ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2001Geschichte der Medizin: Ärzte im Nationalsozialismus

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Geschichte der Medizin: Ärzte im Nationalsozialismus

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): A-3264 / B-2756 / C-2561

Rüther, Martin

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LNSLNS Neue Forschungen und Erkenntnisse zur Mitgliedschaft in der NSDAP


Zum Verhalten der deutschen Ärzte gegenüber dem Nationalsozialismus habe die historische Forschung im vergangenen Jahrzehnt zwar wichtige Einzelergebnisse, aber keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse zutage gefördert – so steht es im „Prolog“, den der kanadische Historiker Michael H. Kater 1999 der unveränderten deutschen Übersetzung seines 1989 erstmals erschienenen Buches „Doctors under Hitler“ voranstellte. Eine Überarbeitung und Aktualisierung seines Werkes, so Katers durchaus gewagte Behauptung, erübrige sich daher, zumal sich an der Grundaussage nichts geändert habe.
Dass ein näherer Blick auf den neuesten Forschungsstand nicht schaden kann, zeigen die folgenden Zahlen, die zumindest Katers Aussagen zur
NSDAP-Mitgliedschaft der deutschen Ärzte in ihrer Gültigkeit nicht unerheblich einschränken. Diese Zahlen führen jedoch nicht – wie manche gleich mutmaßen werden – zu einer Verharmlosung oder gar Reinwaschung, sondern im Gegenteil: Die bislang angenommenen Werte müssen offenbar nach oben korrigiert werden.
Katers Erhebungen basieren auf einer Stichprobe von 4 177 der insgesamt etwa 79 000 von 1936 bis 1945 in der Kartei der Reichsärztekammer registrierten Ärzte. Demnach gehörten 44,8 Prozent der deutschen Ärzteschaft der NSDAP an. Bei den Männern belief sich dieser Wert auf 49,9 Prozent, bei den Frauen auf 19,7 Prozent. Ihre volle Bedeutung entfalten solche Zahlen jedoch erst dann, wenn man sie in Relation zu anderen akademischen Berufsgruppen betrachtet. Etwa 25 Prozent der deutschen Lehrer traten von 1933 bis 1945 der NSDAP bei; auch die Juristen – gemeinhin als besonders „anfällig“ eingeschätzt – überschritten diesen Prozentsatz nie.
Ausgehend von einer anderen Stichprobe, die Kater auf der Grundlage der NSDAP-Mitgliedskartei erarbeitete – in der allerdings lediglich 76 Ärzte vertreten sind –, kam er zu dem Ergebnis, bis zum Jahr 1936 seien erst 35,5 Prozent der ärztlichen Parteimitglieder und damit rund 16 Prozent der deutschen Ärzteschaft in die NSDAP eingetreten. Die größte Beitrittswelle konstatierte Kater mit 43,4 Prozent für das Jahr 1937.
Dass diese Zahlen nicht zutreffen, wurde bereits 1997 gezeigt: Nach den Ergebnissen einer umfassenden statistischen Erhebung – abgedruckt in den damaligen regionalen Ärzteblättern – gehörten schon 1936 mehr als 30 Prozent der deutschen Ärzte, das heißt nahezu doppelt so viel wie von Kater vermutet, der NSDAP an. Angesichts solcher Werte kann kaum mehr davon ausgegangen werden, die Ärzte hätten – im Gegensatz zu anderen privilegierten Berufsgruppen – 1933 die weitere Entwicklung zunächst abgewartet und sich erst 1937 nach der wirtschaftlichen Stabilisierung mit dem Anstieg ihrer Einkommen, der Ausschaltung der jüdischen Kollegen sowie der Einrichtung der Reichsärztekammer in größerem Maße zum Parteibeitritt entschlossen. Diese Analyse Katers dürfte auch angesichts von gerade einmal 76 in seiner Stichprobe vertretenen Ärzten in dieser dezidierten Form kaum haltbar sein.
