ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2001Tabaksteuer: Doppelmoral

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Tabaksteuer: Doppelmoral

Dtsch Arztebl 2001; 98(50): A-3359 / B-2828 / C-2626

Demandt, Matthias

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LNSLNS Eine Erhöhung der Tabaksteuer zur Finanzierung der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung, wie von Prof. Beske vorgeschlagen, trifft meines Erachtens nicht den Kern des Problems. Es ist zumindest fraglich, inwieweit der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung tatsächlich durch die Folgen des Missbrauchs von Tabak (und Alkohol) zusätzliche finanzielle Belastungen entstehen, wenn man in Rechnung stellt, dass ein Großteil der betreffenden Personen eine verkürzte Lebenserwartung hat . . . Die öffentliche Hand profitiert in erheblichem Umfang vom Krankheits- beziehungsweise Suchtverhalten bezüglich Tabak-(und Alkohol-)Missbrauch. Der Bund nahm beispielsweise 1998 knapp 23 Milliarden DM Tabaksteuer ein, sodass erklärbar erscheint, dass die bisherigen Bundesregierungen kein Interesse an einem Werbeverbot für die Zigarettenindustrie hatten beziehungsweise haben.
Da es sich bei dem Missbrauch von Tabak und Alkohol letztlich um Suchtverhalten handelt, kann auch nicht ohne weiteres von einem Selbstverschulden der betroffenen Personen ausgegangen werden. Es kann vermutet werden, dass die jetzige Belastung der Zigarettenraucher zur Finanzierung der nationalen Sicherheit die relative suchtbedingte Wehrlosigkeit der Raucher politisch gewollt ins Kalkül zieht. Ich teile deshalb nicht die Auffassung von Herrn Beske, dass eine Verteuerung insbesondere den Konsum von Tabakwaren reduzieren würde, denn bekanntermaßen kann Suchtverhalten nicht über den Preis des Produkts reguliert werden. Notwendig erscheint mir vielmehr ein neues öffentliches Bewusstsein über die Folgen und Nutznießungen des Nikotinabusus in unserer Gesellschaft. Es muss klar werden, dass wir mit der Doppelmoral leben, einerseits 160 000 verfrühte Todesfälle jährlich ärztlicherseits zu beklagen, andererseits aber eine Sanierung des Bundeshaushalts durch die Tabaksteuer zu tolerieren beziehungsweise nichts auf politischer Ebene dagegen zu unternehmen . . .
Dr. med. Matthias Demandt, Wittelsbacher Straße 11, 94315 Straubing
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