ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2001Medizinprodukteindustrie: Sparen trotz Innovation

POLITIK

Medizinprodukteindustrie: Sparen trotz Innovation

Dtsch Arztebl 2001; 98(50): A-3344 / B-2817 / C-2615

Flintrop, Jens

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LNSLNS Neue Behandlungsmethoden durch innovative Medizintechnologien und sinkende Kosten schließen sich nicht aus, meint der Bundesverband der Medizintechnologie.

Weil sie Folgekosten verringern, kommen innovative Medizintechnologien nicht nur den Patienten zugute, sondern sorgen auch für Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen im Gesundheitssystem. Mit diesem Argument plädiert der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) für innovationsfreundlichere Rahmenbedingungen für seine Mitgliedsunternehmen. Innovationen in der Medizintechnologie müssten stärker gefördert und schneller in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) aufgenommen werden.
Oftmals werde in der öffentlichen Diskussion unterstellt, dass neue Verfahren und Therapien gleichbedeutend mit steigenden Kosten seien, sagte Joachim M. Schmitt, BVMed-Geschäftsführer, Ende November in Berlin: „Dies ist aber eine einseitige und in vielen Fällen falsche Sichtweise.“ Viele Innovationen, wie beispielsweise die minimalinvasive Chirurgie, führten zu kürzeren Liegezeiten im Krankenhaus und somit zu einer wirtschaftlicheren Versorgung der Patienten bei besserer Qualität. Neue Behandlungs- und Operationsmethoden verkürzten die Genesungszeiten und ermöglichten den Patienten, schneller wieder zu arbeiten.
Schmitt benannte fünf Innovationshemmnisse, die beseitigt werden müssten:
- Budgetierung: Die einnahmenorientierte Ausgabenpolitik in Verknüpfung mit einer Beitragssatzstabilität ist nach Auffassung des BVMed „der größte Bremsklotz“ bei der Einführung neuer Technologien. Budgetierungen seien innovationshemmend und führten zur Rationierung. Es bestehe die Gefahr, dass Deutschland infolge der sektoralen Budgets bei medizinischen Neuerungen den Anschluss an die internationale Spitze verliere.
- Technologiebewertung: Unzufrieden ist der BVMed auch mit den Bewertungsverfahren für neue Technologien. Nötig sei hier Transparenz und keine Diskussion „hinter verschlossenen Türen“. Der Verband fordert eine Antrags-, Mitwirkungs- und Einspruchsmöglichkeit bei den Beratungen der Bundesausschüsse „Ärzte und Krankenkassen“ und „Krankenhaus“. In einem ersten Schritt schlägt der Verband der Politik eine bessere Mitwirkungsmöglichkeit der Industrie durch eine fallbezogene Expertenbenennung im Bundes­aus­schuss „Krankenhaus“ vor.
- Übergangszeit bis zur Einführung von Fallpauschalen im Krankenhaus: Der BVMed begrüßt zwar die Einführung von Fallpauschalen, befürchtet aber, dass Innovationen bis zur „Scharfschaltung“ des neuen Vergütungssystems nicht ausreichend berücksichtigt werden. Nach Einführung der Diagnosis Related Groups sei es darüber hinaus wichtig, neue Medizintechnologien schnell in das System einzubinden.
- Restriktives Vorgehen von Staatsanwaltschaften: Sorge bereitet der Industrie auch das restriktive Vorgehen von Staatsanwälten beim Sponsoring. Die Zusammenarbeit zwischen Industrie, Krankenhäusern und Ärzten sei politisch gewünscht. Wenn die Drittmittel nicht mehr eingeworben werden könnten, laufe die Forschung Gefahr, zusammenzubrechen. Schon jetzt sei ein Rückzug der Industrie aus der Drittmittelförderung zu beobachten. Problem sei, so Schmitt, die Abgrenzung des zulässigen Sponsorings zur Korruption im Einzelfall. Hier sei der Gesetzgeber gefordert, für mehr Klarheit zu sorgen.
- Stille Rationierung: Als innovationshemmend bezeichnete Schmitt auch die zunehmende „stille Rationierung“ in den Krankenhäusern. Wenn Patienten kurz vor einer angesetzten Implantat-Operation wieder nach Hause geschickt würden und finanzielle Gründe ausschlaggebend seien, müsse dies auch durch eine eindeutige Dokumentation der Anwender deutlich werden. Die forschende Industrie plädiert für mehr Transparenz und Planungssicherheit.
Angesichts der Diskussionen um eine Gesundheitsreform 2003 verdeutlichte der BVMed auch seine „Bausteine“ für eine Weiterentwicklung des Gesundheitssystems. Der Verband fordert neue strukturpolitische Rahmenbedingungen, die sich am medizinischen Bedarf orientieren. Die einnahmenorientierte Ausgabenpolitik, gekoppelt an die Beitragssatzstabilität, sei nicht zukunftsfähig. Zudem müsse ein neues Finanzierungsmodell für die GKV eingeführt werden, in dem die Eigenverantwortung eine größere Rolle spiele. Grundvoraussetzung, um Rationalisierungsreserven im Gesundheitswesen zu beseitigen, ist nach Auffassung des BVMed, dass mehr Transparenz und mehr Wettbewerb eingeführt werden, beispielsweise durch Benchmarking. Darüber hinaus müsse auch die Diskussion über Gesundheitsziele vorangetrieben werden. Jens Flintrop
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