ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2001Computerbasierte Ausbildung: Medizinstudenten ergriffen Initiative

THEMEN DER ZEIT

Computerbasierte Ausbildung: Medizinstudenten ergriffen Initiative

Dtsch Arztebl 2001; 98(48): A-3180 / B-2693 / C-2500

Dewey, Marc; Petruschke, Inga; Lasch, Antje; Zimmermann, Elke; Schönenberger, Eva

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LNSLNS An der Charité werden zwei Computerräume von
Studenten in eigener Regie geleitet –
ein Modell für andere medizinische Fakultäten?


Detaillierte Erfahrungen im Umgang mit Computern sind in der Berufsausübung von Ärzten fast schon unverzichtbar. Folgerichtig sollte ein besonderes Augenmerk auf die Ausbildung von Medizinstudenten im EDV-Bereich gelegt werden. Trotz dieser Notwendigkeit gibt es bis heute im Medizinstudium keine diesbezüglichen Pflichtveranstaltungen. Allerdings sind an mehreren medizinischen Fakultäten unterschiedliche Projekte angelaufen, die sich der computerbasierten Ausbildung widmen – so auch an der Charité.
Entstehung und Grundlagen des Projekts
Auf Initiative von Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern entstand in Zusammenarbeit mit dem Dekanat zum Wintersemester 1995/96 am Virchow-Klinikum der Freien Universität zu Berlin1 der erste studentisch selbstverwaltete und -betreute Computerraum an einem medizinischen Fachbereich2. Derzeit nutzen rund 2 500 der 5 000 Studenten der Charité dieses Angebot. Die Anschubfinanzierung für den Raum erfolgte durch das „Computer-Investitions-Programm“ (CIP) der Deutschen Forschungsgemeinschaft3 und ermöglichte die Ausstattung mit 20 Arbeitsplätzen. Die Bezeichnung „CIPom“ für den studentischen Computerpool wurde von diesem Programm abgeleitet.
Von Anfang an gewährleistete die ehrenamtliche Tätigkeit einer Gruppe von etwa 20 Studenten die Betreuung an den Wochentagen von neun bis 22 Uhr. Als oberstes Organ der Selbstverwaltung ist ein zweiwöchentliches Plenum aller Nutzer inauguriert worden. Von diesem Plenum getroffene Entscheidungen beziehen sich auf die Planung der Öffnungszeiten, die Aufnahme neuer studentischer Tutoren, die Administration des Netzwerks und Neuanschaffungen von Hard- und Software. Beschlüsse mit haushaltsmäßigen Auswirkungen werden in Zusammenarbeit mit Kostenstellenverantwortlichen aus der Verwaltung der Charité in die Tat umgesetzt.
Nach der Fusion des Virchow-Klinikums mit der Charité 1997 wurde zum Sommersemester 1998 im zentralen Bettenhochhaus der Charité der zweite studentische Computerpool mit 19 Arbeitsplätzen eröffnet. Seitdem erfolgt eine standortübergreifende Betreuung und Administration beider Räume.
Leichterer Einstieg
ins wissenschaftliche Arbeiten
Seine besondere Attraktivität gewinnt das vorgestellte Modell der studentischen Selbstverwaltung durch folgende Punkte:
c Auf dem EDV-Sektor versierte Medizinstudenten sind aufgrund eigener Erfahrungen mit den meisten während des Studiums auftretenden Problemen (Prüfungen, Dissertationen et cetera) vertraut. Demzufolge sind die studentischen Betreuer sehr gut in der Lage, ihren Kommilitonen schnell und problemorientiert zur Seite zu stehen. So war es auch möglich, die Ausstattung des CIPom mit Hard- und Software an die tatsächlichen Bedürfnisse von Studenten der Medizin anzupassen.
c Neben der Betreuung führen die Tutoren Kurse für Medizinstudenten und Mitarbeiter durch. Die Themen dieser Kurse reichen von einfachen Einführungen in den Umgang mit Computern über die Nutzung von E-Mail und Internet bis zur Arbeit mit speziellen Programmen, wie zum Beispiel Word, Excel, Powerpoint, Corel Draw, Frontpage und SPSS. Desgleichen werden auch spezielle Angebote, zum Beispiel zur Erstellung von Promotionsarbeiten, gut angenommen.
c Die unmittelbare Beteiligung aller Nutzer an den Entscheidungen im Plenum fördert maßgeblich das Verantwortungsbewusstsein und die Möglichkeit zur demokratischen Partizipation.
