ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2001Budgetierung: „Prinzip der toten Seelen“

POLITIK: Kommentar

Budgetierung: „Prinzip der toten Seelen“

Dtsch Arztebl 2001; 98(48): A-3168 / B-2672 / C-2368

Assheuer, Josef

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LNSLNS Radiologische Praxen ohne Spielraum


Seit dem Gesundheitsstruktur-Gesetz von 1992 sind die Ausgaben für die medizinische Versorgung der Bevölkerung – soweit sie in den gesetzlichen Kassen versichert ist – begrenzt. Seit Mitte 1997 gibt es für Leistungen im Rahmen des EBM fachspezifische Budgetierungen und seit dem III. Quartal 1999 (beispielsweise bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein) ein Individual-Budget. Hiermit sollte der niedergelassene Arzt aus dem „Hamsterrad“ befreit werden.
Gerade das Individual-Budget führt jedoch zu erheblichen Störungen der medizinischen Versorgung zumindest in den Fachbereichen, die auf Überweisungen tätig sind, hier insbesondere in der bildgebenden Diagnostik. In der überwiegenden Zahl der betroffenen Praxen ist das Punkte-Budget nach acht Wochen eines Quartals erschöpft. Jedwede weitere Leistung wird nicht mehr honoriert.
Soll nun der Kollege den ihm überwiesenen Patienten nach Hause schicken? Das wäre weder zulässig noch mit dem ärztlichen Ethos vereinbar. Ihm einen Termin im nächsten Quartal anbieten? Auch das ist in den meisten Fällen inakzeptabel, da der Behandlungsbeginn wegen der fehlenden Abklärung unverantwortlich lange hinausgezögert würde. Ihn an einen anderen Fachkollegen verweisen? Auch dies ist wenig erfolgversprechend, da die Praxis des Kollegen ebenfalls ihr Budget ausgeschöpft hat. Die Praxis im letzten Monat des Quartals schließen, um somit das Problem praxisspezifisch erst gar nicht aufkommen zu lassen und variable Kosten zu senken? Dem steht der Versorgungsauftrag als Kassenarzt entgegen.
Die Budgetierung führt zu einer weiteren nicht zu vernachlässigenden Fehlentwicklung. Computertomographie, SPECT und Kernspintomographie sind aufgrund ihres hohen Aussagewertes in der modernen Diagnostik unentbehrlich. Die Anschaffungs- und Unterhaltungskosten sind erheblich und unter dem Aspekt eines hohen Qualitätsstandards, wie er zum Beispiel in den Richtlinien zur Qualitätssicherung in der Kernspintomographie zum Ausdruck kommt, und auf den der Patient Anspruch hat, auch nicht zu senken. Auch die notwendige Schulung und Fortbildung kostet Geld. Diese berechtigten Anforderungen sind jedoch mit der spärlichen Honorierung nicht mehr zu erfüllen.
Die punktuellen Ausweichmanöver „Prinzip der toten Seelen“ (Inhaber und Inhaberinnen eines radiologischen Kassenarztsitzes werden zwecks Erhöhung des Budgets in die Praxis eingebunden, aber mit der Bitte, nur sporadisch ihrer Kassenarzttätigkeit nachzukommen), forcierte Werbung um Privatpatienten unter Zurücksetzung der Kassenpatienten bis hin zu Konstrukten, die eine verdeckte Eigenüberweisung ermöglichen, sind nicht im Sinne einer effektiven Versorgung der Bevölkerung mit hoch spezialisierten Untersuchungsverfahren. Dr. med. Josef Assheuer
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