ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2001Klinische Studien: Weniger wäre mehr

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Klinische Studien: Weniger wäre mehr

Dtsch Arztebl 2001; 98(48): A-3174 / B-2688 / C-2495

Mertens, Stephan

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Datenerfassung und -analyse sollten transparent gestaltet werden. Foto: Peter Wirtz
Datenerfassung und -analyse sollten transparent gestaltet werden. Foto: Peter Wirtz
Viele Studien genügen nicht wissenschaftlichen Ansprüchen,
und es gibt kein allgemein akzeptiertes Forum, um die Unter-
suchungen anzukündigen und die Ergebnisse zu publizieren.


Bei den medizinischen Ethikkommissionen in Deutschland werden jährlich etwa 10 000 Forschungsanträge für Studien am Menschen gestellt. Dies gehe, so Hanjörg Just, Vorstandsmitglied des Arbeitskreises der Ethikkommissionen, aus einer Befragung der 50 in Deutschland tätigen öffentlich-rechtlichen Ethikkommissionen hervor. Von diesen hätten 44 geantwortet, 8 568 Anträge seien verzeichnet worden. Extrapoliert man von den 44 auf die 50 Antragsstellen, ergebe dies etwa 10 000 Anträge pro Jahr. Der Kreis der beratungspflichtigen Forschung umfasse Studien am Menschen, an entnommenen Körperteilen und Körperflüssigkeiten, zu epidemiologischen Studien und zu personenbezogenen Daten, so Just. Nach seiner Auffassung sind die Ethikkommissionen eine geeignete Institution, um die hier zusammenlaufenden Studiendaten zu veröffentlichen. Allerdings sind zunächst rechtliche, finanzielle und organisatorische Fragen zu klären.
Absprache und Koordination sind national und international dringend erforderlich: Neben den jährlich mehreren Tausend durchgeführten Studien in Deutschland bietet beispielsweise die Datenbank vom britischen National Research Register Informationen über 75 000 laufende oder abgeschlossene Studien an. Angesichts dieser Zahlen kann davon ausgegangen werden, dass viele Studien ohne Absprache und Koordination oft nebeneinander und mit ähnlicher Fragestellung durchgeführt werden. Zu kleine Studienkollektive, mangelhaftes Studiendesign und verbreitete Fehler in der statistischen Auswertung sind häufig der Grund dafür, warum die Ergebnisse nach Evaluation in systematischen Übersichtsarbeiten nicht berücksichtigt werden können.
Koordinierungszentrum für klinische Studien
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat 1999 eine Initiative gestartet, um Mängel in der medizinischen Forschung zu beheben. Hierbei handelt es sich um eine Fördermaßnahme, um Koordinierungszentren für klinische Studien (KKS) einzurichten (www. kks-info.de). Ziel der Zentren ist es, Studien zu initiieren, zu koordinieren und Fachwissen zu vermitteln, um international geforderte Qualitätsstandards zu erfüllen. Ansprechpartner sind Koordinierungszentren an den Universitäten Düsseldorf, Freiburg, Heidelberg, Leipzig, Magdeburg, Mainz, Marburg und Tübingen. Ab Januar 2002 werden, so Robert Hauer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Koordinierungszentren in Köln, Münster, Berlin (Charité), Halle und Dresden eröffnet. Eine Umfrage des Ministeriums hat ergeben, dass die meisten KKS im zweiten Halbjahr 2000 ihre Arbeit aufgenommen haben. Das BMBF finanziert die KKS im ersten und zweiten Jahr jeweils mit etwa 1,3 Millionen DM. Die Fakultäten sind verpflichtet, 300 000 DM zum Jahresetat beizusteuern. In den folgenden Jahren sei eine degressive Finanzierung vereinbart, sodass die Fakultäten ab dem fünften Jahr 50 Prozent der Kosten bestreiten. Hierfür sei die Einwerbung von Drittmitteln erforderlich. Die KKS bieten Unterstützung „quer durch die Bank für alle Themengebiete“, erläutert Hauer. Es sei noch zu früh, von einem Profil einzelner KKS zu reden.
Um hohe Qualitätsstandards der KKS zu fördern, werde in Kürze ein „professionelles Audit mit Vertretern aus der
Industrie“ durchgeführt. Für diesen „Meilenstein“ stellt das Ministerium eine Million DM zur Verfügung. Nach Ansicht von Hauer soll das Audit „propädeutischen Wert“ haben und Schwachstellen aufdecken, um konstruktiv Verbesserungen anzuregen. Allerdings „sehen die KKS“, so Hauers Einschätzung, „dem Audit mit gemischten Gefühlen entgegen“, denn nun werde die Arbeit für viele Forscher erstmals von externen Fachleuten detailliert beurteilt.
Protokolle für klinische Studien
Um den Mängeln vieler Studien zu begegnen, haben Iain Chalmers vom Cochrane Center in Großbritannien und Douglas Altman vom Imperial Cancer Research Fund, Oxford, BioMed Central (www.biomedcentral.com) gestartet. Ziel dieses im Internet publizierenden Verlages ist es, Studienprotokolle vor dem Beginn der Untersuchung zu veröffentlichen. Hierdurch könne der, so Altman, „Skandal von schwacher medizinischer Forschung“ angegangen werden. Vorteilhaft an der Vorabveröffentlichung von Studienprotokollen sei es, dass Gutachter und Leser noch rechtzeitig Verbesserungen vorschlagen könnten und darüber informiert seien, welche Studien durchgeführt werden. So könne man einer kostspieligen sinnlosen Wiederholung von Studien vorbeugen und die Rekrutierung von Probanden fördern. Ferner sei dadurch die ursprüngliche Fragestellung mit dem Ergebnis vergleichbar. Dies verhindere, dass, abweichend von der ursprünglichen Konzeption, andere Daten publiziert beziehungsweise verschwiegene oder unzulässige retrospektive Änderungen des Studienziels, Designs oder geplanter Analysen vorgenommen werden. Allerdings ist zu bezweifeln, ob viele Forscher das Risiko eingehen wollen, Ideen und Studiendesign vorab auch der Konkurrenz preiszugeben.
