VARIA: Post scriptum

Finale furioso

Dtsch Arztebl 1996; 93(40): [40]

Pfleger, Helmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Bei der letzten Deutschen Ärztemeisterschaft hatte Dr. Bordasch als Sekundanten eine seiner Töchter und das 9 Wochen alte Enkel-Baby mitgebracht. Sehr friedlich schlummerte es dahin, im perfekten Einklang mit den mucksmäuschenstillen, nur vom Geschehen auf dem Schachbrett gebannten Ärzten. Die stolze Mutter: "Die Schachatmosphäre wirkt beruhigend. Er ist ganz brav." Doch bei der folgenden Episode einer "folie à deux" bzw. "Amaurosis scacchistica totalis" (vollständige Schachblindheit) hätte das von der Schachgöttin Caissa so früh imprägnierte Enkel-Baby vermutlich schon im Turniersaal seinen unerschütterlichen Gleichmut verloren und zuerst ungläubig zu seiner Mutter hingeblinzelt, um schließlich in schallendes Gelächter auszubrechen. Bevor ich nun Bernd Schneider selbst das Wort erteile, sei noch die Bemerkung gestattet, daß so etwas bei einer Ärztemeisterschaft (leider) noch nicht vorgekommen ist.
"Beim Schnellschachturnier in Groesbeek (Niederlande) hatte ich eine remisliche Stellung völlig überzogen. Neben meinem König verblieb mir nur ein einsamer Springer, mein Gegner hatte eine ganze Dame mehr. Logisch, daß ich nur noch auf das hängende Blättchen (kurz vor der Zeitüberschreitung) meines Gegners stierte. Doch nun kam es zur Diagrammstellung.
Mein Gegner hatte soeben seinen König von c5 nach d6 angenähert. Da ich keine große Auswahl besaß, stellte ich meinen Springer auf f7 ab. Also 1. Sf7!! Doch leider hing mein Blick immer noch wie gefesselt an dem schwebenden Blättchen. Der schwarze Spieler sah sich nun am Ziel seiner Träume und setzte mittels 1. ... Dg6+!?!? zum Matt an. Nach einem kurzen prüfenden Blick beförderte ich meinen König krachend ins Eck, 2. Kh8, und hämmerte wie bekloppt auf die Uhr, damit dieses verdammte Blättchen endlich fallen möge. Doch im Stile eines Blitzprofis katapultierte mein Gegner mit seinem Springer meinen Springer vom Brett, 2. ... Sxf7+, und rief "Schack-Matt". Mein lauter Ruf "Time" konnte leider nicht mehr akzeptiert werden, weil ja Matt bekanntlich vor Zeitüberschreitung geht. Erst danach erklärten mir die grölenden Kiebitze die Perversität, die sich da wirklich abgespielt hatte. Und da mußte auch ich laut auflachen. Denn noch nie habe ich eine Partie gespielt, die in drei Halbzügen alle Spielergebnisse abdeckte. Erst eine verlorene Stellung, dann die Pattfalle, anschließend der einstehende König, sofort danach das Matt und auch noch die überschrittene Zeit." Und unser Baby lacht und lacht und lacht!
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema