ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2001Gehörschäden durch Silvester-Feuerwerkskörper

MEDIZIN: Editorial

Gehörschäden durch Silvester-Feuerwerkskörper

Dtsch Arztebl 2001; 98(51-52): A-3443 / B-2899 / C-2695

Zenner, Hans-Peter; Plontke, Stefan

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Lärm kann krank machen und insbesondere irreversible Hörschäden verursachen (3). Dies gilt auch für Feuerwerkskörper, die an Silvester entzündet werden. Die von ihrem Gebrauch ausgehenden Gefahren und Schädigungshäufigkeiten werden weithin unterschätzt.
Impulslärm erzeugt Knall- und Explosionstraumata
Knall- und Explosionstraumata durch Feuerwerkskörper werden durch Impulslärm (Lärm mit Schalldruckspitzen) hervorgerufen. Kurze Schallimpulse von Feuerwerkskörpern – gezündet in einem Abstand von 2 m – können Spitzenpegel von 145 bis über 160 dB Schalldruckpegel (SPL) erreichen (9). Bei öffentlichen Feuerwerken werden in unmittelbarer Umgebung Spitzenpegel von bis zu 190 dB und bei weiter entfernten Beobachtungsabständen von circa 150 dB gemessen (4). Die auch an Silvester missbräuchlich verwendeten Signal- und Schreckschusspistolen erreichen in Abhängigkeit von der Entfernung und vom Winkel der Waffenmündung zum Ohr Spitzenpegel um 160 dB bis maximal 181 dB SPL (8). Impulslärm ist gehörgefährdender als Dauerlärm (5). Bei einer Impulsdauer von weniger als 25 ms nimmt die Lautstärkeempfindung stark ab, da Lautstärke subjektiv aus einer Kombination von Schalldruckpegel und Zeitdauer bestimmt wird. Bei Impulslärm, wie er durch Knallkörper erzeugt wird, ist das Ohr deshalb gehörschädigenden Schalldruckpegeln ausgesetzt, ohne dass dies als solches empfunden oder wahrgenommen wird. Zusätzlich wird die Wahrnehmung der gehörschädigenden Lautstärke noch durch die positive Grundstimmung beim Neujahrsfest herabgesetzt.
Mehr als 8 000 Innenohrverletzungen zum Neujahrsfest
Im Rahmen einer prospektiven Untersuchung wurden in insgesamt 562 für Deutschland repräsentativen Studienzentren epidemiologische und audiologische Daten von Patienten mit Gehörschäden durch Silvester-Feuerwerkskörper zum Jahreswechsel 1999/2000 erhoben (6). Nach Hochrechnung der erfassten Patienten auf die Anzahl der diensttuenden HNO-Kliniken und HNO-Praxen in Deutschland wurde eine Gesamtzahl von 8 160 Patienten geschätzt (95 Prozent Konfidenzintervall: 7 515 bis 8 805).
Die absolute Inzidenz betrug 9,9 Fälle pro 100 000 Einwohner. Männliche Patienten waren dreimal häufiger betroffen als weibliche und im Altersdurchschnitt jünger (Median: männlich: 22 Jahre, weiblich: 25 Jahre). 59 Prozent der Patienten war unter 25 Jahre alt. Für die Altersgruppe der 6- bis 25-Jährigen ergab sich eine deutlich größere Inzidenz (28 pro 100 000) mit einem Maximum von 107 Betroffenen pro 100 000 Einwohner bei den 19-jährigen jungen Männern. Circa 69 Prozent aller Patienten klagten über eine zumindest einseitige subjektive Hörminderung. In 84 Prozent aller Fälle war Tinnitus begleitendes oder Hauptsymptom. Fünf Prozent aller Fälle waren von einer einseitigen und ein Prozent von einer beidseitigen Trommelfellperforation betroffen. Die Hörschäden wurden auch auf der Basis von Hörtests (Audiogramme) ausgewertet. Bei 79 Prozent aller Patienten, bei denen ein Audiogramm vorlag und die keinen vorbestehenden Hörschaden in der Anamnese angaben, war ein zumindest einseitiger Hörverlust nachweisbar (Median: 30 dB bei 4 und 6 kHz). Bei 52 Prozent der Patienten war dieser Hörverlust noch ausgeprägter (Median: 40 dB). Den Resultaten einer vergleichbaren Pilotstudie 1998/1999 zufolge scheint die absolute Zahl dieser Traumata unabhängig von den Ereignissen der Jahrtausendwende zu sein (7).
Die für Deutschland berechneten, absoluten, administrativen Inzidenzen basieren auf der Annahme, dass Patienten mit einem akustischen Trauma durch Feuerwerkskörper oder Signalpistolen innerhalb von zwei Wochen (Studienzeitraum) von einem Hals-Nasen-Ohrenarzt oder einer entsprechenden Fachabteilung behandelt werden. Nicht berücksichtigt sind alle die Patienten, die zwar einen Gehörschaden nach Exposition mit Feuerwerkskörpern davon getragen, sich aber nicht in ärztliche Behandlung begeben haben. Hier scheint die Dunkelziffer vor allem bei Kindern und Jugendlichen groß. Zum anderen wurden zum Beispiel Hörschäden, die oberhalb der routinemäßig gemessenen Audiogrammfrequenzen auftreten, nicht erfasst (1).
Sozio-medizinisches Problem mit Handlungsbedarf für die Präventivmedizin
Die vorliegenden epidemiologischen Daten verdeutlichen die nicht zu unterschätzende sozio-medizinische Bedeutung von Gehörschäden durch Silvester-Feuerwerkskörper. Mehrere tausend Personen erleiden jedes Jahr in Deutschland eine Innenohrverletzung durch ein solches Knall- oder Explosionstrauma. Während sich die Hörschwelle in einem Teil der Fälle wieder erholt, bleibt bei anderen eine dauerhafte Hörminderung bestehen. Auch wenn keine subjektive oder objektive Verschlechterung der Hörschwelle die Folge des Traumas ist, so leidet eine nicht unerhebliche Zahl von Personen an dauerhaften Ohrgeräuschen (Tinnitus). Die für Deutschland geschätzte Inzidenz von in einem kurzen Zeitraum um Silvester hervorgerufenen Innenohrverletzungen durch Feuerwerkskörper ist etwa genauso hoch wie die Inzidenz von innerhalb eines gesamten Jahres in Ländern der westlichen Welt auftretenden Hörstürzen (2).
Unsere Gesellschaft ist durch zahlreiche Berufe gekennzeichnet, bei denen Kommunikation eine essenzielle Voraussetzung darstellt, die wiederum ohne ein gutes Hörvermögen nicht denkbar ist. Aufgrund der medizinischen, psychologischen und gesundheitsökonomischen Folgen ist der Schutz vor einer medizinisch unheilbaren Gehörschädigung eine wichtige Aufgabe der Präventivmedizin. Die deutlich erhöhte Inzidenz von Gehörschäden durch Silvester-Feuerwerkskörper in der Gruppe der männlichen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen trifft auf die ohnehin prominente Gefährdung dieser Bevölkerungsgruppe durch andere Arten des Freizeitlärms, wie zum Beispiel durch elektroakustisch verstärkte Musik (tragbare Musikabspielgeräte, Diskotheken und Musikgroßveranstaltungen) (10, 11). Ein wichtiger Ansatz zur Vermeidung dieser Gehörschäden liegt in der besonderen Berücksichtigung dieser Zielgruppe bei der Aufklärung über die besondere Gesundheitsgefährdung durch Impulslärm durch Feuerwerkskörper und Signalpistolen, bei der Eltern, Lehrer, Ärzte, Leiter von Jugend- und Sozialeinrichtungen und Medien zusammenarbeiten sollten.

