ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2001Psychische Erkrankungen: Depressive unterversorgt

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Psychische Erkrankungen: Depressive unterversorgt

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): A-3258 / B-2752 / C-2558

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie
und Nervenheilkunde informiert über Aktuelles aus der psychiatrischen Forschung und Versorgung psychisch Kranker.


Mehr Resonanz verspricht sich die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) davon, ihren Kongress ab sofort immer in Berlin und im einjährigen statt bisher zweijährigen Turnus stattfinden zu lassen. Jedenfalls haben sich diesmal rund 1 500 Besucher angemeldet, im vergangenen Jahr in Aachen waren es 300 weniger. Auch die Zahl der Journalisten bei der Eröffnungspressekonferenz war deutlich höher.
Prof. Dr. med. Matthias Berger, Vize-Präsident der DGPPN, wies auf aktuelle Schwerpunkte der Psychiatrie hin. So werden Aufmerksamkeitsstörungen im Erwachsenenalter (ADS) in letzter Zeit häufiger diagnostiziert. Von den geschätzten drei bis zehn Prozent der Kinder, die an dieser Erkrankung leiden, nehmen zehn Prozent ADS mit ins Erwachsenenalter. Die Prävalenz habe jedoch nicht zugenommen, sondern „die Erkrankung wird plötzlich als solche erkannt“, sagte Berger. Die typische Symptomatik bei Erwachsenen (unkonzentriert, chaotisch, leicht ablenkbar) sei bisher eher als Charakterschwäche angesehen worden. „In den 80er-Jahren wurde die Bulimie ,entdeckt‘, in den Neunzigern die Posttraumatischen Belastungsstörungen und zu Beginn des neuen Jahrtausends ADS bei Erwachsenen.“ Für therapeutisch wirksam hält Berger den Wirkstoff Methylphenidat, der auch in der Behandlung von Kindern eingesetzt wird, verbunden mit strukturierender Psychotherapie, vor allem Verhaltenstherapie.
Wie wirksam Suizid-Prävention sein kann, zeigen die Zwischenergebnisse des „Nürnberger Bündnisses gegen Depression“, eines Forschungsprojekts des Kompetenznetzes „Depression, Suizidalität“*. Die Suizidversuche in Nürnberg sind im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent zurückgegangen, Suizide haben sich sogar um 40 Prozent reduziert. Das auf zwei Jahre angelegte Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. med. Ulrich Hegerl, Psychiatrische Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, begann im Januar 2001 durch Plakate und Veranstaltungen die Bevölkerung über die Krankheit Depression zu informieren. Zuvor hatte eine repräsentative Telefonumfrage bei mehr als 1 400 Personen große Wissensdefizite aufgezeigt. Außerdem werden Hausärzte und Multiplikatoren gezielt fortgebildet. 70 bis 80 Prozent der depressiv Kranken werden in der Hausarztpraxis behandelt. Mit einer Prävalenz von sechs Prozent oder 3,1 Millionen Menschen ist die Depression eine der häufigsten Erkrankungen in der Bevölkerung, stellte der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen fest.
Die massive Unterversorgung Depressiver beklagte Prof. Dr. med. Jürgen Fritze, Geschäftsführer der DGPPN. Nur die Hälfte der depressiven Störungen würde erkannt; 20 Prozent davon würden richtig behandelt. Auf diese Versorgungsdefizite hatte bereits der Sachverständigenrat in seinem neuesten Gutachten hingewiesen und empfohlen, den hausärztlichen Bereich in den Mittelpunkt für Verbesserungen zu stellen: Unter anderem sollen psychiatrische Inhalte stärker in der allgemeinmedizinischen Weiter- und Fortbildung berücksichtigt werden; bei schwer depressiv Erkrankten sollte ein obligatorisches psychiatrisches Konsil erfolgen, und evidenzbasierte Leitlinien zur Erkennung und Behandlung depressiver Störungen sollten implementiert werden.
Psychische Krankheiten seien inzwischen die sechsthäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit, so Fritze. „Bei den Gründen für eine frühzeitige Verrentung haben sie die Muskel- und Gelenkerkrankungen vom ersten Platz verdrängt.“ Schizophrene beispielsweise werden im Durchschnitt mit 41 Jahren frühverrentet. Rund 10 Milliarden DM werden in Deutschland jährlich für die Schizophrenie, die teuerste psychische Erkrankung, aufgewendet. Fritze fordert eine Verbesserung der ambulanten Rehabilitation für schizophren Erkrankte. Bundesweit stünden lediglich 800 Behandlungsplätze zur Verfügung. Ob die Soziotherapie zur ambulanten Rehabilitation beiträgt, „muss abgewartet werden“. Die Soziotherapie soll schwer psychisch Kranken helfen, psychosoziale Defizite abzubauen, um ambulante Hilfen selbstständig in Anspruch nehmen zu können. Der Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen hat entsprechende Richtlinien (DÄ, Heft 48/2001) hierzu im August verabschiedet. Petra Bühring
Die Depression liegt bei der Schwere der Erkrankung und der Dauer der Beeinträchtigung vor allen anderen Krankheiten.
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