ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2001Pharma-Standort Deutschland: Vertrieb statt Forschung

POLITIK

Pharma-Standort Deutschland: Vertrieb statt Forschung

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): A-3250 / B-2746 / C-2554

Flintrop, Jens

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LNSLNS Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller
beklagt die Rahmenbedingungen für Arzneimittelforschung und schlägt Gegenmaßnahmen vor.


Deutschland hat seine Stellung als weltweit führender Forschungs- standort für die pharmazeutische Industrie eingebüßt und liegt nur noch im Mittelfeld. Gründe hierfür sind Defizite bei der biomedizinischen Grundlagenforschung, der klinischen Forschung und den Zulassungsverfahren. Dies ist das Ergebnis der am 27. November in Berlin vorgestellten Studie „Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands als Standort für Arzneimittelforschung und -entwicklung“, die die Boston Consulting Group (BCG) im Auftrag des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) erstellte.
Prof. Dr. Bernhard Scheuble, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Merck KGaA in Darmstadt und neu gewählter VFA-Vorsitzender, mahnte eine Wende in der Forschungspolitik an, um im weltweiten Innovationswettbewerb wieder mithalten zu können. Deutschland habe sich zum Vertriebsstandort gewandelt. Obwohl der deutsche Markt der drittgrößte für die pharmazeutische Industrie sei, betrieben nur noch wenige Unternehmen ihre Forschung hierzulande, bestätigte Dr. Michael Steiner von Boston Consulting. Von den 130 Forschungsstandorten der 30 umsatzstärksten globalen Pharmakonzerne befänden sich derzeit nur zehn in Deutschland.
Der VFA fordert deshalb, die Förderung der Grundlagenforschung gezielt aufzustocken, damit sich rund um die akademischen Forschungszentren wieder vermehrt Unternehmen für eine Ansiedlung interessierten. Nach Erhebungen der Unternehmensberatung BCG ist die Forschungsförderung im biomedizinischen Bereich in Deutschland zu niedrig. Sie müsste um 1,5 Milliarden Euro jährlich erhöht werden, um zu den führenden USA aufschließen zu können. Um die klinische Forschung in Deutschland zu stärken, plädierte Scheuble dafür, dem Beispiel USA zu folgen und die Forschungszentren besser zu vernetzen. Denn trotz guter Rahmenbedingungen in Deutschland – wie einer hohen Facharzt- und Patientendichte – werde richtungweisende klinische Forschung zu selten durchgeführt. Qualitativ hochwertige klinische Studien würden, bezogen auf die Einwohnerzahl, in den USA doppelt, in Großbritannien sogar fünfmal so häufig veröffentlicht.
Ein weiteres Manko für den Pharma-Standort Deutschland ist nach Steiners Worten das „enttäuschende Abschneiden“ des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im internationalen Vergleich. So bearbeite die deutsche Zulassungsbehörde im gegenseitigen Anerkennungsverfahren noch nicht einmal halb so viele Anträge wie die britische Medicine Control Agency. Das BfArM müsse fachlich gestärkt werden, forderte Scheuble. Nur durch eine gut organisierte und effizient arbeitende Behörde sei ein schnellerer Zugang zu Innovationen für die Patienten gewährleistet.
Patrick Schwarz-Schütte – der den VFA-Vorsitz turnusgemäß für Scheuble frei gemacht hatte – hinterlässt seinem Nachfolger unter anderem ein Bündel Briefe zum „Ablasshandel“ (ein Zitat des Sachverständigenrates) mit der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin. Sämtliche VFA-Mitgliedsunternehmen hätten schriftlich zugesagt, ihren Anteil zu bezahlen. Bis zum 31. Januar müsse jedes VFA-Mitglied seinen Obolus auf ein Treuhandkonto überwiesen haben. Zur Erinnerung: Für 400 Millionen DM haben die forschenden Arzneimittelhersteller der Bundesregierung ihren Anteil am Arzneimittel-Sparpaket abgekauft. Ursprünglich sollten sie den Krankenkassen einen Preisabschlag von vier Prozent bei nicht festbetragsgebundenen Medikamenten in den Jahren 2002 und 2003 gewähren. Jens Flintrop
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