Danksagung: Die vorliegenden epidemiologischen Daten für Deutschland sind das Ergebnis der Datensammlung von circa 800 Ärzten aus 31 HNO-Universitätskliniken, 87 HNO-Abteilungen Städtischer Krankenhäuser und 444 HNO-Praxen in Deutschland. Die Liste aller an der Datensammlung beteiligten Kliniken und Ärzte ist erhältlich bei den Autoren oder im Internet unter: http://www.medizin.uni-tuebingen.de/hno/gehoerschaeden_feuerwerkskoerper.htm.
Wir danken Prof. Dr. rer. nat. Klaus Dietz, Direktor des Institutes für medizinische Biometrie der Universität Tübingen, für die biometrische Betreuung der epidemiologischen Untersuchungen und Herrn C. Pfeffer, der maßgeblich an der Erstellung der Datenbank beteiligt war.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 3443–3444 [Heft 51–52]

Literatur
 1. Axelsson A, Hamernik RP: Acute acoustic trauma.
Acta Otolaryngol (Stock) 1974; 104: 225–233.
 2. Byl FM: Sudden hearing loss: Eight years experience and suggested prognostic table. Laryngoscope 1984; 94: 647–661.
 3. Deutsches Grünes Kreuz, Marburg (http://www. dgk.de).
 4. Maglieri DJ, Henderson HR: Noise from aerial bursts of fireworks. J Acoust Soc Am 1973; 54: 1224–1227.
 5. Pfander F: Das Knalltrauma. Berlin, Heidelberg: Springer 1975.
 6. Plontke S, Dietz K, Pfeffer C, Zenner HP: Hearing loss due to New Year's firecrackers. A prospective epidemiological study on the absolute incidence of blast and explosion trauma during the Millennium celebration in Germany. Abstract 72. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie. Eur Arch Otorhinolaryngol 2001; 258: 417.
 7. Plontke S, Herrmann C, Zenner HP: Gehörschäden durch Silvester-Feuerwerkskörper. HNO 1999; 47: 1017–1019.
 8. Rothschild MA, Dieker L, Prante H, Maschke C: Schalldruckspitzenpegel von Schüssen aus Schreckschusswaffen. HNO 1998; 46: 986–992.
9. Smoorenburg GF: Risk of noise-induced hearing loss following exposure to Chinese firecrackers. Audiology 1993; 32: 333–343.
10. Wissenschaftlicher Beirat der Bundes­ärzte­kammer: Gehörschäden durch Lärmbelastungen in der Freizeit. Dt Ärztebl 1999; 96: A 1081–1084 [Heft 16].
11. Zenner HP, Struwe V, Schuschke G et al.: Gehörschäden durch Freizeitlärm. HNO 1999; 47: 236–248.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Hans-Peter Zenner
Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde
Universitätsklinikum Tübingen
Silcherstraße 5, 72076 Tübingen
E-Mail: Zenner@uni-tuebingen.de

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