ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2001Russland: Tbc-Seuche – eine Bedrohung auch für Deutschland

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Russland: Tbc-Seuche – eine Bedrohung auch für Deutschland

Dtsch Arztebl 2001; 98(50): A-3352 / B-2822 / C-2620

Rohde, Dietrich

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LNSLNS Notstand bei der Bekämpfung der Kindertuberkulose


Der strahlend blaue Himmel über Oblast Kaliningrad und die seit wenigen Tagen „explodierende“ Natur lassen vergessen, dass man sich nur im Schritttempo auf dem mit tiefen Schlaglöchern versehenen und nur teilbefestigten Weg dem Tuberkulose-Sanatorium für Kinder in Svertlogorsk, im ehemaligen Ostpreußen, nähern kann. In einem verwahrlosten Parkgelände liegen verstreut einige Häuser, von denen das noch relativ neue Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude bereits wieder renovierungsbedürftig ist. Die Kinderhäuser und die baufällige Schule stammen noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.
Kinderhaus Svertlogorsk: Bis zu zehn Betten – die meisten defekt – befinden sich in einem Raum. Wenige selbst gemalte Kinderbilder sind die einzige Dekoration.
Kinderhaus Svertlogorsk: Bis zu zehn Betten – die meisten defekt – befinden sich in einem Raum. Wenige selbst gemalte Kinderbilder sind die einzige Dekoration.
Trotz des Feiertages empfängt uns der Chefarzt A. W. Schesterow. Die noch behandlungsbedürftigen, aber nicht mehr ansteckungsfähigen Tbc-kranken Kinder werden zur Weiterbehandlung aus der Tbc-Kinderklinik in Kaliningrad hierher verlegt. Ein Problem, so berichtet Schesterow, besteht jedoch darin, dass sich viele Kinder, deren Tuberkulose ausgeheilt ist, nach zwei bis drei Jahren wieder im Sanatorium einfinden, weil sie nach der Rückkehr in ihre Familien erneut infiziert worden sind. Mit Auflösung der Sowjetunion 1990 ist auch das strenge und sehr effektive Tbc-Kontrollprogramm beseitigt worden. Das hat zur Folge, dass es zurzeit der Freiwilligkeit, den Beziehungen und der finanziellen Selbstbeteiligung obliegt, ob eine Untersuchung und Therapie durchgeführt wird. Weil ungefähr die Hälfte der Bevölkerung in bitterer Armut lebt und gerade diese besonders anfällig für die Lungentuberkulose ist, ist es erklärlich, dass sich die Tuberkulose wieder sprunghaft verbreitet. Neue Tbc-Kontrollprogramme seien in Entwicklung, würden jedoch vom Parlament in Moskau abgeblockt.
Viele Kinder, deren Tuberkulose ausgeheilt ist, infizieren sich nach der Rückkehr in ihre Familien erneut.
Viele Kinder, deren Tuberkulose ausgeheilt ist, infizieren sich nach der Rückkehr in ihre Familien erneut.
Ein weiteres Problem sind die verfügbaren Gelder, die nicht immer regelmäßig aus Moskau überwiesen werden. Dr. Schesterow legt den bewilligten Haushaltsplan 2000 vor. Mit Ausnahme der Posten für Medikamente und Personal wurden alle anderen Etatstellen drastisch gekürzt oder gestrichen. Stark gespart wurde vor allem an Nahrungsmitteln. Für Renovierung oder Ersatzbeschaffung wurde kein Geld genehmigt. Weil dies ein Dauerzustand ist, sehen die Räume, in denen die Kinder untergebracht sind, heruntergekommen aus: düster, nur noch von einer intakten Neonröhre beleuchtet. Die Gardinen hängen in Fetzen vor den Fenstern, von der Wand rieselt der Putz. Die einzige Dekoration sind wenige, von Kindern gemalte Bilder. Defekte Betten, aus Pressholz zusammengesetzt, stehen dicht an dicht und sind nur vereinzelt durch einen Stuhl oder einen demolierten Nachttisch voneinander getrennt – bis zu zehn Betten befinden sich in einem Raum. Das selbst mitgebrachte Bettzeug ist zum Teil zerschlissen, der Linoleumfußboden ramponiert. Die sanitären Einrichtungen sind in einem unbeschreiblichen Zustand: Für 40 Kinder gibt es eine Toilette und zwei braun verfärbte Waschbecken – Zustände, die krankheitsinduzierend sind.
Das Kontrastprogramm hierzu bildet ein anderes Kinderhaus. Neben dem Eingang ist auf einem Messingschild zu lesen: „Mit Fördermitteln der Fasel-Stiftung und mit Unterstützung des Vereins Hilfe für Kaliningrad, Königsberg e.V. in Duisburg renoviert“. Sämtliche Räume machen einen lichten, farbenfrohen und sauberen Eindruck. Die in einer Duisburger Werkstatt entwickelten und teilweise auch dort gefertigten Doppelbetten aus Massivholz ermöglichen mehr Bewegungsraum in den Krankenzimmern. Ein aus Duisburg gelieferter Wasch-Bau-Container mit mehreren Dusch- und Waschmöglichkeiten ist an das Kinderhaus angebaut und funktionsfähig. Solchen „Luxus“ gibt es in kaum einer anderen Klinik. Mit Stolz und Sorgfalt wird dieses Kleinod deshalb von den Schwestern und Erziehern betreut. Ermöglicht wurde dieses Projekt durch die Tatkraft des ehemaligen Duisburger Sozialarbeiters Wolfgang Weber, der seit einigen Jahren in Kaliningrad lebt und nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ projektbezogene Sozialarbeit in Verbindung mit humanitärer Hilfe leistet.
Für 40 Kinder gibt es eine Toilette und zwei braun verfärbte Waschbecken. Fotos: Dietrich Rohde
Für 40 Kinder gibt es eine Toilette und zwei braun verfärbte Waschbecken. Fotos: Dietrich Rohde
