ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2001Ometepe-Projekt in Nicaragua: Eine Insel hofft auf Hilfe

THEMEN DER ZEIT

Ometepe-Projekt in Nicaragua: Eine Insel hofft auf Hilfe

Dtsch Arztebl 2001; 98(48): A-3182 / B-2695 / C-2502

Rheinberger, Paul; Möller, Barbara

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Vor dem Hintergrund von Terroranschlägen und Kriegen geraten andere Notstandsgebiete leicht aus dem Blickfeld. Zu den ärmsten
Ländern, die Hilfe benötigen, gehört Nicaragua.


Zehn Jahre nach Ende des Bürgerkrieges ist Nicaragua durch Korruptionsaffären, wirtschaftlichen Niedergang, Arbeitslosigkeit und Verelendung weiter Teile der Bevölkerung gekennzeichnet. Nach Angaben der Weltbank leben 80 Prozent der Bevölkerung in Armut, 20 Prozent in extremer Armut. Die erwerbstätige Bevölkerung muss mit einem Tageslohn von umgerechnet etwa drei bis vier Mark zurechtkommen. Die verheerenden Auswirkungen des Hurrikans Mitch haben das mittelamerikanische Land 1998 zusätzlich zurückgeworfen, und die staatliche medizinische Versorgung hat sich erheblich verschlechtert.
Besonders treffen solche Probleme abgelegene Regionen, wie die Vulkaninsel Ometepe im Nicaragua-See im Süden des Landes nahe der Grenze zu Costa Rica. Hauptprobleme dort sind die geographische Isolation, die schlechte Infrastruktur, die große Armut und hohe Arbeitslosigkeit, mangelnde Bildung und die unzureichende medizinische Versorgung. Die etwa 35 000 Bewohner sind Nachfahren der Nahua-Indianer, die dort schon vor mehr als 2000 Jahren gesiedelt haben. Mehr als die Hälfte der Insulaner sind jünger als 20 Jahre, etwa jeder Zweite kann weder lesen noch schreiben. Es herrscht eine Arbeitslosigkeit von rund 90 Prozent. Etwa ein Drittel der Insel ist ohne Elektrizität, ohne Telefon und kann nur bei günstigen klimatischen Bedingungen über halsbrecherische Pisten erreicht werden.
Die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist unter diesen Umständen nur rudimentär. Auf Teilen der Insel wird durch das staatliche Gesundheitssystem MINSA eine Basisversorgung vorgehalten. Weiterführende fach-ärztliche Untersuchungen oder Behandlungen sind auf Ometepe nicht möglich. Medikamente zur Behandlung akuter oder chronischer Erkrankungen sind Mangelware und – obwohl auf dem freien Markt käuflich – für die Patienten unerschwinglich. Weder chirurgische noch gynäkologisch-geburtshilfliche Notfälle können adäquat versorgt werden. Auf der ganzen Insel gibt es kein Krankenhaus mit angemessenen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, nicht einmal ein Röntgengerät ist vorhanden. Für Kranke, Schwangere und Notfälle gibt es kaum Transportmöglichkeiten, die Schiffspassage zum Festland und weiter zum nächsten Krankenhaus dauert Stunden.
Da es vielerorts keine geregelte Trinkwasserversorgung gibt, sondern stattdessen das Wasser aus dem umgebenden See entnommen wird, in den gleichzeitig die Abwässer der Insel und am See gelegener Städte fließen, stellen neben Akutfällen Infektionserkrankungen die medizinische Hauptproblematik dar. Parasitenerkrankungen des Magen-Darm-Traktes, urologische und gynäkologische Infektionen, bakterielle Hautentzündungen, Pneumonie bei Säuglingen und Kleinkindern, eitrige Infekte der oberen Luftwege und Mittelohrentzündungen treten gehäuft auf. Dazu kommen jährlich circa 80 Fälle von Malaria und vereinzelt auch Tuberkulose. Das staatliche Gesundheitssystem kann diese Probleme nicht bewältigen. Die Notwendigkeit zusätzlicher medizinischer Hilfe ist unübersehbar.

Seit acht Jahren versucht ein privates deutsches Hilfsprojekt, das sich ausschließlich aus Spenden finanziert, auf der Insel die größte medizinische Versorgungsnot zu lindern. Ziel ist es, als „Hilfe zur Selbsthilfe“, dauerhaft bessere Medizin- und Bildungs-Strukturen aufzubauen. Wie bei ähnlichen Hilfsprojekten in anderen Entwicklungsländern sind die Projektverantwortlichen auf Ometepe zu der Überzeugung gelangt, dass nicht alle Aufgaben der gesundheitlichen Betreuung notwendigerweise von Ärzten wahrgenommen werden müssen. Gesundheitshelfer können beispielsweise Beratungen in Fragen der Hygiene, der Ernährung, der Schwangerenbetreuung und der Ersten Hilfe kompetent durchführen.

