ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 3/2001Antarktis/Feuerland: Reise hinter den Horizont

Supplement: Reisemagazin

Antarktis/Feuerland: Reise hinter den Horizont

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): [4]

Patzelt, Renate

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Mit MS Hanseatic ans weiße Ende der Welt

Nur im antarktischen Sommer, zwischen Dezember und Februar, hat man Gelegenheit zu einer Reise ans „weiße Ende der Welt“. Wir fliegen Anfang Januar von Frankfurt nach Bue-
nos Aires und von dort weiter nach Ushuaia, der südlichsten, zu Argentinien gehörenden Stadt der Welt.
Tierra del Fuego – Feuerland – nannte der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan im Jahr 1520 diese Region, als er die Feuer der Indianerstämme erblickte. Nach dem Durchqueren der später nach ihm benannten Magellanstraße war er überzeugt, dass das Land südlich dieses Seeweges zu einem bis dahin unbekannten Kontinent gehöre, der sich bis zum Südpol erstrecke. Er sollte Recht behalten. Im Gegensatz zur arktischen Nordpolarregion, die eine riesige schwimmende Eisplatte ist, umgeben von den Kontinenten Europa, Asien und Amerika, liegen die Eismassen der Antarktis auf einem Kontinent, zwischen Atlantik, Pazifik und umgeben vom Südpolarmeer. Die eisige Festlandmasse heißt Antarktika. Ihre Fläche umfasst etwa zehn Prozent der Landoberfläche der Erde und ist eineinhalbmal so groß wie Australien. 1820 wurde Antarktika erstmals gesichtet; betreten hat diesen Kontinent als erster Mensch der Norweger Carsten Borchgrevink im Jahr 1895.
„Zügel-Pinguine “vor Elephant Island
„Zügel-Pinguine “vor Elephant Island
In Ushuaia/Feuerland besteigen wir die MS Hanseatic. Vor uns liegt die 800 See-
meilen breite Drake-Passage, eine als stürmisch bekannte Wasserstraße, in der außer dem Wind auch zahlreiche Meeresströmungen für eine reichlich unbequeme Seefahrt sorgen. Mit viel Glück, so hatten wir gehört, kann die Drake-Passage auch einmal ihr freundliches,
windarmes Gesicht zeigen. Während der Reise aber hatte sie alle Freundlichkeit abgelegt. Heftige, rollende Schiffsbewegungen sorgen dafür, dass das Restaurant am Abend nur zur Hälfte gefüllt ist. Zwei Tage dauert die Fahrt – für uns eine gute Gelegenheit, das schwimmende Hotel näher kennen zu lernen.
Gut informiert und vorbereitet, in schiffseigene Gummistiefel und Parkas gehüllt, ist
es dann auf New Island, einer zur Falkland-Gruppe gehörenden Insel, so weit: der erste Landgang. Das Kameragepäck ist in einem wasserdichten Rucksack verstaut, eine kleine Rettungsweste, die sich bei Kontakt mit Meerwasser zu voller Größe öffnet, ist angelegt, warme Handschuhe und Wollmütze schützen vor dem garstigen Wind bei der Überfahrt. Gewöhnungsbedürftig ist das Übersteigen der dicken Ränder der Zodiacs, aber kräftige Hände der Matrosen sorgen dafür, dass wir trocken an Land kommen.
Heinz Aye, hoch dekorierter Kapitän, steuerte die MS Hanseatic souverän durch die Gewässer der Antarktis.
Heinz Aye, hoch dekorierter Kapitän, steuerte die MS Hanseatic souverän durch die Gewässer der Antarktis.
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Im Naturreservat auf New Island treffen wir auf riesige Kolonien von Felsen- und Makkaroni-Pinguinen. Die Weibchen sind eifrig damit beschäftigt, ihre Jungtiere zu füttern, die bis zum Einbruch des Winters in wenigen Wochen gelernt haben müssen, sich selbst zu versorgen. In der Kolonie herrscht hektisches Treiben. Riesenraubmöwen, so genannte Skuas, überfliegen das Gebiet. Sie halten Ausschau nach Beute, die sie meist in schwachen, nicht lebensfähigen jungen Pinguinen finden. Beeindruckend ist auch die akustische Kulisse. Wir konzentrieren uns auf einige Grüppchen von Pinguinen, die sich hektisch auf ihren „Autobahnen“ zwischen steinigen Nestern und dem Meer bewegen, um dort Futter für die Jungen herbeizuschaffen. Ungeduldig erwartet der Nachwuchs, dessen Federkleid flauschig grau ist, die Rückkehr der Mutter. Mit lautem Geschrei hoppeln die
Pinguine über die Nistplätze, umkurven sicher Dutzende von Artgenossen, um dann schließlich beim eigenen Nest wieder zu landen. Gierig „verschwindet“ das Junge im Schnabel der Mutter, um sich dort köstlichen schleimigen Brei abzuholen.
Wir kommen bei unserer zweiten Anlandung an diesem Tag auf der Falkland Insel Carcass ins Staunen. Wir sind zu Gast in einem malerisch ge-
legenen Farmhaus bei der schottischen Schafzüchter-Familie McGill. Das gleich bleibend milde Klima lässt in
