ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2001Arzt-Haftpflichtversicherung: Marketing-Köder

Versicherungen

Arzt-Haftpflichtversicherung: Marketing-Köder

Dtsch Arztebl 2001; 98(51-52): [91]

KHS

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LNSLNS Die Diskussion um die Reform des Schadenersatzrechts lenkt den Blick auch auf die derzeit durch die Versicherungsgesellschaften angebotenen Haftpflicht-Deckungskonzepte für Ärzte. Bei genauer Betrachtung werden Fehlentwicklungen deutlich. Warum benötigt zum Beispiel ein PJler zehn Millionen DM Versicherungsschutz in der Haftpflichtversicherung – ein Facharzt kommt aber mit drei Millionen DM aus?
Die bisher geübte Praxis einer sinnvollen Haftpflichtdeckung richtete sich nach den beruflichen Risiken – gemäß der Logik: Je größer das Risiko, desto höher der Beitrag. Entsprechend den unterschiedlichen Tätigkeiten wurden durch die Versicherungsunternehmen bestimmte Risikogruppen definiert, so Berufsstarter wie PJler, AiP und Assistenzärzte in der Weiterbildung, Ärzte mit vergleichsweise geringerem Risikopotenzial wie Allgemeinärzte und Ärzte mit eher höherem Risikopotenzial wie operativ tätige Ärzte und Belegärzte. Innerhalb dieser Risikogruppen wurden für jede Fachrichtung, teilweise bis hin zu sachlich notwendigen Differenzierungen („mit/ohne Geburtshilfe“), unterschiedliche Versicherungssummen in jeweils sinnvoller Höhe zu risikogerechten Prämien angeboten – eine für den Arzt wie auch für die Versicherung in langjähriger Praxis erprobte Kosten- und Risikokalkulation.
Dann kam die große Zeit der Marketingstrategen aufseiten der Versicherungen: Eine Haftpflichtversicherung, so ihre These, braucht jeder Arzt. Und je früher wir einen Arzt an uns binden, desto sicherer haben wir ihn als langfristigen Kunden. Conclusio: Haftpflicht ist unsere Einstiegssparte, die wir sogar gegebenenfalls subventionieren in der Erwartung, durch nachfolgende weitere Geschäfte mögliche Verluste auszugleichen.
„Doch wie machen wir ein Produkt wie die Haftpflichtversicherung attraktiv?“ fragten sich die Produktentwickler. Ganz einfach: „Wir lassen die Summen glänzen.“ „Zehn Millionen Mark Versicherungssumme“ hieß jetzt die Devise – auch wenn sie völlig unsinnig ist. Wie unsinnig, zeigt die Schadenstatistik des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Danach haben 1999 – neuere Daten liegen noch nicht vor – 73 875 versicherte Jungmediziner 1 973 Haftpflichtschäden verursacht mit einem Gesamtaufwand von 7 217 608 DM. Das entspricht einer Durchschnittsschadensumme von 3 658 DM! Nur für die zeitlich begrenze Dauer eines Ausbildungsaufenthaltes in den USA können höhere Deckungssummen erforderlich sein – nicht aber aus Schadensicht, sondern weil die dortigen Kliniken diese als Voraussetzung für eine Tätigkeit auch von einem deutschen PJler oder AiP verlangen.
Welche Konsequenz hat die Entwicklung? Der „Marketing-Gag“ erweist sich als Bumerang für die Ärzte. Junge Ärzte, die mit einer Haftpflichtversicherung über zehn Millionen DM „geködert“ wurden, werden, wenn sie die Facharztanerkennung erwerben, diesen Schutz übernehmen. Jetzt zahlen sie allerdings risikogerechte Prämien plus „Subventionen“ für ihre jungen Kollegen. Doch nicht nur das. Hohe Deckungssummen erzeugen auch hohe Schadensummen. Nach dem Motto: Wo eine Deckung ist, ist auch Schaden. Auch ein Weg, US-Verhältnisse nach Deutschland zu importieren! Den finanziellen Schaden dieser Marketingstrategie muss der versicherte Arzt über seine steigenden Prämien bezahlen.
Dieser Mechanismus sollte im Interesse der Ärzte unterbunden werden. Hierfür tragen nicht nur die Versicherungen Verantwortung. Auch die Berufsverbände sollten auf risikogerechte Vertragsangebote mit Weitblick für ihre Mitglieder achten und sich nicht zum Werkzeug einer Wettbewerbsoffensive einzelner Versicherungen machen lassen. Sie tragen Verantwortung primär gegenüber ihren Mitgliedern, aber auch für die Ärzteschaft als Ganzes. KHS
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