ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2001Früherkennung: Helle und dunkle Seite

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Früherkennung: Helle und dunkle Seite

Dtsch Arztebl 2001; 98(50): A-3355 / B-2825 / C-2622

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Früher wissen kann nützen, aber auch belasten.
Gentests bergen Risiken für das Versicherungssystem.


Die Bundesregierung will noch in dieser Legislaturperiode einen Gesetzentwurf vorlegen, mit dem die so genannten Gentests zur Krankheitsfrüherkennung geregelt werden sollen. Das kündigte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Gudrun Schaich-Walch, auf einer Tagung der Krankenkasse KKH in Berlin an. Das Gesetz soll eine Aufklärungspflicht vor und nach Gentests vorschreiben. Der Patient solle entscheiden, ob er den Test machen wolle, und er müsse wissen, wie er mit dem Ergebnis umgehe, erläuterte Schaich-Walch. Besondere Aufmerksamkeit werde dem Datenschutz beigemessen. Die Testergebnisse sollten bei dem bleiben, für den sie erhoben wurden. Eine Weitergabe von Daten an Arbeitgeber und Versicherungen soll ausgeschlossen werden. Mit Blick auf die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung erklärte Schaich-Walch: „Da die GKV keine Risikoversicherung ist, wird es für sie auch nicht interessant sein, die Risiken zu ermitteln.“
Deutliche Zweifel, ob es gelingen werde, die Daten zu schützen, meldete freilich der Münsteraner Philosoph, Prof. Dr. Kurth Bayertz, an. Es gäbe einen strukturellen Widerspruch zwischen dem Nutzen für die außermedizinische Verwendung und dem Datenschutz. „Wenn die Daten mal im Netz sind, ist es schwierig, sie zu schützen“, so Bayertz. Eine Lösung sieht der Philosoph nicht.
Die genetische Diagnostik berühre einen neuralgischen Punkt des Versicherungssystems. Jede Versicherung beruhe „auf einem Schleier der Unwissenheit“. Je genauer indes die Risiken zu bestimmen seien, desto mehr werde der Idee der Versicherung die Grundlage entzogen, erläuterte Bayertz. Gentests könnten deshalb gravierende Änderungen im Versicherungssystem herbeiführen.
Für eine qualifizierte Beratung vor und nach Tests – nicht nur Gentests, sondern generell bei Früherkennung – plädierte auch Prof. Dr. Linus Geisler (Gladbeck), Mitglied der Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des Bundestags. Früherkennungsmaßnahmen führen, erklärte Geisler, „zu einem heiklen Wissen, dessen Konsequenzen für den Getesteten immer nur annäherungsweise abgeschätzt werden können“. Früherkennung bedeute einerseits zwar frühzeitige Diagnose und erfolgreiche Therapierbarkeit, andererseits könne sie aber auch zu belastendem, vergiftetem Wissen ohne therapeutischen Wert führen.
Parameter Frühtherapie
Der entscheidende Parameter für Früherkennung sei die Vorteilhaftigkeit der Frühtherapie, fasste Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz (Hannover), Vorsitzender des Sachverständigenrates für die konzertierte Aktion, zusammen. Schwartz äußerte deutliche Skepsis gegenüber breit gestreuten Check-ups, aber auch gegenüber Früherkennungsmethoden, die hohe Raten von falsch-positiven Ergebnissen zeigen.
Lohnt sich Früherkennung finanziell? Schaich-Walch befand, dass man Früherkennung nicht primär unter Kostenaspekten sehen dürfe. Am Ende könne als Nebeneffekt finanzielle Ersparnis stehen. Vorrangig seien Qualität und Chancen für den Patienten. In diesem Sinne vergab die KKH denn auch vier Innovationspreise für Verbesserung in der Früherkennung. Deren Vorsitzender, Ingo Kailuweit: Heute werde bei medizinischen Innovationen meistens nach den Kosten gefragt, der Nutzen für den Patienten stehe dagegen zurück. Doch eine Kran­ken­ver­siche­rung habe vor allem diesen im Auge zu halten. Norbert Jachertz
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