Supplement: Reisemagazin

Liebe auf den zweiten Blick: Palermo

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): [12]

Junker, Uwe

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Palermo: die Kathedrale. Fotos: Uwe Junker
Palermo: die Kathedrale. Fotos: Uwe Junker
Längst hat Palermo sein negatives Image als Mafia-Metropole abgelegt. Wer sich etwas Zeit nimmt, um die Stadt am Tyrrhenischen Meer und ihre Umgebung zu erkunden, wird neben faszinierenden Spuren großer Kulturen und ursprünglichen Landschaften auch die wahre Seele Siziliens kennen lernen.
Mühsam quält sich der Bus der Reisegruppe durch ein heilloses Verkehrschaos. Völlig unabhängig von vorgegebenen Fahrspuren taucht aus jeder Richtung jemand auf, Anhalten an Zebrastreifen wird als Schwäche ausgelegt, mindestens einmal Hupen in der Minute scheint Bedingung zu sein, um als motorisierter Verkehrsteilnehmer anerkannt zu werden. „Es bleibt noch viel zu tun, gezielte Fahrverbote im historischen Zentrum haben die Situation aber bereits entscheidend verbessert“, versichert Lucia, die Reiseleiterin. Überhaupt hätten die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung erst vor Jahren begonnen, Maßnahmen zum Erhalt der historischen Bausubstanz einzuleiten. Auf unserem Weg zum Palazzo Federico passieren wir zuletzt die beiden pulsierenden Lebensadern Palermos, die Via Maqueda und den Corso Vittorio Emanuele II.
Zusammen mit seiner Frau und zwei Söhnen im Teenager-Alter bewohnt Graf Federico, ein Nachfahre des Stauferkönigs Friedrich II., einen alten Palazzo im Stadtzentrum. Die Gräfin, eine gebürtige Salzburgerin, genießt es, unsere Gruppe in ihrer Heimatsprache durch die alten Gemäuer führen zu können. Die zahlreichen großzügigen Räume mit ihren hölzernen Kassettendecken, Gemälden und filigranen Stuckarbeiten erinnern an die Paläste des Don Fabrizio Salina, der Hauptfigur in Tomassi di Lampedusas großartigem Sizilien-Epos „Il Gattopardo“, der Leopard. In den Palazzo Federico haben inzwischen auch die Errungenschaften der Neuzeit Einzug gehalten. Himmelbetten und Normannenfenster sind kein Hindernis für Videokassetten und Internet.
Wir dinieren stilvoll im großen Saal, dessen Stirnseite ein Flügel ziert, auf dem schon Richard Wagner spielte. Da darf das gerahmte Autogramm von Guiseppe Verdi an der Wand nicht fehlen. Unterstützt von einem befreundeten Pianisten, demonstriert uns Frau Gräfin, dass sie einst in Salzburg eine fundierte Gesangsausbildung erhielt.
Aus Palermos erster großer Blütezeit als arabisches „Balerm“ blieb auf den ersten Blick außer der idyllischen Basaratmosphäre auf dem Altstadtmarkt „Vuccheria“ wenig erhalten. Doch in den prachtvollen Hinterlassenschaften der Normannen harmonieren Orient und Okzident in höchster Vollendung. So glänzen in der Capella Palatina, dem wohl kostbarsten Architekturjuwel der Stadt aus dem 12. Jahrhundert, goldene byzantinische Mosaiken unter einer kunstvoll gestalteten arabischen Holzdecke.
Mumien in den Kapuziner-Katakomben
Mumien in den Kapuziner-Katakomben
Eine Viertelstunde Fußmarsch entfernt befinden sich die Katakomben des Convento dei Capuccini: 8 000 Mumien aller Altersgruppen, teils in schlichtem Leinen, teils in festlicher Kleidung vermitteln eine gruselig-ehrfurchtgebietende Stimmung. Kapuzinermönche und Angehörige reicher palermitaner Familien ließen sich hier vom 16. bis 19. Jahrhundert bestatten. Di Lampedusas Romanheld befallen nach einer durchfeierten Nacht erstmals Todesahnungen: „Schade nur, dass es nicht mehr erlaubt war, dort die Leichen in der Krypta am Hals aufzuhängen und dann zu sehen, wie sie langsam zu Mumien wurden: Er in seiner Größe und Länge hätte an jener Mauer eine prächtige Figur gemacht (. . .) recht, um die jungen Mädchen zu schrecken mit dem unverrückbaren Lächeln im ledern gewordenen Gesicht“, bedauert Don Fabrizio. Die Familiensaga spielt zur Zeit der Freiheitskämpfe unter Garibaldi, und diese Epoche hat den Liberty-Baustil hervorgebracht, der ein ganzes Stadtviertel prägt. Nicht wenige Palazzi sind bereits restauriert wie zum Beispiel die heutige Nationalbibliothek oder der Palazzo Comitini, Sitz der Regionalregierung. Aus den Gemäuern anderer sprießt noch Unkraut, doch dazwischen
herrscht überall lebensfrohes Treiben bis spät in den Abend hinein: Hochbetrieb in den palmenbestandenen Einkaufsboulevards, Ruhepause bei einem Capuccino und Klaviermusik live in einem Straßencafé an der Via Roma oder Kulturgenuss im „Teatro Massimo“ an der Piazza Verdi, dessen Vorhang sich nach über 20-jähriger, gelungener Restaurierung wieder hebt. Uwe Junker

Reise-Tipps: Reisezeit: Angenehme Temperaturen im Frühjahr und Herbst bis in den November hinein, die heißen Sommermonate sind für eine Erkundung der Region nicht zu empfehlen.
Anreise: Linienflug mit Alitalia über Rom oder Mailand nach Palermo, Preis rund 1 000 DM, Charterflug mit LTU von Düsseldorf direkt nach Catania, Preis etwa 600 DM. Entfernung Catania–Palermo circa 190 km auf der gut ausgebauten Autobahn A 19. Mietwagenanbieter an den Flughäfen, Preis für ein Fahrzeug der unteren Mittelklasse mit Klimaanlage etwa 600 DM.
Informationen: Staatliches Italienisches Fremdenverkehrsamt (ENIT): Karl-Liebknecht-Straße 34, 10178 Berlin, Telefon: 0 30/2 47 83 97, Fax: 0 30/2 47 83 99, Via Emanuele Notabartolo 11, 90141 Palermo, Telefon: 09/16/96 80 33, Fax: 09/16/96 81 23, Internet: www.sicily.cres.it
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