ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2001Arznei­mittel­kommission: Beratung mehr denn je gefragt

THEMEN DER ZEIT

Arznei­mittel­kommission: Beratung mehr denn je gefragt

Dtsch Arztebl 2001; 98(50): A-3351 / B-2822 / C-2619

Korzilius, Heike

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Zurzeit sorgt sich der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission, Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, um die langfristige Arbeitsfähigkeit der Einrichtung. Bei stetig wachsender Arbeitsbelastung seien der AkdÄ für das nächste Jahr sogar Mittel gestrichen worden. Foto: AkdÄ
Zurzeit sorgt sich der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission, Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, um die langfristige Arbeitsfähigkeit der Einrichtung. Bei stetig wachsender Arbeitsbelastung seien der AkdÄ für das nächste Jahr sogar Mittel gestrichen worden. Foto: AkdÄ
Angesichts fortdauernder Sparzwänge ist die pharmakologische
Kompetenz der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft gefordert.

Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) könnte künftig eine zunehmend wichtige Rolle bei der Pharmakotherapieberatung der Ärzte spielen. „Wenn es die AkdÄ nicht schon gäbe, sie müsste erfunden werden“, sagte Dr. med. Henning Friebel, Präsident der Ärztekammer Sachsen-Anhalt und im Vorstand der Bundes­ärzte­kammer zuständig für diesen Fachausschuss, anlässlich der Mitgliederversammlung der Kommission am 29. November in Köln. Mit Blick auf die aktuellen Diskussionen um Reformen im Gesundheitswesen fügte er hinzu, es bedürfe nicht der Ratschläge von Gewerkschaften, Arbeitgebern oder des Bundeswirtschaftsministeriums, um über eine sinnvolle Neustrukturierung zu entscheiden. „Wir verfügen über entsprechende Institutionen“, so Friebel. „Die AkdÄ kann zur Verbesserung der klinisch pharmakologischen Kenntnisse beitragen.“ Verbesserungswürdig ist nach Ansicht des Kammerpräsidenten jedoch die öffentliche Wahrnehmung der Kommission. Er wolle sich dafür einsetzen, dass die Ergebnisse der Arbeit der AkdÄ der Ärzteschaft schneller bekannt würden.
Angesichts der jüngsten Arzneimittelgesetzgebung müsste Friebel mit seinen Bemühungen auf offene Ohren stoßen. Mit Abschaffung der Arzneimittelbudgets ist die Verantwortung für eine wirtschaftliche Verordnungsweise stärker auf den einzelnen Arzt verlagert worden. Die Bedeutung einer unabhängigen Arzneimittelinformation betonte deshalb auch der zweite Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Leonhard Hansen: „Mehr denn je sind die Beratungen durch die AkdÄ gefragt.“ Es gelte, auch mit Blick auf die vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium geplante Aut-idem-Regelung, die ärztliche Kompetenz in Arzneimittelfragen zu erhalten.
Neben einer unabhängigen Arzneimittelinformation und Fortbildung für die Ärzte sieht die Arznei­mittel­kommission eine ihrer Kernaufgaben im Bereich der Arzneimittelsicherheit. Erst jüngst habe der „Fall Lipobay“ – Bayer hatte den Lipidsenker im August vom Markt genommen, nachdem er mit rund 50 Todesfällen in Zusammenhang gebracht worden war – darüber wieder eine breite öffentliche Diskussion entfacht, so der AkdÄ-Vorsitzende Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen. Das deutsche Meldesystem über unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) hält seiner Ansicht nach internationalen Vergleichen durchaus stand. „Deutschland verfügt über eine Reihe von Spezialerfassungssystemen, um die uns viele beneiden könnten“, sagte Müller-Oerlinghausen. Allerdings hält auch er das System für ausbaubar. So müssten die Ärzte besser darüber informiert werden, welche unerwünschten Arzneimittelwirkungen sie bei welchen Präparaten melden sollen. Zudem würde es Müller-Oerlinghausen bevorzugen, wenn die Ärzte UAW an die AkdÄ oder das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn meldeten statt – wie überwiegend praktiziert – an Pharmareferenten. Der Zusammenarbeit beider Institutionen kommt nach Ansicht des AkdÄ-Vorsitzenden angesichts der fortschreitenden Europäisierung sowohl bei der Zulassung von Medikamenten als auch bei der Überwachung der Arzneimittelsicherheit eine wachsende Bedeutung zu. Es gelte, nationale Freiräume – sofern noch vorhanden – zu nutzen.
Tendenziell eher europaskeptisch zeigte sich auch der Leiter des BfArM, Prof. Dr. rer. nat. Harald Schweim. Ein Grundproblem liegt für ihn darin, dass Arzneimittel im Rahmen der EU als Waren definiert sind. Ihre besondere Bedeutung als Gesundheitsgut drohe damit hinter marktwirtschaftlichen Aspekten zurückzutreten. Sorge bereitet Schweim, dass im Zuge der Europäisierung nationale Handlungsspielräume eingeschränkt und Entscheidungen immer mehr auf europäische Gremien übertragen werden. Auch in Fragen der Arzneimittelzulassung werde die Verantwortung zunehmend auf einige wenige verlagert. Beim dezentralen Zulassungsverfahren beispielsweise prüfen ein Rapporteur-Staat und ein Co-Rapporteur Wirksamkeit und Unbedenklichkeit eines Präparates. Die übrigen Staaten, in denen das Arzneimittel zugelassen werden soll, müssen sich entweder auf das Urteil der anderen verlassen oder das Präparat auf eigene Kosten nochmals prüfen. Entscheidend für die Auswahl eines Rapporteurs sei dabei häufig die Schnelligkeit des Prüfverfahrens, kritisierte Schweim. Seine Forderung: „Wir müssen unsere nationale fachliche Kompetenz wieder mehr in die Waagschale werfen.“ Heike Korzilius
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