ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2001Rheumatologie/Orthopädie: Appell zum Dialog

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Rheumatologie/Orthopädie: Appell zum Dialog

Dtsch Arztebl 2001; 98(51-52): A-3426 / B-2877 / C-2556

Zeidler, Henning

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Als vorbildlich bezeichnete Prof. Dr. med. Jürgen Krämer in seinem Plädoyer für die konservative Orthopädie (DÄ, Heft 40/2001) die ambulante Versorgung muskulo-skelettaler Erkrankungen im deutschen Gesundheitssystem durch niedergelassene Orthopäden. Der Versorgung beispielsweise in den USA sei sie sogar überlegen, weil in Deutschland weniger häufig operiert werde. Den Rheumatologen charakterisiert Krämer als einen Arzt, der lediglich Medikamente verschreibt, die Technik von Nervenblockaden oder epiduralen Injektionen nicht beherrscht und sich auch in der Orthopädietechnik nicht auskennt.
Diese Einschätzung der konservativen Orthopädie verwundert einen Rheumatologen, der von seinen europäischen und amerikanischen Kollegen immer wieder mit Unverständnis auf die Trennung der beiden Fachbereiche in Deutschland angesprochen wird. In der internationalen Medizin herrscht einhellig die Meinung, dass Diagnose und Therapie von Krankheiten und funktionellen Störungen des Skelett-Muskel-Systems dem Fachgebiet der Rheumatologie und damit dem Rheumatologen zuzuordnen sind. Hierzu gehören nicht nur die entzündlichen Erkrankungen des Skelett-Muskel-Systems, der Bindegewebe und der Gefäße, sondern das gesamte Spektrum der degenerativen Erkrankungen der Gelenke und der Wirbelsäule sowie Stoffwechselerkrankungen, die sich am Bewegungsapparat manifestieren, und schließlich Weichteilerkrankungen und Krankheiten der inneren Organe und des Nervensystems, sofern sie mit den genannten zusammenhängen.
Das Weiterbildungscurriculum für den Facharzt für Rheumatologie, das das zuständige Gremium des Europäischen Facharztverbandes erstellt hat, listet, ausgehend von einer mindestens zweijährigen Weiterbildung in Innerer Medizin, sämtliche Kenntnisse und Fertigkeiten auf, die Krämer für den Orthopäden reklamiert. Zum EU-Curriculum zählen nicht nur die medikamentöse Therapie, sondern auch die speziellen diagnostischen Leistungen (Röntgen, Sonographie, Gelenkpunktion und -biopsie, Knochendichtemessung, Arthroskopie und Kapillarmikroskopie) sowie physikalische Therapie, Gelenkinjektionen, Injektionen in Weichteile, epidurale und regionale Nervenblockaden, Manipulations- und Mobilisationstechniken, intervertebrale Bandscheibenaspiration, -injektion oder -nukleolyse. Dies belegt, dass die europäischen Ärzte einen wesentlich fortschrittlicheren Weg gehen als viele Orthopäden, die den Status quo einer konservativen Orthopädie bewahren wollen, die aufgrund ihrer operativ und technisch ausgerichteten Weiterbildung zwangsläufig wesentliche Fortschritte zum Beispiel der molekularen Diagnostik und medikamentösen Therapie nur am Rande oder gar nicht erfährt. Immerhin entstammen die ersten evidenzbasierten europäischen Empfehlungen für die Behandlung der Kniearthrose einer Initiative europäischer Rheumatologen.
Es ist höchste Zeit für einen intensiven Dialog zwischen konservativen Orthopäden und Rheumatologen. Gerade in einer Zeit, in der eine Zusammenführung von Orthopädie und Unfallchirurgie stattfindet, sollten wir die Chance nutzen, die außerhalb Deutschlands nicht praktizierte Trennung von Rheumatologie und konservativer Orthopädie zu überwinden. Am Ende des gemeinsamen Weges könnte der Spezialarzt des Bewegungssystems stehen, wie er international als Facharzt für Rheumatologie etabliert ist. Darauf warten die Patienten und viele jüngere Kollegen, für die die Trennung Nachteile bringt.
Prof. Dr. med. Henning Zeidler
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema