POLITIK: Die Glosse

So lassen, wie es ist

Dtsch Arztebl 2002; 99(1-2): A-22 / B-19 / C-19

Mehlen, Wolfgang J.

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LNSLNS Richtig tüchtig ist sie. Versonnen schaut der Ministerialdirigent seiner neuen Ministerin hinterher, die nun seit einiger Zeit das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium unter ihm leitet. Von ihrem Fahrer beschirmt, entschwindet sie im Regen.
Unwillkürlich denkt er an ihren Vor-Vorgänger. Wie ein begossener Pudel hatte er damals dagestanden, der Herr Seemann. Einfach abgewählt hatten sie seine Partei, nach so vielen Jahren. Dabei hatte er bis zuletzt den Ärzten und ihren Funktionären so schön eingeheizt.
Nach ihm war dann endlich wieder eine Dame in das Ge­sund­heits­mi­nis­terium eingezogen, unter seinen wohlwollenden ministerialen Augen. Ganz grün war sie damals noch, die Frau Schiffer. Noch toller als der Herr Seemann wollte sie sein. Unter ihrer Führung sollten die Ärzte nicht nur für ihre eigenen Rezepte haften; auch wenn der Kollege aus Niederdollendorf zu viel verordnet hatte, hätte der Kollege aus Oberdollendorf dies mitbezahlen sollen. Leider war sie nicht so lange im Amt, denn sie hatte die Sache mit der Seuche nicht mitbekommen. Dabei konnte man es im ganzen Land hören, das „Lachen der Kühe“. Wirklich: Sie hätte es hören müssen. Dabei hatte sie so eine sympathische, rauchige Stimme. Und das glucksende Lachen; aber vielleicht hatte sie es deshalb nicht hören können, das Lachen. Ein ganz klein wenig fühlte er sich mitschuldig, hatte er doch den Bericht über das „Lachen der Kühe“ zwei Wochen in seiner Schublade liegen.
Die Neue ist wirklich sehr nett. Richtig sparen will sie. Alles müsse auf den Prüfstand. Auch die Verwaltungskosten der Krankenkassen. Dabei fragt er sich, wie man denn hier sparen könnte. Schließlich müssten doch auch die Erfolgsprämien der Krankenkassenleiter irgendwie bezahlt werden. Selbst die Mehrwertsteuer auf Medikamente will sie in Zusammenarbeit mit Bundesfinanzminister Eichhorn senken.
Gestern hat sein Unterabteilungsleiter ihm etwas von „Me too“-Präparaten erzählt. Die seien nicht wirklich neu, nur die Moleküle hätten sie ein wenig verschoben. Dadurch sei das Präparat zwar nicht neu, aber das Patent. Nun ja, schließlich müssen die Pharmafirmen auch irgendwie Dividenden ausschütten. Die Pharmafirmen, die Großhändler, die Apotheken müssen schließlich leben. Allerdings könnte der Herr Eichhorn schon die Mehrwertsteuer bei Pillen senken und stattdessen bei den Erotik-Magazinen abkassieren, aber das wäre sicher viel zu umständlich.
Zufrieden lehnt er sich zurück in seinem Sessel und denkt an die Wissenschaftssendung, die er gestern gesehen hat. Mit Robotern operieren sie jetzt, die Ärzte. Strahlend wie um ein neues Spielzeug haben die Professoren um ihren neuen Roboter gestanden; billig sind die Dinger bestimmt nicht, aber das hat keiner gesagt. Und wenn die Ärzte täglich zehn Stunden operieren, brauchen sie eh nicht so viel Geld. Wann wollen sie es denn ausgeben?
Das Tollste aber sind die neuen DRGs. Den Krankenhäusern wird nicht mehr der Aufenthalt der Patienten bezahlt, demnächst gibt es für jede Krankheit einen Pauschalbetrag. Man muss den Leuten einfach nur klar machen, dass sie schneller gesund werden müssen. Wenn sie nach dem Krankenhaus nicht so recht gesund sind, können sie immer noch zu ihren Hausärzten gehen und deren Budget belasten.
Als er seinen Diplomatenkoffer schließt, kommt ihm noch der Gedanke, dass es nicht ganz richtig ist, wenn ein Patient dreimal zum Kernspin geht, um schauen zu lassen, dass im Kopf nichts drin ist. Diesen flüchtigen Gedanken (Versicherungsbetrug?) verwirft er schnell, denn hat er nicht die Rechnung für seinen Parkrempler dem Parkhaus und seiner Kaskoversicherung vorgelegt und zur Sicherheit auch noch von der Steuer abgesetzt?
So zieht er die Tür zu seinem Büro vollends ins Schloss mit dem Vorsatz, seiner Ministerin gleich am nächsten Morgen vorzuschlagen, alles so zu lassen, wie es ist. Wolfgang J. Mehlen
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