dieser Region Zypressenbäume und Palmen wachsen, in denen Nachtreiher, verschiedene Sperlingsarten und Sumpf-
eulen brüten. Die McGills haben köstliche Törtchen und Kuchen gebacken. Der englische Tee darf nicht fehlen. Während des Polarsommers bessert man mit der Bewirtung der wenigen Kreuzfahrer die Familien-Kasse etwas auf.
Mit dem Besuch der Falk-land-Hauptstadt Port Stanley, die mit ihren 2 000 Einwohnern im Krieg zwischen Argentinien und England 1982 zu trauriger Berühmtheit gelangte, verlassen wir die Zivilisation. Von hier aus kann man noch einmal nach Hause telefonieren und den Lieben berichten, dass man bei Sonnenschein und zwölf Grad versucht hat, sich in einem alten Pub mit dem Geschmack des englischen Bieres anzufreunden.
Zurück an Bord, nehmen wir an einem „Recap“ teil, einem von Wissenschaftlern und Lektoren betreuten Informationsgespräch, bei dem sowohl die Erlebnisse des vergangenen Tages als auch die vor uns liegenden Anlaufpunkte besprochen werden. Das Team der Lektoren – Biologen, Historiker, Geologen, Meeresbiologen – ist für die „Expeditionsteilnehmer“ stets ansprechbar, an Bord und bei den Besuchen an Land.
Eine auf der Brücke installierte Kamera überträgt Live-Bilder in die Kabinen. So erfahren wir: erster Eisberg in Sicht. Als könnte er wie eine Fata Morgana wieder verschwinden, stürzen wir an Deck. Da liegt er im Sonnenlicht, ein riesiger Koloss, von hohen Wellen umspült, die ihm im Laufe der nächsten Monate und Jahre eine eigenwillige Form geben werden. Die bis zu 100 Meter aus dem Wasser ragenden Eisberge sind Bruchstücke der riesigen antarktischen Eisschelfs. An ihrer Farbe kann man in etwa das Alter dieser schillernden Ungetüme erkennen, die sich mithilfe der Meeresströmungen von hier aus auf die Reise nach Norden begeben. Zehn Jahre kann es dauern, bis ein Eisberg geschmolzen ist.
Bei Point Wilde war ursprünglich eine Anlandung geplant. Die vier ausgesandten Boote mit unseren Lektoren kommen zurück. Das Wetter ist plötzlich umgeschlagen, der Wellengang zu stark, Nebel kommt auf, und es drohen die katabanischen Fallwinde, die über die Gletscher fegen und von dort stark abgekühlt eisige Temperaturen auf die Meeresoberfläche bringen.
Als kleine Wiedergutmachung für die ausgefallene Anlandung liefert uns die Natur dann ein unvergessliches Erlebnis: In der Ferne entdecken wir kleine, graue Erhebungen auf der Wasseroberfläche, die aber schnell wieder verschwinden. Als MS Hanseatic sich der Stelle nähert, erklären uns die Biologen, dass es zwei Buckelwale sind, die auf unser Schiff zuschwimmen. Mit ihren riesigen Körpern durchpflügen sie die Wellen und mit ihrem gewaltigen „Blas“ lassen sie jegliches Gespräch an Bord verstummen. Ganz nah schwimmen sie an die Schiffswand heran, tauchen unter der Bugspitze her, um auf der anderen Seite mit ihrem massigen, glänzenden Rücken und dem majestätischen Geräusch der ausgestoßenen Luft wieder aufzutauchen. Ein markanter Tran-Geruch macht sich breit.
Bizarre Eisberge bei Elephant Island erinnern an Skulpturen von Henry Moore.
Bizarre Eisberge bei Elephant Island erinnern an Skulpturen von Henry Moore.
Der Kapitän hat das vordere Backdeck für die Expeditionsteilnehmer freigegeben. Inzwischen sind noch zwei weitere Wale hinzugekommen. Wäre die Bordwand nicht so hoch, man könnte die Heckflossen der Tiere berühren. Längst sind die Maschinen gestoppt. Andächtig und lautlos verfolgen wir das Schauspiel. Nur wenn sich die Köpfe der Buckelwale mit ihren rie-
sigen Blaslöchern zeigen, sind Fotografen und Video-Filmer nicht mehr zu halten. Eine Biologin flüstert uns zu, dass diese Buckelwale zwischen 16 und 19 Meter lang sind und etwa 30 bis 45 Tonnen wiegen. Dann das Finale: Einer der Kolosse steigt noch einmal aus dem Meer hoch und verabschiedet sich mit einer riesigen Fontäne.
Etwas weiter nördlich, auf Halfmoon Island, müssen wir uns von unseren Freunden, den Pinguinen, verabschieden. Als wollten sie uns eine letz-
te „Zugabe“ bieten, geben
sie noch einmal eine herrliche Vorstellung mit ihrem witzigen und tollpatschigen Gehabe. Renate Patzelt

Reise-Tipps: Veranstalter: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten GmbH, Ballindamm 25, 20095 Hamburg; Telefon: 0 40/30 01-46 00; Fax: 0 40/30 01-46 02; Internet:www.hlkf.de
Buchungen: In Reisebüros oder bei Hapag-Lloyd Kreuzfahrten GmbH
Reisezeit: Mitte Dezember bis Mitte Februar (arktischer Sommer)

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