ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2001Sozialgeschichte der Tuberkulose

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Sozialgeschichte der Tuberkulose

Dtsch Arztebl 2001; 98(50): A-3363 / B-2831 / C-2628

Hähner-Rombach, Sylvelyn

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Medizingeschichte
Schutz der Gesunden

Sylvelyn Hähner-Rombach: Sozialgeschichte der Tuberkulose. Vom Kaiserreich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs unter besonderer Berücksichtigung Württembergs. Medizin, Gesellschaft und Geschichte, Beiheft 14, Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2000, 404 Seiten, kartoniert, 136 DM
Mit der Tuberkulose verbinden sich heute Vorstellungen, die weniger an Krankheitssymptomen orientiert sind als an kulturhistorischen „Erinnerungen“. Sie reichen vom Mythos einer wohl behüteten Welt nobler Hochgebirgssanatorien, in denen Künstler und Literaten ein unbeschwertes Leben führten, bis hinunter in düstere, enge Hinterhofwohnungen.
Die Autorin beschreibt in ihrer Sozialgeschichte der Tuberkulose die Periode, in der die Tuberkulose als Prototyp einer langwierigen und unheilbaren Infektionskrankheit galt. Robert Koch hatte 1882 einen Bazillus als Krankheitsursache entlarvt. Stimmen, die Armut und soziale Verhältnisse angeklagt hatten, fanden nun kaum noch Gehör. Das bald darauf entwickelte Tuberkulin lieferte nicht den versprochenen Heilerfolg, aber es stellte mithilfe des Hauttestes eine einfache Möglichkeit dar, Träger der Infektion zu identifizieren. In dem Maße, in dem die Tuberkulose in den Aufstellungen des Kaiserlichen Statistischen Amtes immer häufiger als Todesursache geführt wurde, wuchsen auch auf staatlicher Seite Bemühungen, die Krankheit zu bekämpfen.
Die Autorin untersucht diese Bestrebungen und deren tatsächliche Umsetzung auf der Grundlage eines vielfältigen Quellenmaterials. Sie kann unter anderem nachweisen, dass Ansätze zur Errichtung von Volksheilstätten und zur Verbesserung der Wohnverhältnisse aufgrund der geringen finanziellen Mittel begrenzt blieben. So konzentrierte sich die Bekämpfung der Krankheit vor allem darauf, die Gesunden zu schützen. Neben Erziehung und Aufklärung richteten sich die Maßnahmen darauf, die Kranken auszusondern. Diese Entwicklung reichte von Überlegungen zur Kaiserzeit, Tuberkulosekranke nach Südwestafrika umzusiedeln, über den Plan, isolierte Siedelungskolonien außerhalb der Städte zu errichten, bis hin zu den immer rigider werdenden Isolierungspraktiken während des Nationalsozialismus.
Das letzte Drittel des Buches widmet sich der Perspektive der Kranken. Auch hier gelingt es der Autorin, ein plastisches Bild eines Alltags zu zeichnen, der oft stärker durch die Maßnahmen staatlicher Intervention bestimmt wurde als durch das Erleben der Krankheit. Philipp Osten
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