POLITIK

Kontra Juniorprofessur

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): A-3255 / B-2751 / C-2557

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Prof. Dr. med. Gebhard von Jagow, Dekan des Fachbereichs Medizin der Universität Frankfurt/Main, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT)
Prof. Dr. med. Gebhard von Jagow, Dekan des Fachbereichs Medizin der Universität Frankfurt/Main, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT)
DÄ: Sehen Sie in der Reform einen Fortschritt und eine Angleichung an die internationale Entwicklung?
von Jagow: Grundsätzlich begrüßt der Medizinische Fakultätentag (MFT) eine Gesetzgebung zur Verbesserung der Qualifizierungswege von Hochschullehrern und zur Steigerung der Attraktivität der Hochschullehrerlaufbahn in der Medizin. Der MFT befürwortet auch eine Reform des Besoldungsrechts zur Verbesserung der Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit der Hochschullehrerlaufbahn. Das jetzt vom Deutschen Bundestag verabschiedete Gesetz – das im Übrigen mit einer Beratungsresistenz durchgezogen wurde, wie ich sie selten erlebt habe – ist eine Reform mit guten Absichten, aber fragwürdigen Folgen und wird deshalb von uns abgelehnt. Die Abwanderung junger Wissenschaftler – weg von den Universitäten beziehungsweise ins Ausland – ist so nicht zu stoppen.
DÄ: Mit der Einführung der Junior-Professur soll gleichzeitig die herkömmliche Habilitation abgeschafft werden. Wird eine solche Regelung den medizinischen Fakultäten gerecht, und wird dadurch die deutsche Hochschule attraktiver für den wissenschaftlichen Nachwuchs?
von Jagow: Der MFT ist der Auffassung, dass die breite strukturelle und fachliche Differenzierung der Hochschulmedizin mehrere flexible Qualifikationswege erfordert. Eine alleinige Festlegung auf die Juniorprofessur wird den Anforderungen der klinischen Medizin nicht gerecht. Wir fordern daher, im neuen Hochschulrahmengesetz die Möglichkeit einer zeitlich gestrafften Habilitation – in der Regel kumulativ – als zusätzlichen Qualifikationsweg einzuräumen. Die Abschaffung der Habilitation auf kaltem Wege lehnen wir ab. Wer Wettbewerb an der Hochschule will, sollte ihn auch zwischen Junior-Professur und Habilitation zulassen.
DÄ: Welche finanziellen, personellen und organisatorischen Voraussetzungen bedingt eine solche Änderung der Hochschulkarriere und des Dienstrechts?
von Jagow: Sieht man von der zugesagten Anschubfinanzierung seitens der Bundesregierung ab, müssen die Gelder für die Ausstattung der Juniorprofessuren aus den eh schon zu knappen Budgets der Fakultäten geschaffen werden. In den klinischen Fächern wird es Probleme mit dem hohen Maß an Selbstständigkeit der Juniorprofessuren und ihrer Einbindung in die Patientenversorgung geben. Auch die Fragen der regelmäßigen Leistungsbeurteilung der künftigen Professoren sind noch ungelöst.
DÄ: Nach dem neuen Besoldungssystem sollen die rund 30 000 Professoren künftig etwa ein Viertel bis ein Drittel ihrer Bezüge nach Leistung erhalten. Neben guter Lehre und Forschung zählen dabei Funktionen wie Dekan oder Rektor. Sind die vorgesehenen Bezüge, Besoldungsgruppen sowie das Einstiegsgrundgehalt angemessen?
von Jagow: Nein, keineswegs. Wer international konkurrieren will, kann dies nicht mit Gehältern von Oberstudienräten. Die Berücksichtigung leistungsbezogener Besoldungskriterien ist grundsätzlich der richtige Weg. Eine Reform mit Kostendeckelung kann jedoch nur zu einer Umverteilung und nicht zur Strukturverbesserung mit genereller Leistungsmotivation und -steigerung führen, da die vorgesehenen Grundvergütungen unattraktiv und die Leistungszulage zu eng bemessen sind. Die deutschen Universitäten sind im internationalen Vergleich massiv unterfinanziert. Wer die Finanzen nicht verbessert, wird keine Spitzenkräfte bekommen.
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