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Der Bauzustand der beiden Kaliningrader Kliniken, die an offener, also ansteckungsfähiger Lungentuberkulose erkrankte Kinder und Erwachsene behandeln, unterscheidet sich nicht von dem sanierungsbedürftigen Kinderhaus im Tbc-Sanatorium Svertlogorsk. Für die bakteriologische Diagnostik gibt es nur ein Fluoreszenzmikroskop, das in einem 1,5 × 1,5 Meter großen Oberarztzimmer unter Verschluss behütet wird. Die übrigen Mikroskope, mit denen die Diagnostik betrieben wird, sind von musealem Charakter. Die baufälligen Räume für Bakteriologie werden renoviert, was sich aus akutem Geldmangel seit Wochen hinschleppt. Kulturen, Typendifferenzierungen oder Resistenzbestimmungen können deshalb nicht durchgeführt werden. Die Röntgentechnik erinnert an den Zustand in Deutschland vor 30 Jahren. Die Röntgenfilme werden noch
per Hand entwickelt, Laborautomaten: Fehlanzeige. Das einzige Bronchoskop ist japanischer Bauart und einer Spende zu verdanken. Es kostet jedoch vor Ort das Dreifache des deutschen Preises. Die Freundlichkeit und die Bereitschaft aller leitenden Ärzte, die desolaten Zustände in aller Offenheit zu schildern, setzt sich bei einer Konferenz fort, an der auch Militärärzte und die Verantwortlichen im Gesundheitswesen teilnehmen.
Die Selbsteinschätzung der Lage in Zahlen und Fakten: Die Tbc-Erkrankungsrate liegt in der Region um 33,6 Prozent höher als in Russland (1999: 85,2 Fälle auf 100 000 Einwohner; zum Vergleich in Deutschland: 12,7 auf 100 000). Die Zahl der erkrank-
ten Kinder übersteigt die durchschnittliche Anzahl der in Russland Erkrankten um das 4,3fache. Im Vordergrund stehen die „aggressiven“ resistenten Stämme von Tbc-Mycobakterien mit einer primären Resistenz von 49,5 Prozent und einer sekundären Resistenz von 80,9 Prozent. Die offiziellen russischen Zahlen weisen eine Resistenz von 50 Prozent und eine Multiresistenz gegenüber Isoniacid und Rifampicin (MDR-Tbc) von 20 bis 22 Prozent auf. Mit den 745 Tbc-Krankenbetten kann der Bedarf nur zu 52 Prozent gedeckt werden. Lediglich 50 Prozent der Stellen an den Krankenhäusern sind besetzt. Eine Oberärztin verdient 1 200 Rubel im Monat, umgerechnet knapp 100 DM – das reicht nicht einmal, um die Miete für eine Zweizimmerwohnung im Plattenbau zu bezahlen. Die mangelhafte Finanzierung lässt eine Therapie und Diagnostik auf „normalem“ Niveau nicht zu. Die Sterblichkeit der an offener Lungentuberkulose Erkrankten beträgt im ersten Jahr nach der Diagnosefeststellung 33,8 Prozent. Jeder zweite Kranke wird als nicht geheilt entlassen und infiziert zu Hause weitere Menschen.
Ein unlösbares Problem stellt das gehäufte Auftreten der Tuberkulose in Verbindung mit Aids dar. Die steigende Rate an Neuinfektionen mit dem HI-Virus wird vor allem auf den zunehmenden Heroinkonsum insbesondere Jugendlicher zurückgeführt. Von den 950 000 Einwohnern im Oblast Kaliningrad sind derzeit 3 181 HIV-infiziert, bei 1 584 Heroinabhängigen – soweit diese registriert sind.
Morbidität und Mortalität bei Tuberkulose in Russland je 100 000 Einwohner
Morbidität und Mortalität bei Tuberkulose in Russland je 100 000 Einwohner
Infektionsträger für Tuberkulose sind, so die russischen Verantwortlichen, in erster Linie freigelassene Strafgefangene und die zunehmende Zahl von Ost-West-Migranten aus Kasachstan, Aserbaidschan, Usbekistan und anderen Regionen der ehemaligen Sowjetunion, die nur zu einem Drittel registriert und untersucht sind. Der größte Teil dieser Menschen lebe illegal im Oblast Kaliningrad mit der Absicht, weiter in den Westen auszuwandern. Dies könnte sich zu einem Gesundheitsproblem für Westeuropa, besonders für Deutschland, entwickeln. Eine deutsche Studie belegt, dass bereits heute die in Deutschland registrierten und an Tuberkulose erkrankten Russen eine Multiresistenz gegenüber den wichtigsten Antibiotika von mehr als elf Prozent besitzen. Besonders problematisch ist die zunehmende Zahl der illegal in Deutschland lebenden Tuberkulosekranken, die die zunehmend multiresistenten Tuberkulosestämme unbemerkt weiter verbreiten. Dieses Problem zu erkennen und entsprechende Präventionsstrategien umzusetzen muss eine vordringliche Aufgabe der Gesundheitspolitik sein. Es ist zudem nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, auch in Russland weiter tätig zu werden. Dazu gehören:
- Fortsetzung der humanitären Projekthilfe nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. In Kaliningrad leitet Wolfgang Weber die gut funktionierende Geschäftsstelle des Agitas-Circle e.V., eines Vereins für medizinische und humanitäre Hilfe aus Erkrath. Von hier aus können alle Projekte zielorientiert vor Ort umgesetzt und kontrolliert werden.
- Weil es an Finanzmitteln fehlt, ist der Verein auf Spenden angewiesen. Benötigt werden gebrauchte, funktionsfähige medizinische Geräte – vom Pari Inhalierboy, über Mikroskope und Röntgengeräte bis zu Röntgenschirmbildwagen. Nach Aussage der russischen Chefärzte bevorzugen sie Geräte aus Westeuropa, weil hierfür eher Ersatzteile zu beschaffen sind als für russische Geräte.
- Wegen der überhand nehmenden Infektionskrankheiten bedarf es neuer Einrichtungen. Vorbereitungen hierfür werden bereits getroffen, bedürfen aber einer umfangreicheren Unterstützung.

