ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2001Mikulicz-Radecki: Richtigstellung

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Mikulicz-Radecki: Richtigstellung

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): A-3279 / B-2767 / C-2570

Kausch, Klaus

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Im Text zum Bild von der Kranzniederlegung wird Mikulicz-Radecki als einer „der bekanntesten polnischen Ärzte“ bezeichnet. Dahin also ist es gekommen. Ich traute meinen Augen nicht.
Bis vor etwa vierzig Jahren zählte Mikulicz weltweit mit größter Selbstverständlichkeit zu den herausragenden Persönlichkeiten deutscher Medizin, obwohl seine väterlichen Vorfahren altem litauisch-polnischem Adel entstammten. Schon sein Vater, kaiserlicher Rat und Cameralbaumeister in Czernowitz (Bukowina), war ganz und gar in Österreich integriert. Und durch die Mutter, eine geborene von Damnitz, wuchs er in einem rein deutschen Elternhaus in multikultureller Umgebung auf. Er besuchte nur deutsche Schulen und studierte in Wien, wo er Assistent von Billroth wurde.
Nach seiner Heirat mit einer Wienerin musste Mikulicz, damaligem Brauch gemäß, die Klinik verlassen. Er hätte auf eine weitere akademische Laufbahn verzichten müssen, wenn nicht gerade der Lehrstuhl in Krakau vakant geworden wäre. Dort hätte man gern einen polnischen Bewerber bevorzugt. Aber Billroth setzte die Berufung seines Schülers durch, und Mikulicz besserte in kurzer Zeit seine bisher geringen Kenntnisse der in Krakau notwendigen polnischen Unterrichtssprache auf. Um den zu erwartenden Widerstand gegen den aus Wien aufgezwungenen Österreicher möglichst schnell zu überwinden, betonte Mikulicz in seiner Antrittsvorlesung, Polnisch sei ebenso seine Muttersprache wie die seiner Hörer. Diese Erklärung wird jetzt gern als Beweis für sein Polentum angeführt. Mikulicz blieb nur fünf Jahre in Krakau. Sobald sich die erste Gelegenheit im deutschsprachigen Raum bot, wechselte er zuerst nach Königsberg, dann nach Breslau, wo er bis an sein Lebensende wirkte. Sehr bald nahm er die preußische Staatsangehörigkeit an und wurde Generalarzt à la suite. Von Breslau reichte sein Wirkungskreis weit in den Osten. So pflegte er weiter die Beziehungen nach Krakau, ließ viele seiner Arbeiten auch in polnischen Fachzeitschriften veröffentlichen und beschäftigte polnische Assistenten in seiner Klinik.
War er deshalb ein Pole? Sein Familienleben glich dem anderer deutscher Hochschulprofessoren. Seine Kinder gründeten deutsche Familien, aus denen fünfundzwanzig deutsche Enkel hervorgingen. Einer von diesen bin ich.
Persönlich habe ich meinen Großvater nicht mehr kennen gelernt. Nach allem, was ich über ihn erfahren habe, war dem gebürtigen Buchenländer die Nationalität völlig gleichgültig. Entscheidend waren ihm ideale Arbeits- und Forschungsbedingungen, gleich ob in Polen, Deutschland oder gar in Amerika. Mit Ehrgeiz und starkem Willen verfolgte er sein Ziel: bei den Fortschritten der modernen Chirurgie an vorderster Front mitzuwirken. Das ist ihm in Breslau gelungen. Dort fand er ideale Arbeits- und Lebensbedingungen. Dort liegt er begraben. Inzwischen ist Schlesien polnisch geworden. Dass man heute das Mikulicz-Andenken nicht mehr in Deutschland, sondern in Polen pflegt, ist dankenswert, führte aber auch seine Verwandlung in einen Polen herbei. Bleibt nur die Frage, ob dies der deutschen Ärzteschaft gleichgültig ist und ob sie guten Gewissens zusehen darf, wie einer ihrer bedeutendsten Pioniere allmählich in eine andere Ecke geschoben wird. Eine deutsch-polnische Annäherung, die ich sehr begrüße, muss auf Wahrheit gebaut werden. Dass Mikulicz-Radecki ein „bekannter polnischer Arzt“ gewesen ist, ist nicht die Wahrheit. Wenn auf dem Weg zur deutsch-polnischen Verständigung ein deutscher Mikulicz nicht akzeptabel ist, dann kommt ihm die Bezeichnung „Kosmopolit“, „Buchenländer“ „Österreicher polnischer Abstammung“ oder „Europäer östlicher Prägung“ am nächsten.
Dr. med. Klaus Kausch, Karl-Wagenfeld-Weg 6, 45894 Gelsenkirchen
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