THEMEN DER ZEIT

Psychiatrie-Geschichte: Wendepunkt 1968

Dtsch Arztebl 2001; 98(51-52): A-3435 / B-2893 / C-2689

Bühring, Petra

Der Titelaufsatz in Heft 6/2001 zog 25 Jahre nach der Psychiatrie-Enquete von 1975 eine Bilanz der Umsetzung.
Der Titelaufsatz in Heft 6/2001 zog 25 Jahre nach der Psychiatrie-Enquete von 1975 eine Bilanz der Umsetzung.
Die Verbrechen der Nationalsozialisten an psychisch Kranken verzögerten zum einen die Reform der Psychiatrie, gleichzeitig setzte das Bedürfnis nach Wiedergutmachung den Reformprozess in Gang.


Die „gesellschaftliche Hochdruckzone der 1968er“ war die Wende zu einer modernen psychiatrischen Versorgung. Die Studentenrevolte und Kulturrevolution der 68er schafften die gesellschaftliche Stimmung für die Durchsetzung der Psychiatriereform – das Ende von Bettensälen und Verwahrpsychiatrie. Das war das Fazit der Tagung „Psychiatriereform als Gesellschaftsreform“, zu der das Westfälische Institut für Regionalgeschichte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe nach Münster eingeladen hatte. Konzipiert war die Tagung als „Runder Tisch“, an dem Historiker und Psychiater sowie Vertreter aus Gesundheitsverwaltung, Politik und psychiatrischen Fach- und Hilfsverbänden diskutierten.
Bereits in den 50er- und frühen 60er-Jahren gab es Reformimpulse, hervorgegangen aus dem Bedürfnis, die Verbrechen der Nationalsozialisten an psychisch Kranken wieder gutzumachen, lautete die zentrale These von Priv.-Doz. Dr. phil. Franz-Werner Kersting, Westfälisches Institut für Regionalgeschichte. Eine Reihe „junger aufmüpfiger Oberärzte“, die die menschenunwürdigen Zustände in den damaligen Verwahranstalten selbst erlebten, habe die „Schuld der Väter“ abzutragen versucht, indem sie die Reform der Psychiatrie vorantrieben. Einer von ihnen, Prof. Dr. Dr. mult. h. c. Heinz Häfner, stellvertretender Vorsitzender der Enquete-Kommission, die 1971 vom Deutschen Bundestag eingesetzt wurde, um die Zustände in den Heil- und Pflegeanstalten zu untersuchen, bestätigte, er sei „Psychiater geworden, um wieder gutzumachen“.
Häfner glaubt, dass andererseits die Verdrängung der NS-Verbrechen an psychisch Kranken die Ursache für einen Stau der Reformen gewesen sei – weshalb die Psychiatriereform in Deutschland erst etwa 20 Jahre später in Gang kam als in den USA oder in Großbritannien. „Die Psychiater haben sich nach dem Krieg wegen der NS-Verbrechen hinter ihre Mauern zurückgezogen und den Mangel und das Elend klaglos verwaltet.“ Mehr als 70 000 psychisch Kranke wurden von den Nazionalsozialisten im Rahmen der T4-Aktion ermordet.
Gezieltes Verhungernlassen
Der Massenmord war der Höhepunkt der Verbrechen an psychisch Kranken. Doch bereits im Ersten Weltkrieg habe man mehr als 70 000 Patienten verhungern lassen, die erhöhte Sterblichkeit habe bis 1924 angehalten, berichtet Dr. med. Heinz Faulstich, der umfassend zum „Hungersterben in der Psychiatrie“* recherchiert hat. Ab 1933 führten die Nazis Sparmaßnahmen ein, um die angeblich von den „Erbkranken“ verursachten „ungeheuren Fürsorgelasten“ zu senken und – so die Propaganda – das eingesparte Geld für die Pflege der „Erbgesunden“ zu verwenden. Zu diesen Maßnahmen gehörte die Überbelegung der Anstalten, der Abbau des Personals und die Reduzierung
der Ernährungskosten. Trotz des anschließenden Massenmords (T4) blieben die staatlichen Anstalten überbelegt, auch weil bis Ende 1941 ein Viertel aufgelöst worden war. Während des Zweiten Weltkrieges wurden in vielen Anstalten körperlich Kranke untergebracht und die psychisch Kranken noch mehr zusammengepfercht. Wegen der Überfüllung „nahm das Morden ab 1942 wieder sprunghaft zu und führte zur zweiten Phase der Euthanasie“, betont Faulstich, ehemaliger stellvertretender Leiter des psychiatrischen Landeskrankenhauses Reichenau.
Höchste Sterberaten nach dem Krieg
Für die Patienten am gefährlichsten war die Senkung der „Kostsätze“ von 70 bis 80 Pfennig pro Kopf und Tag Mitte der 30er-Jahre auf weniger als die Hälfte während des Krieges. Durch den Abzug von Personal und die Reduzierung von Sachausgaben verrotteten die Anstalten, und die hygienischen Bedingungen verschlechterten sich. Die Sterberaten im Zweiten Weltkrieg stiegen auf mehr als 20 Prozent an. Neben dem allgemeinen Hungersterben wurde in einigen Anstalten gezielt mit Nahrungsentzug und überdosierten Medikamenten gemordet. Faulstichs Untersuchungen zufolge fielen all diesen „Sparmaßnahmen“ rund 96 000 Menschen zum Opfer – mehr als der „Aktion T4“. Einen traurigen Höhepunkt erreichten die Sterberaten jedoch nach dem Einmarsch der Alliierten: Sie stiegen 1945 auf rund 50 Prozent; in einigen Anstalten ergriff fast das gesamte Personal die Flucht und überließ die Patienten ihrem Schicksal, Todesmärsche Halbverhungerter waren an der Tagesordnung.
