ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2002Forschung und Medizin: Therapie zwischen Leitlinien und Zukunftsvisionen

POLITIK

Forschung und Medizin: Therapie zwischen Leitlinien und Zukunftsvisionen

Dtsch Arztebl 2002; 99(1-2): A-18 / B-13 / C-13

Richter, Eva A.

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LNSLNS Evidenzbasierte Medizin, Robotik und neue Forschungsergebnisse verändern Therapien.


Der weltweite Trend der evidenzbasierten Medizin (EbM) dringt zunehmend auch hierzulande in die Gesundheitsversorgung vor. Ein Teil der Ärzte begrüßt die medizinischen Leitlinien als Entscheidungshilfen für die Therapie, andere lehnen sie als „Kochbuchmedizin“ ab. Zudem gibt es die Befürchtung, dass der positive Ansatz der EbM benutzt wird, um politisch und wirtschaftlich gewollte Verfahren einzuführen. Beispiel „flächendeckendes Mammographie-Screening nach Europäischen Leitlinien“: Das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (Deutsches Cochrane- Zentrum, Freiburg) kritisierte, dass das Screening bereits mit dem Prädikat „evidenzbasiert“ versehen sei, obwohl die Europäischen Leitlinien den Nutzen des Screenings nicht belegt hätten.
Evidenzbasierte Medizin soll eine wissenschaftlich fundierte und dem aktuellen Therapiestandard entsprechende gesundheitliche Versorgung der Patienten ermöglichen. Dazu sollen internationale Forschungsergebnisse objektiv bewertet werden. Die Methode der EbM haben Wissenschaftler in Großbritannien und Kanada entwickelt, um mithilfe objektivierbarer Therapiestudien eine möglichst standardisierte Medizin zu erhalten, die zu mehr Qualität und Rationalität in der medizinischen Versorgung führt. Eine weitere Voraussetzung: EbM soll systemneutral und frei von politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Zwängen sein. Doch inzwischen beginnen Krankenkassen und Politiker, die Ärzte mit medizinischen Leitlinien und EbM zu konfrontieren, wenn sie den unwirtschaftlichen Umgang mit den knappen Ressourcen und eine Über-, Unter- und Fehlversorgung thematisieren wollen – Stichwort „Kostendämpfung“. Schon seit Jahren nutzt der Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen „objektive“ Bewertungskriterien, doch auch in seine Entscheidungen spielen politische und wirtschaftliche Überlegungen hinein.
Aus ärztlicher Sicht sollte hingegen der medizinische Nutzen neuer Therapietrends im Vordergrund stehen. Einer dieser Trends, der sich bereits im klinischen Alltag durchsetzt, ist der Einsatz von Operations-Robotern und computergestützten Navigationssystemen. Vor allem in der Chirurgie, Orthopädie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde erlauben sie präzisere Bohr- und Fräsvorgänge sowie eine exaktere Schraubenplatzierung. Durch die Kombination mit bildgebenden Verfahren kann eine Operation im Vorfeld optimal geplant werden. Viele Chirurgen sehen darin bereits die Operationsmethode der Zukunft.
Künftige Therapien im Blick
Für die Entwicklung neuer medizinischer Diagnose- und Therapieverfahren spielt die Erforschung des menschlichen Erbgutes eine zunehmend größere Rolle. Im Februar vergangenen Jahres hatten das internationale Humangenom-Konsortium (Francis Collins) und das Unternehmen Celera Genomics (Craig Venter) den Bauplan des menschlichen Genoms präsentiert. Es enthält etwa 30 000 bis 40 000 Gene. Diese sind jedoch noch lange nicht identifiziert. Auch in Deutschland wird deshalb die funktionelle Genomanalyse mit Hochdruck vorangetrieben. Das Deutsche Humangenomprojekt* setzt derzeit noch stärker auf anwendungs- und funktionsorientierte Projekte. Die Genomanalyse soll helfen, die Krankheitsmechanismen der „Volkskrank-heiten“ aufzudecken und neue Therapiemöglichkeiten zu erschließen. Schwerpunkte der Forschungsarbeiten sind die Sequenzierung der Chromosomen, die Erforschung der genetischen Grundlagen polygener Erkrankungen, die Bestimmung von Methylierungsmustern in menschlichen Genen sowie die Entwicklung neuer Methoden zur Genomanalyse.
In Kombination mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms versprechen sich viele Forscher jetzt wieder vermehrt Erfolge in der Gentherapie. Grundsätzlich lassen sich mit den Methoden der Gentherapie zwei Ziele verfolgen. Einerseits kann die Kopie eines gesunden Gens in eine Zelle eingeschleust werden, um einen Defekt zu kompensieren. Andererseits kann ein verändertes Gen in eine Zelle eingebracht werden, um diese mit neuen Eigenschaften auszustatten. Die Hoffnungen, die bereits vor Jahren in diesen Therapiebereich gesetzt wurden, haben sich bisher nur im geringen Maße erfüllt. Der Grund: Die therapeutischen Gene lassen sich mit den zurzeit verwendeten Gentransfersystemen (virale und nichtvirale Vektoren) nicht ausreichend präzise lenken. Dies gilt auch für Regulationsmechanismen, die die Ak-tivität künstlich eingeführter Gene steuern.
Die Forscher arbeiten derzeit vor allem an der Therapie von monogenetischen Erkrankungen, an Tumortherapiestrategien, für die etwa 5 000 Gene zur Verfügung stehen, an der Therapie von angeborenen Stoffwechselerkrankungen sowie an der Therapie von Infektionserkrankungen, für die es keine therapeutischen Alternativen gibt. Beispielsweise werden DNA-basierende Impfstoffe als alternative Präventions- und Therapiestrategien für die HIV-Infektion untersucht. In ersten klinischen Studien konnte eine Stimulation des Immunsystems nachgewiesen werden, relevante Nebenwirkungen zeigten sich nicht. Dr. med. Eva A. Richter
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