Supplement: Reisemagazin

Ungarn: In der Hortobagy-Puszta

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): [6]

Wendt, Christoph

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LNSLNS Viermal am Tag hält der Zug nach Debrecen auf dem kleinen Bahnhof von Hortobagy, draußen, ein wenig vor dem Dorf gelegen, am Rande der Puszta. Gemütlicher und stilvoller kann man das Herz jener Landschaft nicht erreichen, die die Ungarn „die Stirne Gottes“ nennen. Gedanken an Piroschka und „Signalmachen“ können aufkommen bei diesem kleinen Pusztabahnhof, doch er ist weder Filmkulisse noch Romanfiktion, sondern Wirklichkeit.
Hortobagy-Puszta: Csikos mit Puszta-Pferd
Hortobagy-Puszta: Csikos mit Puszta-Pferd
Während der Zug ratternd in flimmernder Hitze am Horizont verschwindet, gehen wir über das schmale, staubige Sträßchen auf das Dorf zu. Dutzende von Gänsen geben uns ein schnatterndes Geleit. Störche klappern in ihren großen Nestern. Niedrige weiß getünchte Häuser, manche unter mächtigen Schilfdächern, scheinen sich hinter hohen Bretterzäunen zu verbergen. Sonnenblumen ragen hinter den Zäunen hervor, blühende Winden wuchern bis ans Dach, Tomaten und Paprika leuchten in den Gärten. Zimmer mit Frühstück verheißt eine Bäuerin in einem dieser verwunschen wirkenden Häuschen. „Guttes Fristick“, wie sie sagt, aber zum Abendessen müssen wir in die
Csarda. Der Name steht für jene typisch ungarischen Landgasthäuser, die es früher überall an den Landstraßen gab. Hier mag jener Tanz entstanden sein, der den Namen Csarda annahm und weltberühmt wurde. Seit mehr als 300 Jahren steht die Hortobagy-Csarda am Übergang über den Hortobagy-Fluss an der Landstraße von Budapest nach Siebenbürgen. Solche Csardas gibt es noch mehrere in der Hortobagy-Puszta hier im Osten Ungarns. Zum Teil sind sie renoviert, stehen sogar unter Denkmalschutz – wie die nahe gelegene Kardacsi-Csarda auch. Die steinerne Bogenbrücke, die sich bei der Hortobagy-Csarda über den Fluss spannt, ist Ungarns längste Steinbrücke und galt bei ihrer Erbauung im 17. Jahrhundert als technisches Meisterwerk.
Pörkölt lassen wir in der Csarda servieren, höllisch scharfes Pörkölt, das wir daheim ahnungslos Gulasch nennen. Gulasch indessen, so erfahren wir am nächsten Morgen im nahe gelegenen Hirtenmuseum, bedeutet nichts anderes als Rinderhirte. Der Name ging über auf die Fleischsuppe, die die Rinderhirten sich früher zubereiteten. Stierblut soll uns helfen, den Brand zu löschen, den das Pörkölt auf Zunge und Gaumen hinterlassen hat.
Aber Stierblut ist etwas Gefährliches. Dieser schwere, dunkle Rotwein aus den Bergen Nordungarns bei Eger benebelt die Sinne und kann zu verwegenen Gedanken führen. Könnten wir nicht, so sinnieren wir, während das Stierblut durch die Kehlen rinnt, zu Fuß durch die Puszta wandern? Hinaus zu den lang gestreckten Gehöften mit den Schilfdächern und den unübersehbaren Gänseherden? Zu den winzigen Hirtenhütten, oder zu den Herden, die wir als Ansammlung dunkler Punkte so eben noch erkennen können, da, wo in der Ferne Himmel und Erde ineinander zu verschwimmen scheinen? Wir Ahnungslosen! Wir haben keine Vorstellung davon, wie die Sonne auf diese Puszta brennen kann. Wie schnell sind wir von dieser Sonne verbrannt, verstaubt und durstig und noch gar nicht weit gekommen auf dem ausgefahrenen Weg. Einfach in das tischflache Land neben dem Weg hineinzu- laufen erweist sich schon beim ersten Versuch als mühsam. Immer wieder stolpern wir in Bodensenken, in denen Sumpf das Vorwärtskommen schwer macht, müssen wir Umwege machen, die wir nicht einkalkuliert haben. Vom nächsten Stierblut lassen wir uns nicht mehr verführen. Stattdessen besteigen wir am anderen Morgen eine Kutsche für einen geführten Ausflug in den Hortobagy-Puszta-Nationalpark.
Bei dieser mehrstündigen Fahrt bekommen wir alles zu sehen, was die Puszta sehenswert macht. Dazu gehört nicht nur die besondere Landschaft mit ihrer Pflanzen- und Vogelwelt – 230 verschiedene Vogelarten brüten hier – , sondern auch die Erhaltung jener einst für die ungarische Landwirtschaft so wichtigen und typischen Tierarten, die es heute nicht mehr oder nur noch selten gibt.
Wasserbüffel in der ostungarischen Puszta. Fotos: Christoph Wendt
Wasserbüffel in der ostungarischen Puszta. Fotos: Christoph Wendt
Das sind die mächtigen Wasserbüffel und die genügsamen Zackelschafe als wichtigste Nutztiere in der Puszta mit ihrem spärlichen Nahrungsangebot. Von weitem schon ist das mächtige Gestänge eines Ziehbrunnens in der weiten Landschaft zu sehen. Kulissengerecht um ihn aufgebaut, teils stehend, teils liegend und wiederkäuend, erwartet uns eine Herde grauer Breithornrinder. Dann kommt eine Herde rassiger Noniuspferde, die heranrast, dass die Hufe den Staub des Bodens aufwirbeln. Die Csikos, die Pferdehirten in ihren wehenden blauen Kitteln, sitzen oder stehen auf ihren edlen Tieren, führen dabei Kunststücke vor, als ob sie im Zirkus wären. Nicht weit vom Dorf entfernt liegt das Gestüt von Epona, das größte Noniusgestüt in Ostungarn mit 400 edlen Pferden. Hier in einer modernen Dorfanlage Urlaub zu machen kann die Träume aller Pferdeliebhaber erfüllen. Eine ganz andere Landschaft des Nationalparks erleben wir bei einer Bootsfahrt auf dem Hortobagyfluss, bei der wir vordringen in das Schilfdickicht, in welchem Seidenreiher, Löffler und die seltenen Nachtreiher leben. Die Puszta ist durchaus nicht nur das staubige, öde Steppenland, das man sich manchmal vorstellt.
c Auskünfte: Ungarisches Tourismusamt, Berliner Straße 72, 60311 Frankfurt/Main, Telefon: 0 69/9 29 11 90, Fax: 0 69/ 23 81 76 41 Christoph Wendt
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