ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2001Stammzellforschung: Perfektes Timing

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Stammzellforschung: Perfektes Timing

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): A-3237 / B-2737 / C-2545

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Wenn der Deutsche Bundestag am 30. Januar des nächsten Jahres darüber entscheidet, ob der Import embryonaler Stammzellen verboten oder zugelassen sein soll, dann werden ihm die diversen Expertenaussagen kaum aus der Verlegenheit helfen. Er, der Gesetzgeber, ist am Zuge.
Der Nationale Ethikrat hat sich für einen Import ausgesprochen, die Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des Bundestages hat zwei Modelle gegeneinander gestellt. Modell A läuft auf ein Verbot des Imports hinaus, Modell B auf eine Tolerierung.
Der Nationale Ethikrat, jenes von Bundeskanzler Schröder eingerichtete Gremium, hatte mit knapper Mehrheit am 29. November den Import befürwortet, unter allerlei Auflagen und mit einer Befristung bis Ende 2003. Das öffentliche Echo war widersprüchlich, widersprüchlich auch quer durch die Parteien. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer sprach sich dafür aus, zunächst andere Forschungsrichtungen einzuschlagen und nur, wenn diese zu keinen befriedigenden Ergebnissen führten, die Forschung an importierten embryonalen Stammzellen in Erwägung zu ziehen.
Wenige Tage bevor der Nationale Ethikrat sein Votum abgab, am
23. November, hatte die Zentrale Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer gleichfalls votiert. Sie kam ebenfalls zu der Empfehlung, den Import unter Kautelen zuzulassen (Wortlaut in diesem Heft). Man darf davon ausgehen, dass die Stellungnahme der Zentralen Ethikkommission Schröders Ethikrat inhaltlich vorlag und die angestrebte Rolle spielte. Die Kommission hatte zuletzt mit Hochdruck an ihrer Stellungnahme gearbeitet und das perfekte Timing schließlich erreicht.
Die Zentrale Ethikkommission ist angesiedelt bei der Bundes­ärzte­kammer, in ihrer Arbeit jedoch von dieser unabhängig. Ihre Stellungnahme kann nicht als Bundes­ärzte­kammervotum zugunsten des Embryonenimports gewertet werden; sie steht auch nicht im Einklang mit der Meinungsbildung des Deutschen Ärztetages.
In der Gedankenführung stimmen die Empfehlungen des Nationalen Ethikrates und der Zentralen Kommission auffallend überein. Sie gleichen auch der Stellungnahme der Deutschen Forschungsgemeinschaft vom 3. Mai dieses Jahres. Das mag Wissenschaftler-Konsens sein, dürfte aber auch an personellen Querverbindungen zwischen den drei Institutionen liegen.
Bevor der Bundestag entscheidet, sollte er sich damit beschäftigen, wie die Voten zustande kamen. Er sollte auch prüfen, aus welchen Quellen die derzeit gängigen Aussagen zur Rechtslage stammen, die da die Meinung wiedergeben, ein Verbot des Imports sei verfassungswidrig und der Import mit dem Embryonenschutzgesetz durchaus vereinbar.
Wenn die Bundestagsabgeordneten demnächst entscheiden, dann muss ihnen ganz klar sein, dass sie bei einer Entscheidung zugunsten des Importes eine Tür öffnen, die nicht mehr zu schließen sein wird. Zunächst wird es nur um den Import existierender Stammzelllinien gehen. Zurzeit geht die veröffentlichte Meinung noch dahin, die bereits vorhandenen Zelllinien reichten für die Forschung aus. Es gibt freilich Hinweise, dass Zahl und Qualität der Stammzellen bei anziehender Forschung nicht ausreichen werden. Also wird man, wenn das Tor geöffnet ist, auch hier weitersehen, indem neue Linien eröffnet werden – und weshalb dann nicht in Deutschland?
Zurzeit sprechen sich alle Voten dezidiert für die Gewinnung embryonaler Stammzellen aus so genannten übrig gebliebenen Embryonen aus. Aber lässt sich nicht die Zahl der „übrig gebliebenen“ mit einem gewissen Belieben variieren, und wo liegt dann die Grenze zur direkten Gewinnung von Embryonen zu Forschungszwecken? Die vorliegenden Stellungnahmen weisen dies energisch zurück. Würde sich eine solch ablehnende Haltung auf Dauer und bei anhaltendem Druck aus der Wissenschaft wirklich halten lassen? Die Argumentationslinie ist schon vorgezeichnet: Wenn an Embryonen geforscht werden darf, weshalb dann nicht generell?
Die offene Frage bleibt, ob das, was wissenschaftlich möglich ist und anderenorts erlaubt ist, hierzulande auf die Dauer verhindert werden kann. Globalisierung beherrscht die Wissenschaft, die Globalisierung der Ethik folgt ihr auf dem Fuße. Wer sich dem weltweiten Druck widersetzt, braucht starke Nerven und feste Überzeugungen. Haben wir die?
Gerade dieser Tage hat der höchst angesehene US-amerikanische Philosoph Richard Rorty seine Wunschvorstellung in einem Interview (mit dem „Tagesspiegel“) offenbart: „Persönlich wünsche ich mir, dass man dekretiert, dass das menschliche Leben beginnt, wenn ein Embryo drei Monate alt ist. Bis dahin könnten Ärzte experimentieren.“ Pragmatiker Rorty wurde am 2. Dezember in Berlin der nach dem Mystiker benannte Meister-Eckhart-Preis verliehen. Norbert Jachertz
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