Über diesen zeitlichen Fokus auf das Jahr 1936 hinaus liegt nun weiteres ausführliches und höchst aufschlussreiches Zahlenmaterial vor, das im Rahmen einer Kölner Examensarbeit von Uwe Zimmermann aufgearbeitet wurde. Zur Vorgeschichte: Anfang 1944 wurde offenbar die Sicherheitsverfilmung der Reichsärztekartei angeordnet – wegen der Bedrohung des Münchener Dienstgebäudes der Reichsärztekammer durch alliierte Luftangriffe eine nahe liegende Maßnahme. In der Nachkriegszeit fanden die Mikrofilme ihren Weg ins Bundesarchiv, von dem sie dann 1959 an die Bundes­ärzte­kammer weitergeleitet wurden, um diese in die Lage zu versetzen, Anfragen von Ärzten mit ungeklärten Bestallungsverhältnissen zu klären. Seitdem lagern die Filme im Archiv der Bundes­ärzte­kammer.
Die Mikroverfilmung unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von den Originalkarteikarten, die im Bestand des ehemaligen Berlin Document Center im Bundesarchiv in Berlin aufgehoben werden. Während Letztere nach Kriegsende für juristische Belange in ihrer Gesamtheit in eine alphabetische Reihenfolge gebracht wurden, ist in der Mikroverfilmung noch die Originalzuordnung nach Bezirksvereinigungen der Reichsärztekammer erhalten. Diesen Umstand machte sich Zimmermann zunutze und nahm komplett die Daten der Karteikarten aus den Ärztekammern Köln-Aachen, Düsseldorf und Moselland (Koblenz-Trier) auf. Insgesamt hat er die Karteikarten von 6 187 in der Reichsärztekammer organisierten Ärzten – 5 966 von ihnen „Reichsdeutsche“ – in einer Datenbank erfasst.
Verglichen mit dem Kater-Sample von 1989, liegt nicht nur die absolute Zahl der aufgenommenen Ärzte (6 187 gegenüber 4 177) erheblich höher. Es handelt sich hier auch nicht mehr um eine Stichprobe mit möglichen Abweichungen, sondern um den tatsächlichen Ist-Bestand im beschriebenen Einzugsbereich vom Januar 1944. Im Folgenden werden die wesentlichen Ergebnisse der Auswertung Zimmermanns wiedergegeben (für detailliertere Einblicke sei auf Examens-
arbeit wie Datenbank verwiesen, die im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln eingesehen werden können).
56 Prozent der im „katholischen Rheinland“ registrierten Ärzte waren Mitglied oder Anwärter der NSDAP. Dieser Wert liegt immerhin mehr als 11 Prozentpunkte über dem von Kater, der allerdings reichsweite Gültigkeit beansprucht. Damit hatte der Anteil der Parteimitglieder unter den rheinischen Ärzten von 37,4 Prozent im Jahr 1936 bis 1944 um nahezu 19 Prozentpunkte zugenommen. Ob ein solcher Anstieg auch in anderen Regionen des Deutschen Reiches zu verzeichnen war, muss weiteren Forschungen vorbehalten bleiben. Ebenso die Frage, ob – wie Zimmermann vermutet – die hohen Werte für das Rheinland auf die alliierte Rheinlandbesetzung nach Ende des Ersten Weltkriegs und einen dadurch verstärkten Revanchismus zurückzuführen sind. Eine erste Auszählung für die 2 132 thüringischen Mediziner ergab im Vergleich tatsächlich sowohl einen niedrigeren absoluten Anteil an ärztlichen Parteimitgliedern (50,4 Prozent) im Jahr 1944 als auch einen leicht schwächeren Anstieg von den im Jahr 1936 verzeichneten 34,9 Prozent.
Bei der geschlechtsspezifischen Verteilung kommt es zu der erwarteten Verschiebung: In der von Männern dominierten NSDAP waren 60,3 Prozent der rheinischen Ärzte organisiert. Bei deren Kolleginnen betrug die entsprechende Quote 24,6 Prozent. Kater kam auch hier auf weitaus niedrigere Werte von 49,9 Prozent und 19,7 Prozent. Interessant ist das Ergebnis auch bezüglich der konfessionellen Verteilung der Ärzte unter den NSDAP-Mitgliedern. Während Kater für das gesamte Gebiet des Deutschen Reichs eine erhebliche Differenz ermittelte (protestantische Ärzte sollen zu 49,1 Prozent, katholische Ärzte „nur“ zu 35,1 Prozent Mitglied der NSDAP gewesen sein), gestaltet sich das entsprechende Ergebnis für das Rheinland überraschend ausgeglichen: Während 54,7 Prozent der katholischen rheinischen Ärzte Mitglieder in der NSDAP waren, lag die Quote bei den Protestanten bei 57,5 Prozent.