Das Hungersterben in den Anstalten zog sich bis in die 50er-Jahre. Ab 1945 herrschte Hungersnot in der Bevölkerung, von der die Anstaltsinsassen besonders betroffen waren, da sie sich keine zusätzlichen Nahrungsmittel beschaffen konnten. In der sowjetischen und der französischen Besatzungszone war die Nahrung besonders knapp. In allen Zonen herrschte Mangel an Kohlen – die Patienten mussten frieren. Interkurrente Erkrankungen verliefen daher bei den resistenzgeschwächten Patienten oft tödlich; hinzu kamen Typhusinfektionen und Krätze. „Von allen Notständen waren psychisch Kranke am stärksten betroffen“, resümiert Faulstich.
Die Verdrängung der NS-Verbrechen könnte ein Grund dafür gewesen sein, warum nicht bereits in den 50er-Jahren mit einer umfassenden Reform der Psychiatrie begonnen wurde. Die Enquete-Kommission, die die „brutale Realität“ und die „elenden menschenunwürdigen Verhältnisse“ in den Anstalten aufdeckte, wurde erst 1971 berufen. Reformvorschläge in den 50er-Jahren seitens einiger Klinikdirektoren hätten nur dann Aussicht auf Erfolg gehabt, wenn sie den Kostenträgern Einsparungen versprachen, zum Beispiel durch frühzeitige Entlassung, Außenfürsorge oder Familienpflege, glaubt Faulstich. Ein anderer Grund für den Reformstau könne die räumliche Abgelegenheit der psychiatrischen Anstalten auf dem Land gewesen sein, vermutet Häfner. Das Elend der Insassen sei damit „aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwunden“. Dafür spreche, dass die Zustände in den psychiatrischen Abteilungen der Universitätskliniken besser waren als in den Landeskrankenhäusern.
Das gesellschaftspolitische Klima in der Bundesrepublik, das verantwortlich für die Verdrängung der NS-Verbrechen war, wird in den Sechzigerjahren allmählich abgelöst von einem für die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit offeneren Klima. Die Bereitschaft war gewachsen, „die Hypothek der deutschen Katastrophe auch für die Nachkriegspsychiatrie öffentlich einzugestehen“, formuliert der Historiker Kersting. Mitte der 60er-Jahre griffen unter anderen der damalige Psychiatrie-Ordinarius Walter Ritter von Baeyer sowie die damaligen Oberärzte Karl Peter Kisker* und Heinz Häfner das NS-Thema öffentlich auf. Unter dem Titel „Psychiatrie der Verfolgten“ publizierten sie 1964 eine Studie über „Psychopathologische und gutachterliche Erfahrungen an Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung“. „Der NS-Bezug als Reformmotiv und als Reformargument gewann an Bedeutung“, folgert Kersting.
Klima für Reformen geschaffen
Das Klima für eine Reformierung begünstigt hat auch die Anti-Psychiatrie-Debatte in den 60er- und 70er-Jahren. Die Verfechter der Anti-Psychiatrie wie zum Beispiel der italienische Klinikdirektor Franco Basaglia, die englischen Psychiater Ronald Laing und David Cooper oder der US-Amerikaner Thomas Szaz – eine keineswegs homogene Bewegung – lehnten die Etikettierung psychischer Störungen als Krankheit ab. Sie definierten sie als Folge sozialer Prozesse der Ablehnung und Diskriminierung durch die in ihren Augen vermeintlich „normale“ Gesellschaft. Die Heilanstalten und Großkrankenhäuser galten ihnen als gefängnisähnliche „totale Institutionen gesellschaftlicher Normenkontrolle, Stigmatisierung und Entmündigung“.
Eine größere öffentliche Resonanz erlebte die Anti-Psychiatrie in Deutschland erst als Folge der antiautoritären Studentenbewegung, deren Proteste 1968 ihren Höhepunkt erreichten. Im gesellschaftlichen Klima der 68er-Jahre verliere sich auch die Konvergenz zwischen NS-Zeit und Reformbestrebungen, sagte Kersting. Durch dieses Klima ist die Psychiatriereform als sozialpolitische Bewegung angestoßen worden; die gesellschaftliche Stimmung für einen grundlegenden Wandel in der psychiatrischen Versorgung wurde geschaffen. Auch wenn eine große Diskrepanz „zwischen der Makro-Ebene historischer Betrachtung und dem organisatorischen Ingangbringen von Reformen auf der
Mikro-Ebene“ bestehe, wie Häfner meint. Seit der Psychiatrie-Enquete 1975 hat sich in der Versorgung psychisch Kranker vieles verbessert – wenn auch nicht alle Forderungen von damals erreicht sind.
Petra Bühring
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