ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2001Bovine spongiforme Enzephalopathie: Ein Jahr danach

POLITIK

Bovine spongiforme Enzephalopathie: Ein Jahr danach

Dtsch Arztebl 2001; 98(48): A-3164 / B-2682 / C-2490

Richter, Eva A.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Es besteht noch Forschungs- und Handlungsbedarf,
um die Folgen der BSE-Krise in den Griff zu bekommen.


Das Ende der Krise ist noch nicht erreicht, lediglich ein Krisenabschnitt. Die bovine spongiforme Enzephalopathie (BSE) ist in Europa weiterhin ein Problem. In Deutschland wird sie nur nicht mehr in dem Maße wahrgenommen wie vor einem Jahr, als am 26. November der erste BSE-Fall in Schleswig-Holstein offiziell bestätigt wurde. Zu diesem Fazit kamen Experten und Politiker bei dem Berliner Symposium „Ein Jahr danach: BSE – Lehren und Folgen“*.
Marktforschungsberichten zufolge hat der Rindfleischverzehr der deutschen Bevölkerung wieder zugenommen und erreicht fast die alten Werte. Zeigten sich Mitte Januar noch mehr als 70 Prozent der Bevölkerung in Hinblick auf BSE besorgt, so waren es in der letzten Juliwoche nur noch 35 Prozent. BSE dürfe jedoch nicht verharmlost werden, betonte Dr. Gerald Thalheim, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Trotz der Entwarnung für die Verbraucher stiege die Zahl der an BSE erkrankten Rinder immer noch. Bisher wurden in Deutschland 124 Fälle bestätigt, etwa die Hälfte davon in Bayern. Da die meisten Tiere bereits klinisch auffällig waren, seien nur 33 Rinder erst in der Fleischhygiene-Untersuchung als positiv getestet worden. Nur diese hätten theoretisch in die Nahrungskette gelangen können: ein Risiko von 1 : 60 000.
Von der BSE-Erkrankung sind vor allem die Rinder-Jahrgänge 1995/96 betroffen. „Aufgrund der mit fünf Jahren zu veranschlagenden Inkubationszeit der BSE müssen wir bis zum Jahr 2006 noch mit neuen BSE-Fällen rechnen“, erklärte Dietmar Schulz, Staatssekretär im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten des Landes Niedersachsen.
Künftige Entwicklung unklar
Die Prognosen darüber, wie sich die Zahl der BSE-Fälle entwickeln wird, gehen auseinander. „Anzeichen einer Epidemie gibt es in Deutschland nicht“, sagte Prof. Dr. Thomas C. Mettenleiter, Leiter der Bundesforschungsanstalt für die Viruserkrankungen der Tiere, Riems. Dennoch sei es unklar, ob der Gipfel der Erkrankungshäufigkeit bereits in der Vergangenheit war, überschritten ist oder noch bevorsteht.
Großbritannien verzeichnete 1992 den Höhepunkt bei den BSE-Erkrankungen. Damals wurden dort 36 000 BSE-Fälle festgestellt, heute sind es „nur noch“ 800 pro Jahr. „Das Verfütterungsverbot von Tiermaterialien zeigt seine Wirkung“, bewertete Mike Attenborough, Technischer Leiter der „Meat and Livestock Commission“, Großbritannien, den Rückgang. In diesem Jahr sei noch kein BSE-Fall bei einem Rind unter drei Jahren festgestellt worden. Auch das Vertrauen der Bevölkerung sei wieder hergestellt, der Pro-Kopf-Verbrauch von Rindfleisch fast wieder auf normalem Niveau. „Trotzdem haben wir immer noch ein ernst zu nehmendes Problem“, sagte Attenborough. „Wir haben bittere Erfahrungen machen müssen, vielleicht können andere daraus lernen.“ Eine enge Zusammenarbeit auf EU-Ebene sei deshalb nötig.
Die Europäische Kommission will künftig die Maßnahmen gegen BSE noch verstärken. „Wir gehen davon aus, dass BSE bei Tieren innerhalb der EU in fünf Jahren ausgerottet ist“, sagte Eric Pudelet, Leiter der Abteilung „Biologische Risiken“ bei der Europäischen Kommission. Geplant seien eine veränderte Betäubung der Rinder (Elektrobetäubung statt Bolzenschuss) wegen der Gefahr der Kreuzkontaminierung durch verletztes Gehirn, veränderte Standards für die Gelatineherstellung und eine Ausweitung der Liste der Risikomaterialien. Auch Schafe sollen demnächst in den EU-Mitgliedstaaten auf transmissible spongiforme Enzephalopathie (TSE) getestet werden. Denn die Entstehung von BSE und der Unterschied zu TSE sei immer noch nicht vollständig geklärt; es existierten lediglich mehrere Theorien.
