ArchivDeutsches Ärzteblatt40/1996Börsebius zur Telekom-Emission: Zitterpartie

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius zur Telekom-Emission: Zitterpartie

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Telekom, Telekom überall. Wo der Mensch dieser Tage hinblickt und hinhört, springt ihn diese einfältige Werbung mit dem T-Symbol in allen unmöglichen Varianten an. Auch die Banken werkeln eifrig daran, den Anlegern die größte Börsenemission seit Jahren wärmstens ans Herz zu legen. Da wird mit ungeheuren Rabatten gelockt, als gäbe es eine Riesenchance wie seit Jahren nicht. Die Dresdner Bank bietet ein Telekom-Ansparkonto mit fünfprozentiger Verzinsung, und die Deutsche Bank schreibt immerhin noch drei Prozent gut. Die Commerzbank lockt mit einem Festgeldkonto zum Erwerb von Telekom-Aktien und zahlt ebenfalls drei Prozent Zinsen. Das sind alles unglaubliche Rabatte. Die Banken legen auch furchtbar drauf, weil sie für diese eingenommenen Gelder Kredite für sieben Prozent und mehr verkaufen. Aber auf die einprozentige Wertpapierprovision beim Kauf der Aktien verzichtet offensichtlich keines der ach so publikumswirksam werbenden Geldhäuser, obwohl das ein echter Anreiz gewesen wäre, zumal die Direktbanken bei jedem (!) Aktienkauf mindestens die Hälfte billiger sind.
Nun gut, auch die Telekom selbst will sich beim Börsengang nicht lumpen lassen. Sie will Privatanlegern einen Rabatt zwischen einem und fünf Prozent beim Kauf der Aktien gewähren; und noch schöner: wer seine Aktien bis 30. September 1999 hält, bekommt für 10 Stück eins gratis. Rabatt worauf? Natürlich auf den Emissionskurs, werden Sie jetzt sagen. Richtig, nur den kennt bisher offensichtlich noch keiner. Zumindest nicht beim Aktien-Informationsforum der Deutschen Telekom. Dort haben sich nach stolzem Bekunden weit über eine Million an der Börsenemission Interessierte registrieren lassen. Also, ich schaue mal gleich in die BTX-Seiten (T-Online *200003#), dort wird doch hoffentlich irgendeine Preisinformation stehen. Aber weit gefehlt, es wird bloß auf die zweite Oktoberhälfte verwiesen. Da werden die über eine Million Nutzer des Aktien-Informationsforums aber enttäuscht sein. Auch unter der angegebenen Info-Telefon-Nummer 01 30/19 96 erfahre ich preislich nichts. Seltsam, dabei weiß die Wirtschaftspresse zuverlässig seit ein paar Wochen, daß die Range der Telekom-Aktie (im Bookbuilding-Verfahren) bei rund 30 Mark liegen wird.
Haltet zu Gnaden, sehr verehrte Telekom AG. Das Werbegetöse erinnert mich schon ein wenig an Orientteppichhändler, die auf ihre überteuerten Stücke auch gerne fürstliche Rabatte einräumen. Was wäre, wenn die Telekom-Aktie einfach zuviel kostet? Immerhin hat die Telekom Schulden von über 100 Milliarden Mark, immerhin formieren sich gewichtige Konkurrenten auf dem Kommunikationsmarkt, und immerhin siedelt die renommierte Bank Barclays de Zoete Wedd den fairen Emissionspreis zwischen 12 und 28 Mark an. Ich persönlich werde meine Mitgliedschaft beim Aktien-Informationsforum der Telekom nicht nutzen.
Börsebius
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