ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2001Das Jüdische Museum in Berlin: Seriös aufbereitete Informationen

VARIA: Feuilleton

Das Jüdische Museum in Berlin: Seriös aufbereitete Informationen

Dtsch Arztebl 2001; 98(48): A-3218 / B-2723 / C-2530

Apke, Bernd

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Eine Dauerausstellung würdigt den Beitrag der jüdischen Bevölkerung innerhalb der deutschen Geschichte.


Die Feier zur Eröffnung des Berliner Jüdischen Museums glich einem Staatsakt, gehörten die 850 Gäste doch zu der Klientel, die man gemeinhin der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Prominenz Deutschlands zuordnet. Dabei sahen die anfänglichen Planungen für das Museum noch recht bescheiden aus. Das Berliner Stadtmuseum sollte um eine Abteilung zur jüdischen Geschichte erweitert werden, und auch jüdische Kultgegenstände wollte man zeigen. Doch die Entscheidungsträger hielten die Zeit jetzt reif auch für ein nationales jüdisches Museum, das den Beitrag der jüdischen Bevölkerung innerhalb der deutschen Geschichte würdigen soll.
Angesichts der großen Bedeutungslast griff man nach einem Gründungsdirektor mit Durchsetzungsvermögen: Michael Blumenthal, ehemaliger US-amerikanischer Finanzminister. Den spektakulären Entwurf für das Gebäude lieferte der bislang vor allem als Architekturtheoretiker hervorgetretene, lange Zeit in den USA lebende Daniel Libeskind. Dieser setzte neben das schon bislang als Museum genutzte barocke, ehemalige Kammergerichtsgebäude einen dekonstruktivistischen Erweiterungsbau in bizarr gezackter Blitzform, innen und außen grau, mit langen, schmalen Fensterlinien, die die Wände auf zwei Stockwerken durchfahren. Nachdem Libeskinds Bau zwei Jahre lang leer besichtigt werden konnte, ist nun auch die Dauerausstellung eingerichtet, und man kann überprüfen, ob sie sich gegen das Gebäude zu behaupten vermag.
Außenansicht des Museums Foto: Ruhrgas AG
Außenansicht des Museums Foto: Ruhrgas AG
Um es vorwegzusagen: Sie kann – und zwar deshalb, weil sie die Architektur fast konsequent ignoriert. Die Ausstellungsdesigner Würth & Winderoll haben den Bau so mit Säulen, Kabinen, Podesten, mit herabhängenden Stoffbahnen und ansteigenden Treppen gefüllt, dass man ihn vergisst. Das Abschreckende eines historischen Museums – man läuft chronologisch brav der Gegenwart entgegen und muss auf dem Weg dahin vieles lesen und lernen – verliert im Jüdischen Museum seine Bedrohung.
Natürlich geht es auch hier nicht ohne Chronologie. Doch der Besucher findet keine gerade Linie vor, sondern bekommt unterschiedlichste Herangehensweisen geboten: Mal ist es (architektonisch) die mittelalterliche Wormser Synagoge, die dem Besucher multimedial entgegenschwebt, mal sieht man (biografisch) auf das spannende Leben von Glikl, einer Frau, deren Memoiren zu den ältesten erhaltenen weiblichen Zeugnissen des 17. Jahrhunderts gehören. Zwischen der Abschrift eines Erlasses von Kaiser Konstantin an den Kölner Magistrat aus dem Jahr 321, der als erster Beleg jüdischen Lebens in den germanischen Provinzen des Römischen Reiches gilt, und einem
Tora-Schild, 1796, Stiftung Jüdisches Museum Berlin Fotos (2): Jens Ziehe
Tora-Schild, 1796, Stiftung Jüdisches Museum Berlin Fotos (2): Jens Ziehe
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Ausschnitt aus dem Film „Anders als die Anderen“ von 1919, der sich unter der Ägide des Sexualforschers Magnus Hirschfeld als erster Film für die Rechte von Homosexuellen einsetzt, ist die Auswahl für den Besucher reichhaltig. Aus dem Mittelalter kann man nur wenige, aus dem 19. und 20. Jahrhundert naturgemäß vielfältige Objekte vorweisen. Die Ausstellungsmacher legen Wert darauf, dass für das Museum Vorwissen kaum notwendig ist. Das stimmt tatsächlich, doch ist mancher Text arg schlicht geraten.
Der Holocaust kommt im nationalen Jüdischen Museum nicht zu kurz. Aber der Gegensatz zwischen der entsprechenden, klug eingerichteten Abteilung in der Ausstellung und dem von Libeskind eingerichteten, so genannten Holocaust-Turm, der den Besucher im Stile Disneylands „bedrücken“ soll, ist eklatant. Dann doch lieber seriöse, gut aufbereitete Informationen im „Lernzentrum“ mit seinen interaktiven Computern. Man hat im Jüdischen Museum an nichts gespart – und man merkt es der Ausstattung an. Bernd Apke

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