Nicht viel Neues gibt es bei den BSE-Schnelltests. Sie sind wie bisher nur am toten Tier einsetzbar, da sie auf dem Nachweis der Prionen (durch eine veränderte Struktur proteinasefeste zelluläre Proteine) im Gehirn basieren. Künftig sollen sie sensitiver werden und zwischen BSE und TSE differenzieren können. Ein Test am lebenden Tier
käme ebenfalls „in absehbarer Zeit“ auf den Markt, kündigte Dr. Matthias Pohlmeier, Konzernmanager BSE der Roche Diagnostics GmbH, an.
Ein Lebendtest könnte gleichzeitig Ansatzpunkte für Tests auf die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD) beim Menschen liefern. Prognosen über deren Auftreten, nachdem BSE-Erreger mit der Nahrung aufgenommen wurden, sind schwieriger als beim Rind. Es werde eine Inkubationszeit von zehn Jahren vermutet, erklärte Prof. Dr. med. Adriano Aguzzi vom Institut für Neuropathologie des Universitätskrankenhauses Zürich. Wenn dies der Fall sei, wäre jetzt in Großbritannien der Höhepunkt der Erkrankungshäufigkeit erreicht. Inzwischen seien 120 britische Patienten an vCJD gestorben. Einige Wissenschaftler gingen von höchstens 1 000 bis 2 000 Erkrankten aus; neuere, in Druck befindliche, Publikationen stimmten jedoch wieder pessimistischer. „Möglicherweise sind zwar viele Menschen infiziert, befinden sich aber im präklinischen Stadium oder erkranken sogar nie“, vermutet Aguzzi. Eine Antwort darauf werde eventuell erst in 30 bis 40 Jahren zu geben sein. Dr. med. Eva A. Richter
Anzeige
´ Tabelle C C ´ Ereignisse nach dem ersten BSE-Fall in Deutschland Quelle: aid 26. November 2000 Erstmals wird bei einem in Deutschland geborenen Rind BSE festgestellt. 2. Dezember 2000 Ein generelles Verfütterungsverbot von Tiermehl, Fischmehl, Nebenerzeugnissen der Geflügelschlachtereien und tierischen Fetten tritt in Kraft. 6. Dezember 2000 Die Verordnung zur fleischhygienerechtlichen Untersuchung auf BSE von geschlachteten Rindern, die älter als 30 Monate sind, tritt in Kraft. 20. Dezember 2000 Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer leitet eine Rückrufaktion für mit Risikomaterialien hergestellte Fleischprodukte ein. 5. Januar 2001 Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke legt ein Achtpunkteprogramm für eine verbraucher- und umweltorientierte Agrarwirtschaft vor. 9. Januar 2001 Ge­sund­heits­mi­nis­terin Fischer und Landwirtschaftsminister Funke treten zurück. Zehn BSE-Fälle sind amtlich bestätigt. 10. Januar 2001 Renate Künast übernimmt das neue Verbraucherschutzministerium, Ulla Schmidt wird neue Ge­sund­heits­mi­nis­terin. 29. Januar 2001 Ministerin Künast senkt die Altersgrenze für die BSE-Schnelltests von 30 auf 24 Monate. 7. Februar 2001 Ministerin Künast bekräftigt die festgelegte Herdentötung beim Auftreten eines BSE-Falls. 19. Februar 2001 Das Gesetz zur Änderung futtermittelrechtlicher, tierkörperbeseitigungsrechtlicher und tierseuchenrechtlicher Vorschriften im Zusammenhang mit der BSE-Bekämpfung (BSE-Maßnahmegesetz) tritt in Kraft. 23. Mai 2001 Die Bundesregierung verabschiedet ein nationales Forschungskonzept zu BSE, Scrapie und Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. 1. Juli 2001 EU-weit müssen alle Rinder über 30 Monate einem BSE-Test unterzogen werden. 16. Juli 2001 Der Bundesrat verabschiedet eine Verordnung über die Tötung von Rindern. Die Länder können nun statt der Herden- die Kohortentötung veranlassen. 1. Januar 2002 Die zweite Stufe der europäischen Rindfleischetikettierungs-Verordnung wird in Kraft treten. Danach müssen zusätzlich zu der schon obligatorischen Angabe des Ortes der Schlachtung und Zerlegung (Name des Mitgliedstaates) auch Geburtsund Mastland angegeben werden.