Anders als bei der Parteimitgliedschaft sind die auf der Kater-Stichprobe basierenden Zahlen für Eintritte von Ärzten in SA und SS höher als jene für das Rheinland. Kater verzeichnet hier 26 Prozent und 7,2 Prozent, während Zimmermanns Auswertung lediglich Werte von 23 Prozent und 3,6 Prozent ergibt.
Bei Addition sämtlicher Ärzte, die Mitglied in der NSDAP und/oder in einer anderen Parteiorganisation oder -gliederung (zum Beispiel SA, SS, HJ, NSKK) waren, ergibt sich für die knapp 6 000 rheinischen Ärzte der erstaunliche und erschreckende Wert von exakt 74 Prozent. Kater hatte 69,2 Prozent errechnet. Demnach waren drei Viertel aller Mediziner im Rheinland in irgendeiner Weise institutionell mit dem NS-System verflochten. Wohlgemerkt: Einen Zwang hierzu gab es nicht.
Zimmermann ermittelte auch – zum Teil beträchtliche – Unterschiede zwischen den einzelnen Bezirksvereinigungen. Wiesen Bonn und Mönchengladbach etwa Mitgliedszahlen von „nur“ 45,2 Prozent und 46,2 Prozent auf, so lagen die Großstädte Köln und Düsseldorf mit 58,1 Prozent fast gleichauf in der „Spitzengruppe“, übertroffen nur von Aachen (62,1 Prozent) und Siegburg (70,7 Prozent). Es ist relativ schwer, diese Werte im Einzelnen zu beurteilen, da häufig lokale Faktoren das politische Verhalten beeinflussten, die aufgrund fehlender Spezialuntersuchungen nur schwer zu fassen sind. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Gegenden, in denen die NSDAP bei den Reichstagswahlen im März 1933 weit unter dem Reichsdurchschnitt von 43,6 Prozent lag (zum Beispiel Aachen 26,7 Prozent, Köln 31,7 Prozent) und denen deshalb lange Zeit ein erhebliches Resistenzpotenzial gegen die NS-Ideologie unterstellt wurde, einen extrem hohen
NSDAP-Mitgliedsbestand innerhalb der Ärzteschaft verzeichneten.
Mit Zimmermann gilt es gegenwärtig festzuhalten, dass die Annahme einer größeren NS-Affinität protestantischer Ärzte zumindest für das Rheinland nicht aufrechtzuerhalten ist. Vielmehr waren es offenbar sozioökonomische Faktoren, wobei eine Differenzierung in Allgemeinmediziner, Fachärzte und angestellte beziehungsweise beamtete Ärzte den Schluss nahe legt, dass Erstere wie Letztere eine weitaus größere Nähe zur NSDAP zeigten als ihre spezialisierten Kollegen, wobei in aller Regel die ländlichen Gebiete einen höheren Anteil
an NSDAP-Mitgliedschaften aufwiesen. Für weitergehende und verlässlichere Schlussfolgerungen wäre es sicherlich sehr hilfreich, wenn die Verhältnisse in weiteren Ärztekammerbezirken einer genauen Analyse unterzogen würden. Aufgrund des mikroverfilmten Bestandes wäre dies mit überschaubarem Aufwand schrittweise durchaus realisierbar. Dr. phil. Martin Rüther

Literatur
Kater MH: Ärzte als Hitlers Helfer. Hamburg/Wien 2000 (unveränderte Übersetzung der englischsprachigen
Fassung von 1989).
Rüther M: Ärztliches Standeswesen im Nationalsozialismus 1933–1945. In: Jütte R (Hg.): Geschichte der deutschen Ärzteschaft. Köln, 1997; 143–193.
Zimmermann U: Organisierte Ärzte in der NS-Ära: Überblick mit Spezialstudien zu den Ärztekammern Köln-Aachen, Düsseldorf, Moselland. Examensarbeit, Universität zu Köln, 1999.
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