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Pro Juniorprofessur

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): A-3254 / B-2750 / C-2556

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Prof. Dr. med. Roland Wauer, Prodekan für wissenschaftlichen Nachwuchs der medizinischen Fakultät Charité, Humboldt-Universität Berlin
Prof. Dr. med. Roland Wauer, Prodekan für wissenschaftlichen Nachwuchs der medizinischen Fakultät Charité, Humboldt-Universität Berlin
DÄ: Herr Professor Wauer, das Hochschulrahmengesetz ist noch nicht in Kraft. Dennoch hat die Humboldt-Universität Berlin 40 Stellen für Juniorprofessuren, fünf davon an der medizinischen Fakultät, der Charité, ausgeschrieben. Was hat Sie bewogen, das Projekt bereits im rechtsfreien Raum zu starten?
Wauer: Wir hoffen, eine innovationsfreudige medizinische Fakultät zu sein, und sind stets offen für Erfolg versprechende neue Projekte. Ferner ergänzt das Konzept „Juniorprofessur“ ideal das bisherige Programm der Charité zur Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Für junge Nachwuchswissenschaftler/-innen mit einem erfolgreichen Forschungsgebiet fehlte uns bisher ein attraktives Förderprogramm, das Rückkehrwillige aus der EU und aus Übersee an die Charité zieht.
DÄ: Sehen Sie auch Nachteile bei der Juniorprofessur (JP)?
Wauer: Nachteile ergeben sich daraus, dass die ungelösten Struktur- und finanziellen Probleme der medizinischen Fakultäten bestehen bleiben, da diese Reform keine zusätzlichen Kosten verursachen darf. Es bleiben auch die Besoldungsunterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern bestehen, was besonders an der Charité gravierende Ungerechtigkeiten auslöst. Für die Fakultät bedeutet die Einführung der JP einen empfindlichen Verlust einer Graduierungsmöglichkeit, der Habilitation. Für die Wissenschaftler entstehen höhere psychische und physische Belastungen, die sich aus den gleichzeitig zu erbringenden Leistungen in der Lehre, Forschung, der eigenen Ausbildung und teilweise in der Krankenversorgung ergeben. Für sie bedeutet der Verlust des Titels „Privatdozent“ auch den Verlust eines akademischen Standes. Der Titel JP kann das nicht ersetzen, da er mit Auslaufen der sechsjährigen Förderung erlischt.
DÄ: Befürchten Sie, dass durch die Abschaffung der Habilitation das Qualitätsniveau der neu berufenen Professoren leidet?
Wauer: Unter dem Eindruck der kürzlich abgeschlossenen Bewerbungsrunde habe ich diese Befürchtung nicht, eher ist das Gegenteil der Fall. Von den 20 zum Vortrag und Bewerbungsgespräch geladenen Kandidaten/-innen konnten 90 Prozent die strengen, selbst gesetzten Kriterien für die JP erfüllen. Die Qualität der JP wird – so wie die von der Habilitation jetzt – von der Qualität der selbst gewählten Kriterien und von der Arbeit der Berufungskommissionen der Fakultät abhängen.
DÄ: Künftige Juniorprofessoren können sich nach dem Examen nur innerhalb eines Zeitfensters bewerben. Für Medizin beträgt dieses neun Jahre. Sehen Sie dadurch die Facharztqualifikation der Bewerber gefährdet?
Wauer: Die reguläre Facharztweiterbildung dauert in der Regel fünf bis sechs Jahre. Für diese Fächer sehe ich keine wesentlichen Schwierigkeiten, sich in dieses Zeitfenster einzuordnen. Einige wenige Fächer, wie beispielsweise die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, verlangen einen Facharzt in zwei Disziplinen. Aber auch sie ist in dieses Zeitfenster einpassfähig. Außerdem ist vorstellbar, dass ein JP im letzten Jahr seiner Ausbildung berufen wird und dann die Fakultätsleitung einen Vertrag aushandelt, der ihm die Beendigung der Weiterbildung ermöglicht. Trotzdem bleibt es abzuwarten, ob sich die JP in den klinischen Fächern bewähren kann. Schließt sich vor dem Facharztabschluss noch eine zwei- bis dreijährige Postdoc-Periode in den USA ohne ärztliche Tätigkeit an, könnten Probleme auftreten.
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