ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2002Gesundheitspolitik: Fehlinterpretation

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Gesundheitspolitik: Fehlinterpretation

Dtsch Arztebl 2002; 99(1-2): A-1 / B-1 / C-1

Flintrop, Jens

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LNSLNS Das Forsa-Institut hat im Auftrag des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums
1 001 Bundesbürger befragt. Ministerin Ulla Schmidt wertet die Ergebnisse als Bestätigung dafür, dass „der Weg, den wir gehen, der richtige ist“. Eine große Mehrheit der Bürger lehne es sowohl ab, den Leistungskatalog der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) in Grund- und Wahlleistungen aufzusplitten, als auch für das Risiko Krankheit nur noch einen Mindestversicherungsumfang festzulegen.
Objektiv betrachtet erlaubt die Forsa-Umfrage keine Aussage dazu, wie die Bürger bestimmte Reformoptionen für die GKV beurteilen. Die Befragten – chronisch kranke und mithin oft alte Menschen waren überrepräsentiert – äußerten subjektiv ihre Ängste, ohne Blick auf das Ganze.
Ein Beispiel: 66 Prozent der Befragten gaben an, das Sterbegeld müsse bei einer Neudefinition des GKV-Leistungskatalogs zu den Grundleistungen gezählt werden. Dies belegt die Angst besonders der alten Menschen, ihre Hinterbliebenen mit Kosten zu belasten, „wenn sie unter die Erde kommen“ (Schmidt). Daraus abzuleiten, dass die Mehrheit der Bürger eine Aufsplittung in Grund- und Wahlleistungen ablehnt, ist vermessen. Sinnvoller wäre es gewesen, zu fragen, ob das Sterbegeld als versicherungsfremde Leistung aus Steuermitteln zu finanzieren ist.
Dennoch enthält die Umfrage interessante Fakten: Immerhin 15 Prozent der Befragten sind unzufrieden mit der Gesundheitsversorgung. Nur wenige hatten schon einmal etwas vom „Runden Tisch“ (31 Prozent) oder vom neuen Entgeltsystem im Krankenhaus (28 Prozent) gehört. Neun von zehn gaben an, einen Hausarzt zu haben. 88 Prozent der chronisch Kranken wollen an Disease-Management-Programmen teilnehmen. Neun Prozent der Befragten wurde schon einmal ein Medikament von ihrem Arzt verweigert. 69 Prozent befürworten eine Gesundheitsabgabe auf Alkohol.
Die meisten Befragten (80 Prozent) rechnen mit steigenden Krankenkassenbeiträgen, 69 Prozent gehen dennoch davon aus, dass sich die medizinische Versorgung verschlechtert. 78 Prozent würden lieber einen höheren Beitrag zur Krankenkasse zahlen, als weniger Leistungen in Anspruch nehmen zu dürfen. Allerdings wissen 62 (!) Prozent gar nicht, wie hoch ihr Beitragssatz ist. Jens Flintrop
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