ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2001Alten- und Pflegeheime: Gigantische Pflegebürokratie

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Alten- und Pflegeheime: Gigantische Pflegebürokratie

Dtsch Arztebl 2001; 98(50): A-3350 / B-2821 / C-2618

Bämayr, Argeo

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die psycho-somato-sozialen Bedürfnisse der pflegebedürftigen Heimbewohner werden zugunsten eines ausufernden
Dokumentationswesens vernachlässigt.


Mit der Einführung der Pflegeversicherung 1994 findet mittels 112 Paragraphen eine gewaltige Prioritätenverschiebung von den psycho-somato-sozialen Bedürfnissen der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen hin zu bürokratischen Einstufungs- und Kontrollzwängen einer Medizinalbürokratie statt. Allein für den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) werden in der Pflegeversicherung 500 Millionen DM aufgewendet; darin sind die Kosten des Pflegepersonals für den riesigen Dokumentationsaufwand nicht beinhaltet – eine Zweckentfremdung von Versicherungsbeiträgen? Die mit der steigenden Bürokratie einhergehende Qualitätseinbuße bis hin zum „aufgezwungenen Pflegeverzicht“ entzieht den Bewohnern ihre Grundrechte. Die Forschungsgemeinschaft „Menschen in Heimen“ an der Universität Bielefeld fordert deshalb eine „Enquete der Heime“ mit dem Ziel der Auflösung der Heime zugunsten eines ambulanten „Pflegemix“ (DÄ 31–32/2001).
Ein hoher Anteil der Arbeitskraft des Pflegepersonals wird dazu eingesetzt, mit einer Buchführung über die Bewohner auf den alles entscheidenden Tag im Jahr hinzuarbeiten, an dem die Kontrolleure des MDK oder der Heimaufsicht über das Wohlergehen des Heimes – nicht der Bewohner – entscheiden. Geprüft wird nicht die psycho-somato-soziale Befindlichkeit der Bewohner, sondern die pflegeverwalterische Buchführung, die in 13 verschiedenfarbigen, täglich zu führenden Blättern mit 114 Einzelangaben eine minutiöse Aufstellung aller einzelnen Handgriffe am Bewohner in Verbindung mit dessen Einfuhr- und Ausscheidungsereignissen nachzuweisen hat. Neben den Blättern für tägliche Berichte, Dekubitusverlauf, Vitalzeichen, Vitalzeichenkontrolle, Fragen an den Arzt/ärztliche Anordnungen, Medikamente und Pflegeplanung (drei gelbe Blätter) ist die Grundpflege anhand von 63 Merkmalen und die Behandlungspflege anhand von 44 Merkmalen jeweils in einer Tabelle zu dokumentieren, und dies dreimal pro Tag: in zwei blauen Tabellen vom Frühdienst, in zwei grünen Tabellen vom Spätdienst und in zwei rosa Tabellen vom Nachtdienst. Die Handgriffe des Pflegepersonals, wie zum Beispiel „Haare kämmen“, „Rasur“, „Slipwechsel“, „Bekleidungswechsel teilweise“, „Toilettengang“, müssen in Minutenvorgaben erfüllt und dann innerhalb der mit 13 Blättern bestückten Kladde pro Bewohner dokumentiert werden.
Anhand dieser Dokumentationen – gleich ob beim Bewohner tatsächlich durchgeführt oder nicht – errechnet sich der Personalschlüssel des Altenheimes und das Einkommenspotenzial. Je besser das Pflegepersonal ausgebildet ist, umso mehr Zeit verbringt beispielsweise der hoch qualifizierte Psychiatriepfleger hinter Glas im „Stützpunkt“ beim Dokumentieren in Kladden, und je weniger qualifiziert das Personal ist, umso häufiger wird es mit dem Bewohner und dessen Bedürfnissen allein gelassen. Kein Zweifel, so wie die Qualität der pflegeverwalterischen Buchführung steigt, so sinkt – schon aus zeitlichen Gründen – umgekehrt proportional die Qualität der zwischenmenschlichen Betreuung.
Das am 13. Juli 2001 verabschiedete „Pflegequalitätssicherungsgesetz“ ist zur Qualitätsverbesserung der psycho-somato-sozialen Befindlichkeit von Altenheimbewohnern nicht in der Lage und sichert stattdessen nur die Bürokratie ab. Es konterkariert die ursprünglich positiven Absichten, weil der Gesetzgeber nicht begreifen will, dass er mit jedem zusätzlich geschaffenen Paragraphen einen neuen Bürokratieschub erzeugt.
Erschwerend hinzu kommt die Verknüpfung der Höhe des Pflegegeldes mit dem Schweregrad der Pflegebedürftigkeit. Der Profit des Pflegeheims hängt von der Anzahl der höhergradig Pflegebedürftigen ab, sodass ein Sog auf die höhergradige und somit besser honorierte Pflegebedürftigkeit entsteht. Das Streben der Heimeigner ist darauf gerichtet, durch die minutiöse Kladdenführung den Kontrollbehörden den höhergradigen Schweregrad dokumentierend zu vermitteln. Im Rahmen der häuslichen Pflege durch Angehörige ist dieser Verwaltungsaufwand zur Feststellung der Pflegestufen dagegen nicht erforderlich.
Entrechtete und bürokratiegeschädigte Alten- und Pflegeheimbewohnern sowie demotivierte Pflegekräfte würden es dem Gesetzgeber danken, die „Diktatur der Bürokratie“ abzuschaffen. Für zwischenmenschliche Kontakte und eine psychosoziale Betreuung wäre wieder mehr Zeit. Das würde helfen, den kostenträchtigen Arzneimittelbedarf im psychiatrischen Bereich zu senken. Auch die in Altenheimen allgegenwärtigen demenziellen Prozesse könnten gebremst werden. Die Kosten für den MDK könnten eingespart werden, wenn der behandelnde Haus- oder Nervenarzt – der die reale Pflegebedürftigkeit besser einschätzen kann – die Pflegeklasseneinstufung vornähme. Dr. med. Argeo Bämayr
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema