ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2002Kompetenznetzwerke: Eine Struktur gewinnt allmählich Inhalte

POLITIK: Medizinreport

Kompetenznetzwerke: Eine Struktur gewinnt allmählich Inhalte

Dtsch Arztebl 2002; 99(1-2): A-24 / B-17 / C-17

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Die Teilnehmer der zwölf Großprojekte, die vom Bun­des­for­schungs­minis­terium gefördert werden, haben erstmals konkrete Ergebnisse ihrer Arbeit vorgestellt.


Die Zahl der chronisch-entzündlichen Darm­er­krank­ungen hat sich in den letzten 20 Jahren verzehnfacht: In Deutschland leben etwa 300 000 Patienten – meist im Alter zwischen 20 und 30 Jahren – mit diesen schubweise auftretenden Erkrankungen, deren Ursache und Pathogenese in vielen Punkten noch nicht geklärt sind. Nur „gebündeltes“ Know-how von Grundlagenforschung, klinischer Forschung und behandelnden Ärzten ist in der Lage, diese Lücken zügig zu schließen. „Mit der Einrichtung des Kompetenznetzes ,Chronisch-entzündliche Darm­er­krank­ungen‘ ist es gelungen, dieses Wissen zu vernetzen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten“, sagte Prof. Ulrich R. Fölsch (Universität Kiel) anlässlich des ersten Treffens der Kompetenznetze in der Medizin in
Fehlreaktionen von verschiedenen Zellen des Immunsystems sind wahrscheinlich die Ursache rheumatischer Erkrankungen. Foto: Prof. Andreas Radbruch
Fehlreaktionen von verschiedenen Zellen des Immunsystems sind wahrscheinlich die Ursache rheumatischer Erkrankungen. Foto: Prof. Andreas Radbruch
Darmstadt.
Ein erster Erfolg aus dieser Forschungsvernetzung ist die Identifizierung eines Risikogens für den Morbus Crohn. Dieses „NOD2“-Gen auf Chromosom 16 ist an der Aktivierung von Entzündungsreaktionen als Antwort auf Bakterien im Darm beteiligt. Die Entdeckung des Gens basiert auf den Daten einer Patientenkohorte von mehr als 500 Familien und über 1 000 Patienten mit chronisch-entzündlichen Darm­er­krank­ungen. „Durch den Aufbau eines so genannten molekularen Kernzentrums in Kiel konnte diese große Patientengruppe mit molekulargenetischen Methoden untersucht werden“, sagte Fölsch.
Eine der wichtigsten genetischen Krankheitsvarianten in diesem Gen ist eine Mutation, die zu einer verkürzten Eiweißkette – und daher zu einem unvollständigen Regulator – führt. Menschen mit einer defekten Kopie dieses Regulatorgens (heterozygote Träger dieser Mutation) haben ein etwa 2,5faches Risiko, an Morbus Crohn zu erkranken. Für homozygote Träger mit zwei mutierten Kopien ist das Risiko etwa 100fach höher als in der Allgemeinbevölkerung.
„Wahrscheinlich kann durch dieses Gen etwa ein Viertel der gesamten genetischen Veranlagung für den Morbus Crohn erklärt werden“, sagte Fölsch. „Außerdem scheinen Mutationsträger deutlich häufiger spezifische Komplikationen wie beispielsweise Fisteln zu entwickeln.“ Im Gegensatz dazu habe man diese Mutation bei keinem Patienten mit Colitis ulcerosa finden können, sodass diese Erkenntnis in Zukunft auch zur Unterscheidung dieser Krankheitsbilder beitrage – mit erheblicher Relevanz für das therapeutische Vorgehen.
Auch im Kompetenznetz „Parkinson“ zeichnen sich erste konkrete Erfolge der gemeinsamen Arbeit ab, wie Prof. Wolfgang H. Oertel (Universität Marburg) berichtete. So wurde ein Fragebogen für Allgemeinmediziner und Fachärzte entwickelt, mit dem das Phänomen medikamenteninduzierter psychotischer Zustände bei Parkinson-Patienten erfasst werden soll. Solche Nebenwirkungen, zu denen Albträume, Halluzinationen oder psychische Veränderungen gehören, stellen eines der größten Probleme in der Therapie von Parkinson-Patienten dar. „Außerdem gehören arzneimittelinduzierte Psychosen zu den häufigsten Ursachen für die stationäre Einweisung der Patienten“, sagte Oertel.
Das Kompetenznetz „Parkinson“ erarbeitet darüber hinaus einen – nur aus zehn Fragen bestehenden – Fragebogen zur Identifizierung von Parkinson-Patienten in Hausarztpraxen. Ein solcher Test, der trotz seiner Einfachheit eine hohe Trefferquote bieten soll, ist nach Angaben von Oertel wünschenswert, da sich die Krankheit meistens schleichend entwickelt und die Diagnose daher schwierig sein kann.
Während die Diskussion um die embryonalen Stammzellen hierzulande mit Eifer geführt wird, stellte Prof. Dr. rer. nat. Andreas Radbruch (Deutsches Rheuma-Forschungszentrum, Berlin) eine Rheumatherapie mit autologen, adulten Stammzellen als Beispiel einer gelungenen Kooperation zwischen Grundlagenforschung und Klinik im Kompetenznetz „Rheuma“ vor. Hierbei werden die Stammzellen mithilfe von Wachstumsfaktoren aus dem Knochenmark der therapieresistenten Patienten mobilisiert und aus dem peripheren Blut herausgelesen. Diese „Stammzellernte“ erfolgt mit einem neuartigen Zellsortiergerät (CliniMACs®: Magnetische Hochgradienten-Zellsortierung), das die Selektion einzelner Zellpopulationen in bisher noch nicht erreichter Reinheit ermöglicht.