c Da die Ausschreibung der studentischen Tutorenstellen universitätsweit erfolgt, sind auch Studenten aus nicht-medizinischen Bereichen beschäftigt. Auf diesem Weg entstehen neue und interessante interdisziplinäre Gesichtspunkte sowohl in der konkreten Betreuungssituation als auch bei der Organisation und Verwaltung des CIPom.
c Die obligatorischen Veranstaltungen im Medizinstudium gehen kaum auf praktische Probleme in Statistik oder bei Literaturrecherchen ein. Dieses Defizit kann durch spezielle Kurse mit konkreter Hilfestellung reduziert und infolgedessen der Einstieg in das wissenschaftliche Arbeiten für Studenten maßgeblich erleichtert werden.
Die Nachfrage von Dozenten an der Charité nach Durchführung von computerbasierten Lehrveranstaltungen im Computerpool nimmt zu. Foto: CIPom
Die Nachfrage von Dozenten an der Charité nach Durchführung von computerbasierten Lehrveranstaltungen im Computerpool nimmt zu. Foto: CIPom
50 Prozent aller Studenten der Charité sind Nutzer der studentischen Computerräume. Somit ist für viele Studenten das CIPom ein fester Bestandteil in ihrem Arbeits- und Kommunikationsprozess geworden.
Selbstverständlich bringt die unmittelbare Mitwirkung aller Beteiligten auch Probleme mit sich. Es ist beispielsweise nicht immer einfach, bei dringenden Aufgaben zeitnah Resultate zu erzielen. Um diesem Problem zu begegnen, ist es zwingend erforderlich, für die anstehenden Aufgabengebiete klare Verantwortlichkeiten festzulegen. Folgerichtig existieren im studentischen Computerpool für verschiedene Sektoren, wie zum Beispiel Stundenplanorganisation, Kursplanung und Administration, eindeutige Ansprechpartner. Die basisdemokratische Organisation einer relativ großen Gruppe bedingt zeitaufwendige Entscheidungsprozesse. Vorteilhaft dabei ist jedoch, dass gerade durch die Partizipation vieler Studenten sehr dauerhafte Entscheidungen, im Sinne langfristig angelegter Kompromisse, getroffen werden.
Angebot wird weiter ausgebaut
Im Laufe der Entwicklung der beiden Standorte am Campus Virchow-Klinikum und am Campus Charité Mitte fand eine Erweiterung des Spektrums der in den Räumen abgehaltenen Veranstaltungen statt:
c Zusätzlich zu den von Tutoren angebotenen Kursen werden seit dem Wintersemester 1999 Seminare im Rahmen des Curriculums des Reformstudiengangs Medizin, zum Beispiel zur Literaturrecherche, im CIPom durchgeführt.
c Kurse zur Medizinischen Statistik seitens des Instituts für Biometrie stellen außerdem einen wesentlichen Bestandteil des Seminarprogramms dar.
c Des Weiteren finden Teile des Praktikums „Versuchstiere, Tierversuche und Alternativmethoden“ im CIPom statt.
c Die regelmäßigen fakultativen Veranstaltungen der Medizinischen Bibliothek zur Literaturrecherche und Medline bereichern ebenfalls das Kursangebot.
Auf studentische Initiative hin erhalten seit dem Wintersemester 2000 alle Neuimmatrikulierten der Charité mit Beginn ihres Studiums eine E-Mail-Adresse. Von etwa der Hälfte der neuen Studenten wird dieses Angebot sofort angenommen. Gleichzeitig wird die tägliche Betreuung im CIPom immer mehr genutzt. Die Nachfrage von Dozenten an der Charité nach Durchführung von computerbasierten Lehrveranstaltungen im Computerpool nimmt zu. Um den wachsenden Ansprüchen gerecht zu werden, sollen die Kapazitäten am Campus Charité Mitte auf 45 Arbeitsplätze erweitert werden. Aufgrund zahlreicher Nachfragen werden außerdem zum Wintersemester 2001 die Betreuungszeiten am Standort Charité Mitte auf das Wochenende ausgedehnt.
Die Charité hat mit dem in dieser Form bundesweit am längsten bestehenden Projekt gute Resultate erzielt. Aufgrund der positiven Erfahrungen und der beachtlichen Resonanz der Studentenschaft an der Charité können wir dieses Modell sehr empfehlen.

Marc Dewey, Inga Petruschke,
Antje Lasch, Elke Zimmermann,
Eva Schönenberger
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