THEMEN DER ZEIT: Glosse

Bänderriss

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): A-3266 / B-2625 / C-2377

Pfafferoth, Barbara

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Ich habe mir einen Bänderriss zugezogen. Es geschah plötzlich und unerwartet an einem Donnerstagmorgen auf dem Weg zur Arbeit.
Einen Tag lang schleppte ich tapfer meinen dicken Fuß umher, dann ging ich zum Arzt. Der versah mich 1. mit einer Diagnose (Bänderriss), 2. mit einer Schiene und 3. mit einem Termin in sieben Wochen.
Von da an kam es zu radikalen Veränderungen. Ich verbannte meine hochhackigen Pumps in den Schrank und erwarb eine Kollektion verschiedenfarbiger Turnschuhe und ein Sortiment Heftpflaster in verschiedenen Formen und Ausführungen gegen die Druckstellen der Schiene.
Bei meinen Kunden kam es zu besorgten Nachfragen, entweder man vermutete eine Sportverletzung, oder man hörte meiner Darstellung teilnahmsvoll zu, um dann umgehend mit der Schilderung eines eigenen Leidens, sei es vergangen oder gegenwärtig, zu beginnen.
Ich lernte alles über sämtliche Bänderverletzungen überhaupt, den Verlauf und die Behandlung von Knochenbrüchen verschiedenster Art, die Ursache und Entwicklung einer Kniescheibenzertrümmerung, den schmerzhaften Verlauf einer Gesichtsrose und der langwierigen Geburt von Zwillingen. Ich gewann zwei neue Freunde, einen Achillessehnenriss und einen Knöchelbruch.
Wegen der großen Resonanz gründete ich eine Selbsthilfegruppe und eine Gesellschaft „Bändergerissener e.V.“.
Wir arbeiten gerade an einem Diätprogramm für Bänderrissgeschädigte und werden dann eine Broschüre herausbringen: „Gewichtszunahme bei Bänderrissen, was nun?“ Wir bemühen uns um einen Sitz in der Welt­gesund­heits­organi­sation. Es gibt bereits Tochtergesellschaften in den Niederlanden und der Schweiz. Erste Kontakte in die USA wurden auch schon geknüpft.
Die Gründung einer politischen Partei ist angedacht, wobei sich bedauerlicherweise jetzt schon Richtungskämpfe zwischen operierten und nichtoperierten Bänderrissen andeuten. Auch gibt es eine Hierarchie zwischen Einfach-, Zweifach- und Dreifachgerissenen. Wobei die Einfachgedehnten nur geringe Chancen haben, denn sie verfügen über keine Lobby.
Auch kulturell haben wir einiges getan. Wir haben einen Film „Fußkrank in Gelsenkirchen“ gedreht, der demnächst in die Kinos kommt, und es wurde eine Band gegründet mit dem Namen „Damaged Feet“. Ihr erster Song heißt „Renn, wenn Du kannst“ und geht demnächst in die Charts. Einer unserer Mitarbeiter bietet einen Volkshochschulkurs an „Wie stürze ich richtig?“, der gut besucht ist. Unsere Zeitschrift „Bandsalat“ verkauft sich schon seit Wochen ausgezeichnet.
Der neu gegründete Sportverein heißt „Außer Rand und Band“, es gibt inzwischen eine Stiftung für alkoholgefährdete Bänderrissangehörige.
Ich habe inzwischen meinen Psychoanalytiker entlassen (ich bekomme jetzt so viel Zuwendung) und meinen Job bei der Bank gekündigt. Ich bin voll ausgelastet und beschäftige noch einen PR-Manager.
Es hätte alles so schön weitergehen können, da brach ich mir vorige Woche den Arm. Barbara Pfafferoth
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