´ Tabelle C C ´ Ereignisse nach dem ersten BSE-Fall in Deutschland Quelle: aid 26. November 2000 Erstmals wird bei einem in Deutschland geborenen Rind BSE festgestellt. 2. Dezember 2000 Ein generelles Verfütterungsverbot von Tiermehl, Fischmehl, Nebenerzeugnissen der Geflügelschlachtereien und tierischen Fetten tritt in Kraft. 6. Dezember 2000 Die Verordnung zur fleischhygienerechtlichen Untersuchung auf BSE von geschlachteten Rindern, die älter als 30 Monate sind, tritt in Kraft. 20. Dezember 2000 Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer leitet eine Rückrufaktion für mit Risikomaterialien hergestellte Fleischprodukte ein. 5. Januar 2001 Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke legt ein Achtpunkteprogramm für eine verbraucher- und umweltorientierte Agrarwirtschaft vor. 9. Januar 2001 Ge­sund­heits­mi­nis­terin Fischer und Landwirtschaftsminister Funke treten zurück. Zehn BSE-Fälle sind amtlich bestätigt. 10. Januar 2001 Renate Künast übernimmt das neue Verbraucherschutzministerium, Ulla Schmidt wird neue Ge­sund­heits­mi­nis­terin. 29. Januar 2001 Ministerin Künast senkt die Altersgrenze für die BSE-Schnelltests von 30 auf 24 Monate. 7. Februar 2001 Ministerin Künast bekräftigt die festgelegte Herdentötung beim Auftreten eines BSE-Falls. 19. Februar 2001 Das Gesetz zur Änderung futtermittelrechtlicher, tierkörperbeseitigungsrechtlicher und tierseuchenrechtlicher Vorschriften im Zusammenhang mit der BSE-Bekämpfung (BSE-Maßnahmegesetz) tritt in Kraft. 23. Mai 2001 Die Bundesregierung verabschiedet ein nationales Forschungskonzept zu BSE, Scrapie und Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. 1. Juli 2001 EU-weit müssen alle Rinder über 30 Monate einem BSE-Test unterzogen werden. 16. Juli 2001 Der Bundesrat verabschiedet eine Verordnung über die Tötung von Rindern. Die Länder können nun statt der Herden- die Kohortentötung veranlassen. 1. Januar 2002 Die zweite Stufe der europäischen Rindfleischetikettierungs-Verordnung wird in Kraft treten. Danach müssen zusätzlich zu der schon obligatorischen Angabe des Ortes der Schlachtung und Zerlegung (Name des Mitgliedstaates) auch Geburtsund Mastland angegeben werden.
Tabelle
´ Tabelle C C ´ Ereignisse nach dem ersten BSE-Fall in Deutschland Quelle: aid 26. November 2000 Erstmals wird bei einem in Deutschland geborenen Rind BSE festgestellt. 2. Dezember 2000 Ein generelles Verfütterungsverbot von Tiermehl, Fischmehl, Nebenerzeugnissen der Geflügelschlachtereien und tierischen Fetten tritt in Kraft. 6. Dezember 2000 Die Verordnung zur fleischhygienerechtlichen Untersuchung auf BSE von geschlachteten Rindern, die älter als 30 Monate sind, tritt in Kraft. 20. Dezember 2000 Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer leitet eine Rückrufaktion für mit Risikomaterialien hergestellte Fleischprodukte ein. 5. Januar 2001 Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke legt ein Achtpunkteprogramm für eine verbraucher- und umweltorientierte Agrarwirtschaft vor. 9. Januar 2001 Ge­sund­heits­mi­nis­terin Fischer und Landwirtschaftsminister Funke treten zurück. Zehn BSE-Fälle sind amtlich bestätigt. 10. Januar 2001 Renate Künast übernimmt das neue Verbraucherschutzministerium, Ulla Schmidt wird neue Ge­sund­heits­mi­nis­terin. 29. Januar 2001 Ministerin Künast senkt die Altersgrenze für die BSE-Schnelltests von 30 auf 24 Monate. 7. Februar 2001 Ministerin Künast bekräftigt die festgelegte Herdentötung beim Auftreten eines BSE-Falls. 19. Februar 2001 Das Gesetz zur Änderung futtermittelrechtlicher, tierkörperbeseitigungsrechtlicher und tierseuchenrechtlicher Vorschriften im Zusammenhang mit der BSE-Bekämpfung (BSE-Maßnahmegesetz) tritt in Kraft. 23. Mai 2001 Die Bundesregierung verabschiedet ein nationales Forschungskonzept zu BSE, Scrapie und Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. 1. Juli 2001 EU-weit müssen alle Rinder über 30 Monate einem BSE-Test unterzogen werden. 16. Juli 2001 Der Bundesrat verabschiedet eine Verordnung über die Tötung von Rindern. Die Länder können nun statt der Herden- die Kohortentötung veranlassen. 1. Januar 2002 Die zweite Stufe der europäischen Rindfleischetikettierungs-Verordnung wird in Kraft treten. Danach müssen zusätzlich zu der schon obligatorischen Angabe des Ortes der Schlachtung und Zerlegung (Name des Mitgliedstaates) auch Geburtsund Mastland angegeben werden.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema