ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2001Antibiotikum Ketek: Hohe Affinität zum bakteriellen Ribosom

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Antibiotikum Ketek: Hohe Affinität zum bakteriellen Ribosom

Dtsch Arztebl 2001; 98(49): A-3310 / B-2683 / C-2422

Nickolaus, Barbara

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LNSLNS Weltweit ist die ambulant erworbene Pneumonie eine der häufigsten akuten Erkrankungen mit hohem Mortalitätsrisiko. Trotz strenger Indikationsstellung werden auch in Deutschland zunehmend mehr Antibiotikaresistenzen festgestellt. Um Resistenzen, die es aufgrund der genetischen Variabilität der Erreger wohl immer geben wird, entgegenzuwirken, wurde seit den 90er-Jahren mit der chemischen Modifikation von Strukturen bewährter Substanzen begonnen. Mit der Gruppe der Ketolide ist jetzt eine neue Substanzklasse auf dem Markt, die indiziert sind bei ambulant erworbener Pneumonie, akuter Exazerbation der chronischen Bronchitis, akuter Sinusitis, Tonsillitis und Pharyngitis (ab zwölf Jahre).
Bei dem Wirkstoff Telithromycin (Ketek®, Aventis Pharma) handelt es sich um eine Substanz gegen ambulant erworbene typische und atypische Atemwegserreger. Zudem erfasst sie Penicillin- und Makrolid-resistente Pneumokokken. Wie Prof. Fritz H. Kayser (Zürich) bei einer Pressekonferenz in Berlin sagte, zeigt Ketek innovative Strukturmodifikationen gegenüber den herkömmlichen Makroliden; hierdurch entsteht ein resistenzabwehrendes antibakterielles Profil. Die 11,12-Carbamat-substituierte Seitenkette und die 3-Keto-Gruppe sind bei Telithromycin bestimmend für eine verstärkte Affinität zum Ribosom, eine überlegene antibakterielle Aktivität, keine Induktion von MLSB-Resistenz (auch resistente Varianten werden selektioniert) und eine hohe Säurestabilität.
Dr. Tobias Welte (Magdeburg) erklärte, dass die stetig ansteigende Zahl Penicillin-
G-resistenter Pneumokokken meist auch verbunden mit einer Erythromycin-Resistenz ist. So gab es 1997 in Deutschland noch keine Penicillinresistenz, wohl aber bereits 1999. Die Erythromycin-Resistenz und die gegen Cephalosporine liegt in Deutschland bei 15 bis 25 Prozent, überwiegend ausgelöst durch zu kurze Behandlungsdauer, Unterdosierung oder Complianceprobleme. Hämophilus influenza und Moraxella catarrhalis zeigen in zehn Prozent Resistenzen gegen Ampicillin und Chinolone.
Hinzu kommt, dass die steigende Zahl hochbetagter Menschen in Alten- und Pflegeheimen auch typische Hospitalismuserreger in den ambulanten Bereich bringt. Gerade in dieser Situation stellen die Ketolide eine neue Hoffnung bei ambulant erworbenen Atemwegserregern dar. Die zweifache Bindung des Antibiotikums an ribosomale Strukturen von Bakterien führt zur Hemmung der Proteinbiosynthese, sodass sich die Erreger nicht weiter vermehren können. Die Affinität von Ketoliden zum bakteriellen Ribosom ist zehnfach höher als bei herkömmlichen Makroliden. Dadurch entsteht eine erhöhte Wirksamkeit der Substanz. Die zweifache Bindung der Ketolide an der Domäne II und V verhindert, dass selbst im Falle der Resistenzentwicklung an einer Domäne die therapeutische Wirksamkeit nicht eingeschränkt wird, da Telithromycin dann immer noch an der anderen Domäne eingreift.
Welte betonte, an sich seien Ketolide bakteriostatisch, aber gerade bei Pneumokokken wirken sie vielfach auch bakterizid. Bei der empfohlenen Tagesdosis von 800 mg werden alle wesentlichen Erreger erfasst wie zum Beispiel Pneumokokken, atypische Erreger, Hämophilus, Moraxella und Staphylokokken. Die Metabolisierung erfolgt vorwiegend über die Leber. In zehn Zulassungsstudien und einer Vielzahl multizentrischer, randomisierter, doppelblinder Studien erwies sich Ketek in der Einmalgabe 800 mg/die im Vergleich zu Standardantibiotika Amoxicillin/Clavulansäure, Clarithromycin, Trovafloxacin oder Cefuroxim gegenüber typischen oder atypischen Erregern von Atemwegserkrankungen als mindestens gleichwertig.
Die 5-Tage-Behandlung zeigte die gleiche Wirksamkeit wie die 10-Tage-Behandlung. Bei der ambulant erworbenen Pneumonie muss die Behandlungsdauer bei sieben bis zehn Tagen liegen. Die Heilungsrate betrug bei ambulant erworbener Pneumonie 94,6 Prozent, bei der akuten Exazerbation der chronischen Bronchitis 89,2 Prozent, bei akuter Sinusitis 91,1 Prozent, bei Tonsillitis/Pharyngitis über 94 Prozent.
Alle klinischen Studien zeigten Ketek als gut verträgliches Antibiotikum. Die Nebenwirkungen betrafen den Gastrointestinaltrakt. Für Interaktionen mit häufig verordneten Medikamenten (Theophyllin, Ranitidin, orale Kontrazeptiva) gab es keinen Hinweis. Kontraindikationen bestehen beim Einsatz von Mutterkornalkaloiden, Timocid, Terfenadin, Midazolam, Statinen. Dr. Barbara Nickolaus
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