ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2001Pharmaindustrie: Nur noch zehn Forschungsstätten

VARIA: Wirtschaft

Pharmaindustrie: Nur noch zehn Forschungsstätten

Dtsch Arztebl 2001; 98(51-52): A-3461 / B-2918 / C-2714

Flintrop, Jens

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LNSLNS Eine Studie der Boston Consulting Group enthält Fakten zum Pharma-Standort Deutschland.

Deutschland ist einer der weltweit bedeutendsten Standorte für die pharmazeutische Industrie. Mit einem Umsatzvolumen von 15,6 Milliarden Euro war Deutschland im Jahr 2000 der drittgrößte Pharma-Markt hinter den USA (105,5 Milliarden Euro) und Japan (55,7 Milliarden Euro). Mit rund 114 600 Mitarbeitern nimmt die deutsche pharmazeutische Industrie im Jahr 2000 eine führende Position in Europa ein. Deutschland produzierte 1999 Pharmazeutika im Wert von 18,3 Milliarden Euro und lag damit weltweit an fünfter Position. Ein Großteil der Produktion ist für den Export bestimmt. Hier war Deutschland sogar weltweiter Spitzenreiter (14,7 Milliarden Euro) vor den USA (11,9 Milliarden Euro) und der Schweiz (11,1 Milliarden Euro).
Im Vergleich zu diesem sehr hohen Stellenwert, den Deutschland für die pharmazeutische Industrie hat, spielt Deutschland als Forschungs- und Entwicklungsstandort eine zunehmend geringere Rolle. So waren im Jahr 2000 nur etwa 14 600 Mitarbeiter der Unternehmen im Verband Forschender Arzneimittelhersteller hierzulande in den Bereichen Forschung und Entwicklung tätig. Damit liegt Deutschland in absoluten Zahlen deutlich hinter den USA (56 800 Mitarbeiter in 1999), Japan (29 000 Mitarbeiter in 1999), Großbritannien (21 000 Mitarbeiter in 1998) und Frankreich (18 200 Mitarbeiter in 1998). Somit ist Deutschland mittlerweile eher als starker Vertriebsstandort zu sehen. Forschung und Entwicklung werden in der pharmazeutischen Industrie vorwiegend außerhalb Deutschlands durchgeführt.
Bessere Forschungsbedingungen in den USA
Bessere Forschungsbedingungen in den USA
Die 30 führenden globalen pharmazeutischen Unternehmen unterhalten weltweit insgesamt 130 Forschungsstätten. Nur zehn dieser Forschungsstätten sind in Deutschland angesiedelt. Im Einzelnen sind dies: Abbott (Ludwigshafen), Aventis (Frankfurt), Bayer (Wuppertal), Boehringer Ingelheim (Ingelheim, Biberbach), Eli Lilly (Hamburg), Merck KGaA (Darmstadt), Pfizer (Freiburg), Roche (Penzberg) und Schering (Berlin). Fünf dieser Forschungsstätten werden von ausländischen Unternehmen unterhalten.
In den Vereinigten Staaten hingegen betreiben die 30 führenden pharmazeutischen Unternehmen insgesamt 53 Forschungsstätten. Davon werden 22 Forschungsstätten von nichtamerikanischen Unternehmen betrieben. Diese hohe Zahl von Forschungsstandorten ausländischer Unternehmen in den USA spricht für deren große Anziehungskraft auf pharmazeutische Unternehmen: Ausländische Firmen allein unterhalten mehr als doppelt so viele Forschungsstandorte in den USA, wie in Deutschland insgesamt angetroffen werden. Das Beispiel Großbritannien mit 16 Forschungsstätten, von denen elf zu ausländischen Unternehmen gehören, zeigt, dass die Marktgröße eines Landes dabei nicht als alleinige Erklärung herangezogen werden kann.
Viele international agierende pharmazeutische Unternehmen geben bei der Standortwahl für ihre Forschungsabteilungen anderen Ländern den Vorzug. Nur wenige Unternehmen haben einen Forschungsstandort nach Deutschland gelegt.
In Interviews mit Vertretern international agierender pharmazeutischer Unternehmen haben die Unternehmensberater der Boston Consulting Group folgende Beweggründe identifiziert:
- hohes Niveau, aber geringe kritische Masse in den deutschen Denker-Clustern,
- wenige Großforschungsprojekte mit internationalem Anspruch in Deutschland,
- geringe Aufwendungsorientierung in den biomedizinischen Wissenschaften in Deutschland und
- Verbesserungsbedarf der universitären Ausbildung.
Jens Flintrop
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