Einheimische Gesundheitshelfer leisten wichtige Aufklärungsarbeit in Fragen der Hygiene und Ernährung. Fotos: Paul Rheinberger
Einheimische Gesundheitshelfer leisten wichtige Aufklärungsarbeit in Fragen der Hygiene und Ernährung. Fotos: Paul Rheinberger
Das sichert zum einen den effizienten Einsatz der knappen Spendengelder. Zum anderen ermöglicht die Einbeziehung solcher Gesundheitshelfer oder qualifizierter Krankenschwestern auch zwischen den Arztsprechstunden des Ambulanzdienstes – dabei können Wochen vergehen – die medizinische Basisversorgung in den Dörfern. Das Ometepe-Projekt will deshalb die Ausbildung solcher Helfer verstärkt fördern. Breit diskutiert wurde im Projekt die Frage, ob auf der Insel ein Ultraschallgerät aufgestellt werden soll, um in Notfällen allgemeinmedizinische und gynäkologisch-geburtshilfliche Untersuchungen zu ermöglichen. Diese Option soll zunächst durch die qualifizierte Ultraschall-Weiterbildung des vom Projekt finanzierten nicaraguanischen Allgemeinarztes weiterverfolgt werden.
Auch Laboruntersuchungen zur weiterführenden Diagnostik sind für die verarmte Bevölkerung in der Regel nicht zugänglich, da sie auf der Insel nur an einer Stelle gegen Barzahlung durchgeführt werden. Zur Lösung dieses Problems wird im Projekt die Einstellung einer einheimischen Laborantin diskutiert, alternativ die Einführung eines Basislabors, das während des Ambulanzdienstes mitgeführt und vor Ort bedient werden kann.
Ein zentrales Problem ist die mangelhafte Versorgung mit Medikamenten, die normalerweise für die Patienten über den staatlichen Gesundheitsdienst frei erhältlich sein sollten. Die planwirtschaftliche Zuteilung führt jedoch zu grotesken Situationen: So kann es beispielsweise vorkommen, dass monatelang keine Antibiotika verfügbar sind. Im Rahmen des medizinischen Hilfsprojektes wird deshalb eine projektinterne Liste der notwendigen Medikamente geführt, die für die Behandlung der häufigsten, inseltypischen Erkrankungen notwendig sind. Auch wenn man teilweise auf deutsche Arzneimittelspenden zurückgreift, werden Medikamente aus Projektmitteln ausschließlich in Nicaragua gekauft, da dort wie in anderen Entwicklungsländern viele Medikamente wesentlich preisgünstiger verfügbar sind.
Beleg für die zunehmende Verarmung der Bevölkerung ist die große Zahl von Kindern, die nach den Kriterien der Welt­gesund­heits­organi­sation als unterernährt gelten. In Kooperation mit dem staatlichen Gesundheitsdienst und nicht staatlichen Hilfsorganisationen erhalten mehr als 500 unterernährte Kinder aus ärmsten Familien Nahrungshilfen. Der Anstieg der dafür erforderlichen Finanzmittel belastet das Projekt erheblich und hat zu der Überlegung geführt, über die unmittelbare medizinische Hilfe hinaus nun auch Agrarkredite an besonders bedürftige Familien zu vergeben, um die Ernährungs- und Einkommenssituation der jeweiligen Familien nachhaltig zu verbessern.

Vor dem Hintergrund dieser vielfältigen Probleme und in Anbetracht seiner bescheidenen finanziellen Ressourcen hat das Projekt erstaunliche Ergebnisse vorzuweisen: Ein Ambulanzgebäude wurde errichtet, in dem ein aus Projektmitteln finanzierter Allgemeinarzt, eine Zahnärztin, eine Hebamme und mehrere Gesundheitshelferinnen ihre Patienten betreuen. Ein geländegängiges Fahrzeug wurde angeschafft, um im Rahmen eines mobilen Ambulanzdienstes in den ärmsten und abgelegensten Dörfern der Insel regelmäßige Sprechstunden abhalten zu können. Dabei werden Vorträge zu Hygiene-Maßnahmen und zur Krankheitsprävention abgehalten, Schwangere untersucht, Kinder geimpft, Kranke behandelt und mit notwendigen Medikamenten, aber auch mit Gehhilfen, Brillen und anderen Hilfsmitteln versorgt.

Parallel zu den medizinischen Maßnahmen wurde eine Primärschule gebaut, die auch für die Kinder entlegenerer Inselteile erreichbar ist und ihnen unentgeltlich Unterricht anbietet, da viele Eltern das staatlich erhobene Schulgeld von zwei Mark monatlich nicht aufbringen können. Die Kinder erhalten zudem eine regelmäßige Schulspeisung. Auch die Lehrer der Schule werden vom Projekt finanziert. Nach dem Hurrikan Mitch, der 1998 auch Ometepe in Mitleidenschaft gezogen hat, wurden aus Projektmitteln mehr als 100 einfache, aber solide Häuser für mittellose Familien gebaut, deren strohbedeckte Hütten der Hurrikan weggefegt hatte. Zusätzlich wurden Latrinen angelegt und Trinkwasserzugänge geschaffen.
Die „Projekt-Philosophie“ ist darauf ausgerichtet, dass möglichst alle Hilfsangebote von einheimischen Kräften getragen oder fortentwickelt werden, da diese am besten mit den landestypischen Problemen und Gegebenheiten vertraut sind. Die Projektverantwortlichen vor Ort entscheiden deshalb weitgehend eigenverantwortlich und im engen Kontakt mit den Projektinitiatoren in Deutschland über die Verwendung der finanziellen Mittel. Außerdem legt man größten Wert auf eine enge Kooperation mit dem staatlichen Gesundheitsdienst und anderen Hilfsorganisationen, um die Situation auf der Insel Ometepe zu verbessern.
Dr. med. Paul Rheinberger, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Herbert-Lewin-Straße 3, 50931 Köln
Dr. Barbara Möller, Wiener Gebietskrankenkasse, Wienerbergstraße 15–19, A 1100 Wien
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema