edelgard Bulmahn. Sie will den Import embryonaler Stammzellen unter strengen Auflagen erlauben. So sollen nur Zelllinien aus „überzähligen“ Embryonen verwendet werden, deren Herkunft eindeutig belegbar ist und deren Spender ihr Einverständnis gegeben haben.
Die DFG hat sich bereits im Mai für die Forschung an embryonalen Stammzellen ausgesprochen. Sie befürwortet grundsätzlich sowohl den Import als auch – wenn es nötig sein sollte – die Herstellung von embryonalen Stammzelllinien. Vorerst wolle man sich auf die Forschung an importierten Zellen beschränken, erklärt sie. Doch die zweite Option könnte in naher Zukunft zur Debatte stehen. Untersuchungen haben nämlich inzwischen ergeben, dass von den weltweit 72 verfügbaren Zelllinien nur 20 den Kriterien an eine pluripotente Stammzelllinie genügen. Zudem ist nicht zu erwarten, dass die Forscher langfristig wissenschaftlich und kommerziell von anderen Staaten abhängig sein wollen.
Auch das Votum des Nationalen Ethikrates steht noch aus. Er wollte sich ursprünglich am 21. November äußern. Doch die Meinungen der 25 Mitglieder zu dieser Frage seien konträr, sagte eine Sprecherin. Die Entscheidung sei deshalb auf den 29. November vertagt worden. Vermutlich wird der Rat mehrheitlich für den Import von menschlichen embryonalen Stammzellen votieren. Insider gehen sogar von einer Zweidrittelmehrheit innerhalb des von Bundeskanzler Gerhard Schröder eingesetzten Gremiums aus. Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages hatte sich mehrheitlich gegen den Stammzellen-Import ausgesprochen. Dr. med. Eva A. Richter
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