Literatur im Internet unter www.aerzteblatt.de

Dr. med. Dietrich Rohde
Heinz-Dittmer-Straße 11
45470 Mülheim/Ruhr
1.
Shilova, M. Tuberkulosis in Russia in 1998. Research Institzte für Phthisiopulmonology at the Sechenov Moscow Medical Academy, 1999: pp 35
2.
Gesundheitsbericht an den Gouverneur Wladimir Jegorow (Mai 2001)
3.
M. I. Perelmann, Direcor of Institute and Chair of Phthisiopulmnology at the Sechenov Moscow Medical Academy, Tuberculosis in Russia, erschienen in Int. J. Tuberc.Lung. Dis. 4 (12): 1097–1103, 2000
4.
DZK-Studie zur Epidemiologie der Tuberkulose in Deutschland 1996 bis 1998. DZK – Deutsches Zentralkommitee zur Bekämpfung der Tuberkulose e.V., Berlin.
Morbidität und Mortalität bei Tuberkulose in Russland je 100 000 Einwohner
Morbidität und Mortalität bei Tuberkulose in Russland je 100 000 Einwohner
Grafik
Morbidität und Mortalität bei Tuberkulose in Russland je 100 000 Einwohner
1. Shilova, M. Tuberkulosis in Russia in 1998. Research Institzte für Phthisiopulmonology at the Sechenov Moscow Medical Academy, 1999: pp 35
2. Gesundheitsbericht an den Gouverneur Wladimir Jegorow (Mai 2001)
3. M. I. Perelmann, Direcor of Institute and Chair of Phthisiopulmnology at the Sechenov Moscow Medical Academy, Tuberculosis in Russia, erschienen in Int. J. Tuberc.Lung. Dis. 4 (12): 1097–1103, 2000
4. DZK-Studie zur Epidemiologie der Tuberkulose in Deutschland 1996 bis 1998. DZK – Deutsches Zentralkommitee zur Bekämpfung der Tuberkulose e.V., Berlin.

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