Dann unterziehen sich die Patienten einer Hochdosis-Chemotherapie. Dahinter steckt die Idee, das fehlgeleitete Immunsystem zu zerstören und anschließend mit patienteneigenen Stammzellen wieder ein „neues“ aufzubauen, das möglicherweise die Krankheit „vergessen“ hat. Seit 1998 sind an der Berliner Charité neun Patienten mit lebensbedrohlichen Autoimmunerkrankungen auf diese Weise behandelt worden. Fünf litten an systemischem Lupus erythematodes (SLE), drei an Sklerodermie und eine an Polychondritis, einer seltenen entzündlichen Knorpelerkrankung. Vier Patienten sind heute immer noch frei von Krankheitszeichen. „Die typischen Autoantikörper im Blut sind verschwunden, die Entzündungsparameter und das T-Zell-Rezeptor-Muster haben sich normalisiert“, berichtete Radbruch, der allerdings noch nicht von einer Heilung sprechen möchte. „Dies wäre erst nach einem krankheitsfreien Verlauf von mindestens fünf Jahren gerechtfertigt.“ Bei den Sklerodermien sei die Stammzell-Therapie nicht erfolgreich.
Radbruch betonte, dass die Stammzelltransplantation wegen nicht unerheblicher Risiken nur lebensbedrohlichen rheumatischen Erkrankungen vorbehalten bleibe. Denn bis das „neue“ Immunsystem aufgebaut sei, vergehen Monate. „Auch ein Jahr nach der Behandlung fehlen den Patienten noch die Gedächtniszellen, sodass die Abwehr gegen Alltagskeime erst wieder erworben werden muss.
Dass man sich in den Kompetenznetzen nicht nur um Therapieformen kümmert, sondern auch um Prävention, zeigt eine Pilotstudie zur Suizidprävention des Kompetenznetzes „Depression, Suizidalität“ in Nürnberg. Das Aktionsprogramm wendet sich mit vielfältigen Informationen (Plakate, Videos, Kinospots) und Fortbildungsangeboten an die Nürnberger Bürger. Hierbei werden nicht nur Hausärzte geschult, sondern auch „Multiplikatoren“ wie Pfarrer, Altenpflegekräfte, Lehrer und Polizeibeamte. „Die Zahl der Suizide verringerte sich in Nürnberg in diesem Jahr um über 40 Prozent, die der Suizidversuche um 29 Prozent“, fasste Prof. Ulrich Hegerl (Universität München) das Ergebnis dieses erfolgreichen Aktionsprogramms zusammen.
Anschubfinanzierung
Zu den dreißig Projekten, die im Kompetenznetz „Schizophrenie“ organisiert sind, gehört auch die Beteiligung an einem internationalen Programm gegen die Diskriminierung von schizophren erkrankten Menschen. Denn nach einer Umfrage der Forschungsgruppe „Antistigma“ des Kompetenznetzes wissen fast drei Viertel der Befragten nichts über die Ursachen der Schizophrenie, und 79 Prozent glauben, dass Schizophrene unter gespaltener Persönlichkeit leiden. „Mit der Realität haben solche Klischees nichts zu tun, denn die Krankheit zeichnet sich durch gestörte Denk-, Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeit aus“, erklärte Prof. Wolfgang Gaebel (Universität Düsseldorf).
Seit Mitte 1999 wurden im Rahmen des Kompetenznetzes „Akute und chronische Leukämien“ mehr als 1 000 Patienten mit dem hochaktiven Wirkstoff Imatinib behandelt, womit in der fortgeschrittenen Phase der Erkrankung bislang nicht annähernd erreichte Ansprechraten erzielt werden konnten. Für Dr. Ute Berger (Klinikum Mannheim) steht fest, dass es ohne die „einzigartige Struktur“ des Kompetenznetzes nicht möglich gewesen wäre, in so kurzer Zeit so viele Patienten in die Studien einzubinden. Die positiven Ergebnisse der Studie hätten unmittelbaren Einfluss auf die künftige Leukämiebehandlung.
Eben diese Beschleunigung des Wissenstransfers sieht Dr. Peter Lange vom Bun­des­for­schungs­minis­terium als Kernaufgabe der Kompetenznetze an: „Es darf nicht mehr sein, dass die Ergebnisse der Grundlagenforschung mit einer Verzögerung von bis zu fünfzehn Jahren in die Praxis oder ans Krankenbett gelangen.“ Lange möchte die Finanzierung der Netze durch das Ministerium nur als „Anschub“ verstanden wissen. Pro Netz werden jährlich maximal 2,5 Millionen A für zunächst drei Jahre zur Verfügung gestellt. Abhängig vom Ergebnis einer Zwischenbeurteilung besteht die Möglichkeit der Anschlussförderung für weitere zwei oder drei Jahre. „Danach sollten die Netze auch finanziell auf eigenen Beinen stehen“, so Lange. Neben den oben beschriebenen Kompetenznetzen werden außerdem gefördert:
- Maligne Lymphome
- Pädiatrische Onkologie und Hämatologie
- Schlaganfall
- Brain-Net
- Ambulant erworbene Pneumonien
- Hepatitis (HEP-NET).
Vom Ministerium bewilligt und im Aufbau begriffen sind ferner die Netze:
- HIV
- Demenz und
- Herz-Kreislauf.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

www.kompetenznetze-medizin.de

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