Als eine Hilfe für die Konzeption kontrollierter klinischer Studien versteht sich das CONSORT-Statement (consolidated standards of report-
ing trials). Nachdem eine internationale Gruppe von Forschern und Redakteuren medizinischer Zeitschriften diesen Leitfaden Mitte der 90er-Jahre publizierte, ist kürzlich, wie im Deutschen Ärzteblatt (Heft 17/2001) berichtet, zeitgleich in mehreren Journalen eine überarbeitete Fassung veröffentlicht worden (beispielsweise Lancet 2001; 357: 1191–1194, www.consort-state ment.org). Mithilfe einer 22 Punkte umfassenden Checkliste und einem Flussdiagramm, in dem von der Rekrutierung bis zur Datenanalyse der Verbleib der Probanden nachvollzogen werden kann, soll für mehr Transparenz und Systematik gesorgt werden. Die Redaktion der Annals of Internal Medicine messen dem CONSORT-Statement soviel Bedeutung zu, dass sie darüber hinaus eine 32 Seiten starke kommentierte Fassung des Leitfadens publiziert haben (Ann Intern Med 2001; 134: 663–694).
Der Gesundheitsforschungsrat begrüßt die Veröffentlichung und Registrierung klinischer Studien in einem Studienregister mit deutscher Beteiligung. In einem Beschluss der 20. Sitzung des Gesundheitsforschungsrates werden Wissenschaftler und medizinische Fakultäten aufgefordert, die Initiative, die unter anderem vom deutschen Cochrane-Zentrum in Freiburg/Breisgau ausgeht, aktiv zu unterstützen und Studien registrieren zu lassen. Die Förderorganisationen sollten die Zuwendungsempfänger von Fördermitteln für klinische Studien zur Eintragung in entsprechende Register verpflichten. Ein Forum für die Publikation von Studien sollte nach Ansicht von Gerd Antes vom deutschen Cochrane-Zentrum auf europäischer und nicht nationaler Ebene implementiert werden. Wichtig sei, dass möglichst viele Studien auf den in Englisch verfassten Websites veröffentlicht wer-den. Antes kooperiert mit der current science group of companies, die das Internetportal Current Controlled Trials (www.controlled-trials.com) unterhält. Hierunter verbirgt sich eine Gruppe von Verlagen und Firmen, die Informationen für Ärzte, Naturwissenschaftler, Pharmafirmen und Patienten bereithalten. Controlled Trials fasst 20 Datenbanken weltweit mit mehr als 10 000 kontrollierten randomisierten Studien zusammen und bietet 130 Links zu anderen Webadressen, die ebenfalls Studien veröffentlichen. Über das Portal können beispielsweise die Datenbanken der British Heart Foundation und des Medical Research Council abgefragt werden. Darüber hinaus ermöglicht ein Diskussionsforum wissenschaftlichen Austausch.
Identifizierungsnummer für jede Studie
Demnächst soll jede Studie eine Identifizierungsnummer erhalten, die bei jeder Publikation ihre Zuordnung erlaubt. Die international standard randomised controlled trial number kann online beantragt werden. Dies könnte das intensive „Ausschlachten“ von Ergebnissen einschränken: Die Cochrane Library hatte beispielsweise nachgewiesen, dass zu einer einzigen Studie zum Wirkstoff Olanzapin zur Behandlung von Schizophrenie 158-mal berichtet wurde.
Eine weitere große britische Datenbank wird vom National Research Register, Department of Health unterhalten. Unter der Adresse www.update-software.com/national können mehr als 20 000 laufende und 55 000 abgeschlossene nationale Studien abgefragt werden, die vom National Health Service finanziert werden oder von allgemeinem Interesse sind. Zusätzlich können noch andere Studien, wie die vom Medical Research Council, eingesehen werden. Die Datenbank kann mit dem von der National Library of Medicine, USA, entwickelten Schlagwortkatalog Medical Subject Headings (MeSH) genutzt werden. Die sehr umfangreiche Datenbank ist übersichtlich und professionell gestaltet.
Daten über 5 700 Studien sind unter www.clinicaltrials.gov zusammengefasst, einer Datenbank der National Institutes of Health, USA. Die für Patienten konzipierte Website wird täglich aktualisiert und bietet verschiedene Suchoptionen an. So kann die Suche regional eingegrenzt werden, bestimmte Therapiemodalitäten können abgefragt sowie Studienphase und Altersgruppe angegeben werden. Obwohl die Website primär für Patienten und Laien konzipiert ist, sind viele der monatlich 150 000 Nutzer Ärzte und Wissenschaftler. Die publizierten Studien werden größtenteils in den USA und Kanada durchgeführt, erläutert Alexa McCray, Direktorin der National Library of Medicine. Es sind aber auch Studien aus 70 anderen Staaten in der Datenbank präsent. Über eine Kooperation mit Current Controlled Trials wird diskutiert.
Das Deutsche Krebsstudien-Register (www.studien.de) wird von der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Krebshilfe unterhalten. In dem schnell wachsenden Archiv sind etwa 220 Studien verzeichnet. Mit der gut konzipierten Suchmaske ist ein gezieltes Auffinden von Studien möglich. Die Site wendet sich hauptsächlich an Ärzte und bietet die Information nur in Deutsch an, sodass sie ausländische Interessenten nur bei entsprechenden Sprachkenntnissen nutzen können.
Dr. Stephan Mertens
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